Im Dialog mit den Bayern-Fans: Torjäger Thomas Müller Foto: Bongarts

Der prominenteste Vertreter deutscher Fußballkunst steht im Viertelfinale der Champions League. Ob der Sieg gegen Juventus Turin schon Kür für den FC Bayern München war oder nur die Pflicht, ist aber heftig umstritten.

München - Weil es gerade noch einmal gutgegangen ist mit dem Stolz der Bayern auf alles, kommt dem distanzierten Beobachter dortiger Befindlichkeiten der berühmte Linksrumdenker Karl Valentin in den Sinn, der die eigentümlichen Sichtweisen seiner Stammesgenossen so beschrieb: „Jedes Ding hat drei Seiten. Eine positive, eine negative – und eine komische.“

Die positive im vorliegenden Fall benennt den Umstand, dass der FC Bayern München das Viertelfinale in der Königsklasse des Fußballs erreicht hat. Mit einer Nahtod-Erfahrung zwar, also erst mit einem 4:2 (2:2), 0:2) nach der Verlängerung, aber das interessierte die Jünger aus der Mir-san-mir-Sekte nach Ende der hochdramatischen Darbietung so sehr, als hätten sie einem Preußen in der Uckermark die Krampfadern gezogen. Philipp Lahm leuchtete heller als die Lampen auf der Leopoldstraße und sprach von einem „unglaublichen Abend“. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge attestierte der Mannschaft einen „großen Charakter“, und der nachweislich in Lyrik erprobte Coach umging seine Sprachlosigkeit mit einem schlichten Anglizismus: „Wow.“

Treffer mit mentaler Wirkung

Die negative Seite des hochdramatischen Geschehens spielt auf die Ahnung an, dass nicht viel gefehlt hatte, um die magische Nacht in eine tragische zu verwandeln. Denn bis zur 72. Minute lag der FC Bayern gegen die Italiener mit 0:2 zurück. Und das Spiel lieferte bis dahin wenig Anlass, an eine ­Wende zum Guten zu glauben. Dann köpfte Robert Lewandowski eine Flanke ins Netz (73.). Und erst als selbst die Gutgläubigen in der Allianz-Arena schon daran gedacht ­hatten, den Schock mit Hilfe des einen oder anderen Weißbiers fortzuspülen, gelang Thomas Müller der Ausgleich in der ersten Minute der Nachspielzeit. Was die mentalen Vorzeichen der Partie umkehrte. Die ein­gewechselten Thiago (108.) und Kingsley Coman (110.) schossen ihre Mannschaft schließlich zum Sieg.

Und das nicht nur, weil ihnen Coach Pep Guardiola vor Beginn der Verlängerung sinngemäß gedroht hatte, im Falle des Scheiterns „die Eier“ abzuschneiden. Möglich war der Sieg wohl auch deshalb, weil Juves Coach Massimiliano Allegri auf die Idee gekommen war, eine Viertelstunde vor Schluss seinen Mittelfeldmann Sami Khedira vom Feld zu winken. Womit er das Organisationstalent der auf dem Feld Verbliebenen gewaltig überschätzte.

Das Triple? Dummes Zeug!

Komisch im Sinne Karl Valentins wurde es aber erst nach Spielschluss, als ein skurriler Streit darüber entbrannte, ob die Münchner im Himmel schon wieder oder wieder mal im Viertelfinale standen. Denn daran schloss sich die Diskussion an, ob es nur ein heimlicher Wunsch ist, das Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokal und Champions League einzufahren, oder ob es sich um eine veritable Forderung des Trainers Pep Guardiola handelt – worauf Aussagen des Ex-Präsidenten Uli Hoeneß angeblich schließen ließen. Was Matthias Sammer animierte, umgehend den geschichtlichen Zusammenhang herzustellen. Die Meisterschaft sei „historisch gesehen das große Ziel“, fauchte der Sportvorstand, „dass wir das Triple gewinnen sollen, ist dummes Zeug“. Oder wie Karl Valentin sagen würde: „Des is wia bei jeda Wissenschaft, am Schluss stellt sich ­heraus, dass alles ganz anders war.“

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