Es brauchte mehrere Anläufe, bis das heutige Verwaltungsgebäude von Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) stand. Doch die Pläne waren erstaunlich weitsichtig.
Es ist eines der markantesten und bekanntesten Gebäude Kornwestheims: das Rathaus am Jakob-Sigle-Platz. Seit 90 Jahren stehen der dreigeschossige horizontale Südflügel und der Wasserturm, das mit 48 Metern Höhe weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt. Nicht nur diese Kombination macht das Zuhause der Stadtverwaltung über Kornwestheim hinaus besonders.
Der langjährige, damalige Bürgermeister Alfred Kercher eröffnete das neue Rathaus am 23. November 1935. Erbaut und entworfen hatte es Architekt Paul Bonatz, der unter anderem auch das Gebäude des Stuttgarter Hauptbahnhofs entworfen hat, in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Diktatur.
Kein Repräsentationsbau des Regimes
Doch den Stempel der imposanten Naziarchitektur trüge das Gebäude zu Unrecht, betont Ruth Kappel, Vorsitzende des Kornwestheimer Vereins für Geschichte und Heimatpflege. „Dem Rathaus fehlt alles, was es zu einem monumentalen Repräsentationsbau des Dritten Reichs gemacht hätte“, sagt sie. Die Eingänge seien eher versteckt. Es gebe keine imposanten Treppenaufgänge, Laufgänge oder Bürgermeisterzimmer. Allerdings folgte die Architektur dem Modegeschmack der Zeit. Dafür sprechen die moderne Stahlbetonkonstruktion und die bunten Ziegelsteinfüllungen.
Als beeindruckend weitsichtig bezeichnet Kappel die Planungen. Es ist nicht nur so, dass man sich in den Jahren 1934 und 1935 bereits auf den Kriegsfall vorbereitet hatte. „Entlang des Verwaltungsbaus wurden beispielsweise Bunker gebaut und der Turm war so konzipiert, dass beim Überfliegen optisch nur der Grundriss eines größeren Wohngebäudes zu sehen war“, erklärt die Geschichtsexpertin. Auch Kerchers Vorschlag, das Rathaus an den Stadtrand zu verlegen und dort einen neuen Mittelpunkt zu schaffen, war vorausschauend. „Es ist faszinierend, dass das Gebäude nun in der Mitte Kornwestheims steht“, sagt Kappel.
Doch warum überhaupt der Neubau? Das Alte Rathaus an der Lange Straße, Ecke Kirchstraße war zu klein geworden. Schon 1911 gab es Planungen, ein neues zu bauen. Aber der Erste Weltkrieg stoppte das Vorhaben. Zur Überbrückung wurde das Schulhaus an der Wette, also am östlichen Ende der Bahnhofstraße, zum provisorischen Rathaus umfunktioniert, schreibt Stadtarchivarin Natascha Richter in den kürzlich erschienenen „Beiträgen zur Kornwestheimer Geschichte“.
Umsetzung erst nach mehreren Anläufen
Auch dort waren die Verhältnisse zu beengt. „Kornwestheims Industrie mit Eisenbahn, Salamander in der Stammheimer Straße, Stotz und Kreidler wuchs“, erklärt Ruth Kappel. Durch den Bau zweier Kasernen kamen weitere 2500 Soldaten in die Stadt, sodass die Einwohnerzahl rasant zunahm. Doch auch die Idee, an der Wette eine Erweiterung zu bauen, wurde – trotz mehrerer Anläufe – nicht realisiert. Erst Anfang 1933 setzte sich ein anderer Entwurf durch: Nur Bonatz’ Pläne, die den Wasserturm beinhalteten und damit eine Lösung für die Wasserversorgung umfassten, wurden tatsächlich umgesetzt.
Mit einem „Tag der offenen Tür“ am Samstag, 22. November, feiert die Stadt den runden Geburtstag ihres Rathauses. Von 11 bis 16.30 Uhr gewähren verschiedene Bereiche der Stadtverwaltung Einblicke hinter die Kulissen, auch in den jüngeren Erweiterungsteilen, im Nord- und Westbau. Neben einer Rallye mit vielen Stationen sind unter anderem ein Podiumsgespräch mit Ruth Kappel (12 Uhr) und eine Foto- und Autogrammstunde mit VfB-Maskottchen Fritzle und dem DFB-Pokal vorgesehen.