Der 53-Jährige soll über Jahre hinweg junge Sportler missbraucht haben. Foto: 7aktuell.de/Lermer

Im Prozess gegen einen einstigen Jugendtrainer wird klarer, wie der 53-Jährige es mutmaßlich geschafft hat, über Jahre unbemerkt Schützlinge zu missbrauchen.

Die schweren Vorwürfe hat er schon am ersten Prozesstag eingeräumt – doch noch immer stellt sich die Frage nach dem „Wie“. Wie konnte es dem heute 53-Jährigen, der lange Zeit beim SV Fellbach als Handball-Jugendtrainer tätig war, gelingen, über Jahre hinweg unbemerkt Kinder und Jugendliche sexuell zu missbrauchen? Der zweite Prozesstag hat in diesem Zusammenhang einige erschütternde Erkenntnisse geliefert.

 

Als die Polizei Anfang August bei dem Fellbacher vor der Wohnungstür stand, um die Räume zu durchsuchen, soll er überrascht gewesen sein. Doch er gab bereitwillig das Passwort zu seinem Rechner heraus, insgesamt 15 Terrabyte an Daten nahmen die Ermittler mit. „Er hat gesagt, er würde zu Unrecht beschuldigt, und dass wir nichts finden würden, was die Anschuldigungen untermauert“, erzählt eine Ermittlerin.

Erst Gespräche über den Sport, dann Körperkontakt

Doch es kam anders. Vor allem rund 700 Videos, welche die Polizisten als relevant einstuften, brachten die Arbeit der Polizei auf mehreren Ebenen weiter. Nicht nur, weil der 53-Jährige sie geradezu akribisch, mit den Namen der Opfer benannt, abgespeichert hatte und die Fahnder damit auf immer weitere Geschädigte stießen. Sondern auch, weil die Kamera bei manchen Treffen einfach mitlief und es dem Gericht jetzt möglich ist, nachzuvollziehen, auf welche Weise der Angeklagte begann, seine sportlichen Schützlinge zu missbrauchen.

Oft, so erzählt die Kriminalhauptkommissarin, hätte sich das Gespräch bei dem 53-Jährigen zuhause um Handball gedreht. Doch dann wechselte der Trainer plötzlich zu sexuellen, intimen Themen. „Dann wurde Körperkontakt aufgebaut, etwa mit einem Anfassen am Knie oder einem Kuss auf den Hinterkopf“, erklärt ein Kriminalhauptkommissar. Dabei blieb es nicht. Wenn der Missbrauch zum ersten Mal geschah, waren die meisten Betroffenen 13 oder 14 Jahre alt. Manche von ihnen wurden bis zum Erwachsenenalter gepeinigt. „Man sieht auf manchen Videos, dass es den Geschädigten mit der Zeit immer unangenehmer wurde“, so der Ermittler.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: So blickt der Verein auf den Prozess

Allmählich wird klarer, wie der Jugendtrainer es schaffte, über Jahre hinweg immer weitere Opfer zu finden und sein Treiben 15 Jahre lang hinweg verborgen zu halten. Gemeinsam haben die Opfer, dass der Handball für sie eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielte und dass sie als Sportler einen gewissen Ehrgeiz an den Tag legten. Der Trainer lud sie zu Trainings- oder Spielbesprechungen zu sich nach Hause ein. Oft suchte er sich, so der Eindruck der ermittelnden Polizisten, jene heraus, die es Zuhause nicht leicht hatten, und präsentierte sich ihnen gegenüber als Vertrauensperson.

Missbrauch und Geschenke – oder Ende der sportlichen Förderung

Wer sich dem Missbrauch ergab, wurde belohnt. Mal mit Aufgaben im Verein, mal damit, dass der Trainer Material für seine Günstlinge über den Verein abrechnete oder Handballtickets verschenkte. „Wenn sich jemand sträubte, konnte es sein, dass sie an Positionen spielen mussten, die ihnen nicht lagen, und dafür andere, die sie für schlechter hielten, an ihrer Stelle spielten“, erklärt der Kriminaloberkommissar. Auch die große Scham und das Gefühl, sich nicht deutlich genug gewehrt zu haben, habe die Betroffenen daran gehindert, sich jemandem anzuvertrauen. Und das, obwohl der Trainer ihnen teils Videos zeigte, auf denen er Mannschaftskameraden missbrauchte – offenbar, um Widerstand zu brechen. „Für sie war auch klar, wenn sie es sich mit ihm verscherzen, ist die sportliche Förderung weg.“ Teilweise handelte der heute 53-Jährige auch regelrechte Deals mit den Geschädigten aus. Ein Besuch alle drei Wochen gegen eine Trainingslager-Teilnahme – so stellte er es sich vor. Kam es vor, dass ein Jugendlicher sich querstellte, ein Treffen verweigern wollte oder überlegte, den Verein zu wechseln, versuchte der Jugendtrainer oft – offenbar auch erfolgreich – seinen Opfern ein schlechtes Gewissen zu machen. „Kein Mensch ist ohne Fehler, das mit dem Knuddeln ist eben meiner“, rechtfertigte sich der mutmaßliche Sexualtäter einmal in einem Chat gegenüber einem seiner Opfer.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Was Kinder vor Missbrauch schützen kann

Durch das umfassende Geständnis des Angeklagten geht der Prozess schneller voran als zunächst geplant. Am nächsten Verhandlungstag, dem 9. Mai, wird der psychiatrische Sachverständige sein Gutachten vorstellen. Darin soll er die Schuldfähigkeit des 53-Jährigen beurteilen.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der Verdächtige arbeitete bei einem Jugendamt