Die zerstörte Kirche. Foto: Sostmann

Fünf Jahre, nachdem die Stadtkirche im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, feierten die Böblinger ihren Wiederaufbau. Und am Wochenende zelebriert die Gemeinde das Jubiläum.

Kirchen sind wie Menschen: Im Grunde alle gleich, aber dann doch so verschieden, dass sie unverwechselbar werden. So wie sich manche Menschen nach einer fürchterlichen Krise wieder aufrappeln, hat sich die Böblinger Stadtkirche nach der Bombennacht am 7. Oktober 1943 wieder aufgerichtet – ist wieder auferstanden, will man einen religiös gefärbten Ausdruck benutzen.

 

Zum Jubiläum hat die Stadt im Neuen Rathaus eine sehenswerte kleine Geschichte der Kirche aufgebaut und die Gemeinde selbst ein großes Festprogramm gestaltet, das am dritten Advent beginnt. Vor 75 Jahren, im Dezember 1950, wurde die Kirche eingeweiht – wieder errichtet als erstes öffentliches Gebäude nach den Verwüstungen des Krieges, nach den Plänen des Böblinger Büros Mayer, das heute noch existiert.

Die Kirche als kultureller Klangkörper

Seither ist sie nicht nur geistlicher Treffpunkt, sondern auch ein kultureller Klangkörper und ein verlässlicher Fixpunkt im Stadtbild, weithin sichtbar und für alle Böblinger gleichermaßen das Symbol: Wenn sie diese Kirche sehen, dann sind sie daheim.

Für die Stadtpfarrerin Gerlinde Feine ist die heutige Böblinger Stadtkirche die Kirche „on Top“. Foto: Stolte

Nun lädt die Jubilarin unter dem Motto„Klang, Farbe, Herz on top!“ zu einem Nachmittag ein, der mehr sein will als ein Geburtstag. Die Gemeinde will zeigen, wie viel Leben in ihren Räumen steckt – und wie viele Erinnerungen sich zwischen Altar, Orgelempore und Foyer trotz der Katastrophe von 1943 angesammelt haben.

Die Gratulanten bringen ein Ständchen

Am Sonntag, 14. Dezember, öffnen sich ab 14 Uhr die Pforten. Zunächst unspektakulär, mit Kaffee, Kuchen und dem unaufgeregten Kommen und Gehen, das solche Feiern ausmacht.

Doch schon um 15 Uhr beginnt das Geburtstagsständchen: Musik, kleine Überraschungen, vielleicht auch jene Zwischentöne, in denen die Kirche seit Jahrzehnten eine Heimat findet.

Um 16 Uhr wird es offiziell. Der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne) tritt ans Mikrofon, flankiert von weiteren Gästen, die an die Bedeutung des Bauwerks für die Stadt erinnern wollen – und daran, dass dieses Gotteshaus einst Zeichen des Aufbruchs war. In Böblingen, das sich damals neu erfand, wirkte die Kirche wie ein Versprechen aus Stein für eine bessere und friedlichere Zukunft.

Eine Stunde später gleitet der Nachmittag in ruhigere Bahnen. Orgelklang und ein Bilderreigen verbinden Musik und historische Ansichten.

Ein Böblinger Wimmelbuch

Wer lieber hinter die Kulissen schaut, kann sich die Orgel zeigen lassen oder durch die Ausstellung mit Erinnerungsstücken, bewegten Bildern und manchen Überraschungen schlendern. Dort liegen auch Souvenirs bereit – von der „Kibri-Kirche“, einer Kirche im Modellbausatz, bis hin zum Böblinger Wimmelbuch. Kleine Dinge, die auf etwas ganz Großes zeigen, die Entwicklung der Kirche und des Glaubens.

Stadtkirche im Wiederaufbau Foto: Stadtarchiv

Da gibt es die hochmittelalterliche Kirche, die dem Dionysius geweiht war, die vielleicht sogar etwas mit der Stammkirche St. Denise in Paris zu tun hatte, in der eben jener St. Dionysius begraben liegt, der Schutzpatron von Paris. Da gibt es die romantische Kirche, verziert mit Türmchen, Erkern, bunten Fliesen und historistischem Wandschmuck, da gibt es die weiß getünchte, nüchtern-protestantische Kirche, und dann nach dem Wiederaufbau die moderne Kirche mit modernem Holzdach, neuer Orgel und neuer Empore.

Die Kirche ist alles

Fragt man die Stadtpfarrerin Gerlinde Feine, welche Kirche ihr nach all den Umbauten und der Zerstörung am besten gefällt, dann sagt sie: „Die heutige“. Denn diese Kirche sei alles, Gebetsraum, Diskussionsraum, Ausstellungsraum, Raum für Begegnungen.

Auch jenseits der Kirchentür wird gefeiert. Im Foyer des Neuen Rathauses zeigt die Sammlung des Historikers Hans-Jürgen Sostmann historische Kirchenbilder. Gegen 17.40 Uhr klingt der Tag aus, mit Abendsegen und den letzten Tassen Kaffee.

Der Eintritt ist frei, Spenden zugunsten der Orgel sind erbeten – ein leiser Hinweis, dass auch 75-jährige Jubilare sich über Geburtstagsgeschenke freuen würden.

Die Kirche feiert ihren Wiederaufbau

Kirche
Die Anfänge des Kirchenbaus sie liegen wahrscheinlich am Ende des zehnten Jahrhunderts. Um 1200 bis 1250 ist ein frühgotischer Turm aus Sandsteinkeuper nachgewiesen. Zu Beginn der 15. Jahrhunderts wurde die Stadtkirche in heutiger Größe neu errichtet. 1420 war der Neubau des Chors mit einem Schlussstein des Kirchenpatrons vollendet worden, bevor in den folgenden 20 Jahren das Kirchenschiff errichtet wurde.

Programm am Sonntag, 14, Dezember
14 Uhr: Einlass mit Kaffee und Kuchen. 15 Uhr: Geburtstagsständchen, Musik und Überraschungen. 16 Uhr: Glückwünsche des Böblinger Oberbürgermeisters Stefan Belz. 17 Uhr: Orgelklang und Bilderreigen. 17.40 Uhr: Ausklang und Abendsegen.