Christian Lindner spricht am Freitag auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Der FDP-Chef spricht auf dem Schlossplatz über Leistungsbereitschaft. Warnstreikende des Klinikums lässt er abblitzen.

In einer Sache hat Christian Lindner recht. Wer sich von Minusgraden und leichtem Schneefall nicht abhalten lässt, meint es ernst – und für die Liberalen ist es gerade ernst: „Wo die Not wächst, wächst das Rettende“, ruft der FDP-Chef am Freitag auf dem Stuttgarter Schlossplatz seinem Publikum zu. Für die Liberalen geht es dieser Tage um viel.

 

Liberale bangen um Fünfprozenthürde

Die Mehrheit der Umfragen sieht die Liberalen aktuell mit vier Prozent nicht mehr im Bundestag. Dem FDP-Chef hilft, dass die jüngsten Zahlen des Instituts für Demoskopie in Allensbach die Liberalen bei fünf Prozent sehen. Ein Hoffnungsschimmer: „Mit dem Einzug der FDP in den Deutschen Bundestag hat Schwarz-Grün alleine rechnerisch schon keine Mehrheit mehr“, verspricht er und macht deutlich, dass es ihm vor allem darum geht, Grüne und SPD in der Regierung zu verhindern. Doch ihm ist auch klar: Von einer schwarz-gelben Mehrheit sind die Umfragewerte weit entfernt. Da hilft es der Moral, wenn rund 500 Zuhörer mitten am Tag kommen, um zuzuhören. Darunter eingefleischte Fans: „Vielen Dank für Ihren Mut/Stärke“ steht auf einem Karton, den eine Frau hochhält. Und Lindner liefert ihnen die Argumente, die sie erwarten: für die Schuldenbremse, für Bürokratieabbau und für eine Änderung in der Energiepolitik.

Mit Kritikern will er sich an diesem Tag lieber nicht auseinandersetzen. Lindner spricht erst ein paar Minuten, da wird es unruhig. Ein Demonstrationszug mit rund 60 Teilnehmern nähert sich vom Kleinen Schlossplatz. „Ich find dich scheiße“, von Tic Tac Toe, dröhnt aus Boxen, doch in den vorderen Reihen vor der Bühne kommen bei Lindner nur dumpfe Bässe an. Und so versteht er offensichtlich auch nicht, dass es sich um Beschäftigte des Klinikums handelt, die an diesem Freitag im Warnstreik sind und ihm per Lautsprecher eine Frage stellen wollen. Stattdessen sagt er: „Euch da oben will ich sagen. Es gibt auch Leute, die Arbeit nicht als lästige Freizeitunterbrechung sehen.“ Das trifft die Falschen: Im Demonstrationszug steht ein Anästhesiepfleger des Klinikums, der berichtet, dass Einsätze im schlechter vergüteten Bereitschaftsdienst nach der normalen Schicht inzwischen die Regel seien – er komme oft auf 200 Stunden pro Monat. Als sich eine Abordnung von Verdi später durch die Selfie-Jäger kämpft, um mit dem FDP-Chef über die Bezahlung von Gesundheitsberufen zu sprechen, lässt er sie abblitzen. Ohne die Störung wäre er gesprächsbereit gewesen, sagt er – ob das stimmt, weiß nur er allein.

Der FDP-Chef ist der einzige Bundespolitiker, der im Winterwahlkampf in Stuttgart unter freiem Himmel spricht. Robert Habeck (Grüne), Jan van Aken (Die Linke) und Sahra Wagenknecht (BSW) haben im Januar und Februar Hallen gemietet. Die Kanzlerkandidaten Friedrich Merz (CDU) und Olaf Scholz (SPD) traten im verkürzten Wahlkampf überhaupt nicht in der Landeshauptstadt auf. An den wenigen Tagen, die beide im Südwesten verbrachten, steuerten sie andere Städte in Baden-Württemberg an.