Fast 40 wissenschaftliche Artikel über Covid-19 wurden schon zurückgezogen. Das bedroht die Wahrhaftigkeit – und damit die Wissenschaft selbst. Dahinter steckt ein krankendes System.
Stuttgart - Die Corona-Pandemie ist erst ein paar Monate alt, aber die Zahl der Veröffentlichungen läuft laut der Datenbank Pubmed schon auf die Marke von zwanzigtausend zu. Wissenschaftler weltweit forschen und schreiben, was das Zeug hält.
„Zurzeit läuft unglaublich viel mit vermeintlichen Covid-19-Lösungen“, sagt die Plagiatsforscherin Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Sie wählt bewusst das Wort „vermeintlich“. Denn was wissenschaftlich haltbar sei, könne niemand so einfach sagen, warnt sie. 39 Publikationen mussten bereits zurückgezogen werden, dokumentiert die Organisation Retractionwatch. Darunter sind auch jene beiden Veröffentlichungen vom Mai in „Lancet“ und im „New England Journal of Medicine“, wonach das Malariamittel Hydroxychloroquin, das auch US-Präsident Donald Trump einnahm, Corona-Erkrankte häufiger sterben lasse.
Die Wissenschaft hat ihre eigenen Götter
„Unter Covid-19 wird gerade die Turbotaste im System Wissenschaft gedrückt: Noch schneller, noch spektakulärer – und jeder will etwas beitragen“, sagt Ulrich Dirnagl, Gründungsdirektor des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung. Politiker warten auf Antworten und Lösungen aus der Wissenschaft, viele Bürger ebenso. Masken und Abstände, jede Maßnahme bekommt so ihre Legitimation. Und damit die Nichtwissenschaftler das Komplizierte auch richtig verstehen, soll Wissenschaft möglichst mit einer Stimme sprechen.
Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Denn Wissenschaftlichkeit bedeutet, Erkenntnisse, Thesen und Experimente zu hinterfragen. Wissenschaft kennt keine Verschwörungstheorien, wohl aber Konzepte und Theorien, die sich über die Zeit nicht erhärten lassen. Die immense Geltungsmacht der Wissenschaft zerstört jedoch ihre eigenen Prinzipien: „Wissenschaft ist wie eine Religion geworden. Sie hat ihre eigenen Götter, Wissenschaftler, um die alle herumtanzen“, kritisiert Hannelore Daniel, ehemalige Professorin an der Technischen Universität München.
Die Forscher sind mit den Gutachten überlastet
Die renommierte Ernährungswissenschaftlerin kehrte dieser Wissenschaft schließlich den Rücken. Den größten Riss bekam ihr Glauben an das System, als sie bemerkte: „Die Zahl der Publikationen in der Mikrobiomforschung geht ins Astronomische. Aber ich habe große Zweifel, ob irgendetwas davon Bestand hat.“ Denn 99 Prozent der Arbeiten berücksichtigten weder, wie sehr die Flora mit jedem Toilettengang auf natürliche Weise schwanke, noch, dass das Mikrobiom nur 200 Gramm misst, wie in zwei wissenschaftlichen Studien erhoben. „Die liest aber niemand. Alle behaupten, es seien knapp zwei Kilogramm, eine falsche, längst revidierte Zahl von 1978“, so Daniel.
Es sei paradoxerweise das System selbst, durch das die Forscher überlastet seien, argumentiert Ulrich Dirnagl. Arrivierte Wissenschaftler bekämen am Tag vier Veröffentlichungen vorab zur Prüfung. Dieses sogenannte Peer-Review-Verfahren sei die einzige Form der Qualitätssicherung im Veröffentlichungsprozess. Sorgfältig vorgenommen dauere es einen Tag, um eine Arbeit zu verstehen, zu prüfen und zu kommentieren.
Die Zahl der Publikationen entscheidet über Karrieren
Die wichtigste Währung in der heutigen Forschung sind nämlich Publikationen. Ihre Zahl, die Länge der Liste und in welchem Journal sie erscheinen, entscheidet: über Berufungen, wer einen Schlüsselvortrag bei einem Kongress hält, kurzum, darüber, wer zu den Göttern zählen darf. Es gibt noch weitere derartige karriererelevante Messgrößen: die Reichweite eines Journals, in dem man veröffentlicht, der sogenannte Impact Factor.
„Wir benutzen sinnentleerte Metriken: Wie viel man publiziert, ist heute wichtiger als wie gut. Gut kann man nämlich nicht messen“, sagt Plagiatsforscherin Weber-Wulff. Um zu wissen, was gut ist, müsste man sich mit der Arbeit befassen. Die Folge des „überhitzten Systems ist zunehmender Wissenschaftsbetrug“, sagt Ulrich Dirnagl. „Den gab es immer, aber eben nicht in diesem Maß.“ Die Auswüchse würden sichtbar. Die Mikrobiologin Elisabeth Bik hat sich einen Namen als Detektivin gemacht. Ihre Spezialität sind gefälschte Bilder in Publikationen, die oft ein Experiment darstellen sollen, das es nie gegeben hat. Weit über zehntausend Veröffentlichungen hat Bik in den vergangenen Jahren durchforstet. Vier Prozent davon sind ihren Erfahrungen nach im Schnitt verdächtig. Selbst in hochrangigen Magazinen wie „Nature“ und „Science“ stößt sie auf Ungereimtheiten.
In diesem Jahr habe sie sogar 400 Veröffentlichungen entdeckt, die alle Bilder mit demselben schmutzigen Hintergrund enthielten. Bik ist überzeugt, dass sie aus einer Wissenschaftsfake-Fabrik stammen. Entsprechende anonyme Hinweise lägen ihr vor. Forscher gäben dort ihre Veröffentlichungen in Auftrag. Diese Fabriken hätten Wissenschaftler, die Texte in gewünschter Länge schreiben, und ein Labor für einfache Mikroskopieaufnahmen. Letztlich aber sei alles in diesen Arbeiten wohl frei erfunden.
Fake aus der Wissenschaftsfabrik?
„Wir haben medienbekannte Betrugsskandale: Jan Hendrik Schön in der Physik, Diederik Stapel in der Psychologie, Hwang Woo-suk in der Stammzellforschung“, sagt Dirnagl. „Quantitativ sind diese Extremfälle nicht entscheidend. Aber was grassiert, ist, dass Daten geschönt werden und unliebsame Ergebnisse unveröffentlicht bleiben.“
An vielen Tagen analysiert Weber-Wulff Doktorarbeiten für das Internetportal Vroniplag und findet Habilitationsschriften, in denen seitenweise Passagen aus der Literatur stammten. Die Autoren seien oft Lichtgestalten ihres Gebietes. Hochschulen würden Vorwürfen oft nicht nachgehen, klagt sie. „Sie decken das.“ Diese Erfahrung teilt Bik. Es sei ein Kartell des Schweigens: „Es ist die Ausnahme, dass Verlage zügig auf meine Verdachtsanzeigen reagieren. Von knapp 800 Veröffentlichungen, die ich 2014 und 2015 als verdächtig bei den Redaktionen angezeigt habe, ist nur ein Drittel zurückgezogen und korrigiert. Die meisten Fachzeitschriften schicken eine höfliche Antwort oder gar keine.“