4:0 gegen das junge Team des VfB Stuttgart – in Unterzahl zeigt die Ü-30-Fraktion des FC Bayern um Torjäger Robert Lewandowski auf beeindruckende Weise, wozu sie bei Bedarf in der Lage ist. Auch VfB-Sportdirektor Sven Mislintat hat daran seinen Anteil.
München/Stuttgart - Der Präsident reagierte hoch erfreut, doch sah der Sportdirektor des VfB Stuttgart das Unheil bereits kommen. „Jetzt wird’s nicht einfacher“, raunte Sven Mislintat auf der Tribüne der Münchner Arena Claus Vogt zu, als sich Schiedsrichter Daniel Schlager das Foul von Alphonso Davies an Wataru Endo in Zeitlupe ansah und die Gelbe Karte für den kanadischen Jungstar des FC Bayern nach zwölf Minuten in eine rote verwandelte. Und siehe da: Weitere 27 Minuten später hatten zehn Münchner gegen elf Stuttgarter vier Tore geschossen. 4:0. So stand es auch am Ende.
Die Bayern, so schien es, fühlten sich vom frechen Aufsteiger erst richtig herausgefordert, als sie ein Mann weniger waren. „Nach der Roten Karte sind wir aufgewacht“, sagte der dreifache Torschütze Robert Lewandowski nach dem Schlusspfiff mit sanftem Lächeln; „einfach herausragend“ fand Trainer Hansi Flick, „wie wir den Gegner trotz Unterzahl noch ausgespielt haben“. Es war eine Demonstration der Macht, bei der die VfB-Mannschaft noch viel jünger aussah, als sie ohnehin ist – und die Routiniers des Rekordmeisters den Ball in Hochgeschwindigkeit laufen und ihre Muskeln spielen ließen.
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An Jérôme Boateng (32) prallte der zwei Meter große Stürmer Sasa Kalajdzic ab, der in den vorangegangenen sieben Spielen achtmal getroffen hatte. Äußerst schmerzhaft bekam Stuttgarts französischer Startelfdebütant Naouirou Ahamada (18) von Thomas Müller (31) den Unterschied zwischen Juniorennationalmannschaft und Weltklasseniveau vor Augen geführt. Und Robert Lewandowski (32) erzielte so spielend leicht seine Saisontreffer 33 bis 35, dass man fast Mitleid haben musste mit Waldemar Anton (24), dem tüchtigen Abwehrchef des VfB, der aufgrund konstant starker Leistungen in den vergangenen Wochen unter Beobachtung des Bundestrainers steht.
„Irgendwas über Weltklasse, es geht nicht besser“
Was soll man noch sagen über die Tormaschine aus Warschau, die erst mit rechts, dann mit dem Kopf und schließlich mit links traf und sich bei noch acht ausstehenden Spielen anschickt, Gerd Müllers Fabelrekord von 40 Toren aus der Saison 1971/72 womöglich sogar vorzeitig zu knacken. Die Superlative sind längst ausgegangen – „irgendwas über Weltklasse, es geht nicht besser“, so umschrieb der staunende VfB-Vorstandschef Thomas Hitzlsperger schon zur Pause den Auftritt von Lewandowski, der, kaum zu glauben, in der zweiten Spielhälfte frei stehend die große Chance auf Saisontreffer Nummer 36 ungenutzt ließ.
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Sven Mislintat blieb hinterher immerhin die Ehre, wieder einmal als einer der Entdecker des Wunderstürmers Auskunft geben zu dürfen. Als Scout von Borussia Dortmund war er einst nach Polen gereist, um den Nachwuchsstürmer von Lech Posen in Augenschein zu nehmen. Schon damals habe er erkannt, dass Lewandowski „ein maximal kompletter Stürmer ist“. 4,5 Millionen Euro bezahlte der BVB 2010 für den damals 21-Jährigen, der unter Trainer Jürgen Klopp zum Topmann reifte und nach Ablauf seines Vertrags 2014 ablösefrei zu den Bayern wechselte.
Knackt Robert Lewandowski die Fabelrekorde von Gerd Müller?
Seine Bilanz in knapp elf Jahren Bundesliga: 346 Spiele, 271 Tore, was in der ewigen Rangliste Platz zwei bedeutet – seit Samstag vor Klaus Fischer (268 Tore) und deutlich hinter Gerd Müller (365). Doch scheint nicht einmal dieser Rekord vor Lewandowski sicher, denn ein Ende der Torflut ist nicht in Sicht – nicht in dieser Saison und auch nicht darüber hinaus. „Er wird bis 36 auf Topniveau spielen können“, sagt Sven Mislintat. Der Grund: „Robbie ist ein Monster, was die Professionalität angeht. Er hat einen der robustesten Körper im gesamten Profifußball.“
Von äußerst schlanker Natur mögen die Beine von Thomas Müller sein, ans Aufhören muss aber auch er noch lange nicht denken. Sollte Bundestrainer Joachim Löw den Auftritt des Weltmeisters gegen den VfB gesehen haben – es dürfte ihm dann deutlich leichter fallen, eine Rolle rückwärts zu vollführen und den Routinier für die nahende EM-Endrunde in die Nationalmannschaft zurückzuholen. Mislintat jedenfalls war von Müller sogar noch beeindruckter als von Lewandowski: „Unglaublich, wie er nach dem Platzverweis seine Mitspieler angeschoben und gecoacht hat“, sagte der VfB-Sportdirektor. Die Unterzahl habe Müller „quasi im Alleingang kompensiert“.