Bayern-Trainer Pep Guardiola verabschiedet sich mit Tränen. Der Rekordmeister hat schon neue Ziele – und will das Triple im nächsten Jahr.

Berlin - Nein, emotionslos ist Pep Guardiola (45) in seinen drei Jahren beim FC Bayern nicht gewesen. Wild hampelte er stets an der Seitenlinie rum, fuchtelnd gab er seine Kommandos. Er umarmte und tätschelte seine Spieler, und einmal musste sogar die Vierte Offizielle Bibiana Steinhaus dran glauben, als Pep sie für ein paar Sekunden in Manndeckung nahm.

Später drückte der Trainer einen Linienrichter nach einem Torerfolg fest an sich – man musste fast befürchten, dass der sich zur Wehr setzt und dem wild gewordenen Trainer in seiner Verzweiflung die Fahne auf den Kopf schlägt. Pep Guardiola, so viel war klar, kann aus sich raus.

Aber das, was am Samstagabend nach dem Sieg im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund passierte, hatte so niemand erwartet. Unnahbar sei er, dieser Guardiola, warfen ihm die Kritiker vor. Sein Dreijahresprojekt beim FC Bayern absolvierte er mit vollem Engagement. Aber die großen Gefühle, die große Verbundenheit zum FC Bayern, sie schien irgendwie immer zu fehlen. Peps Herz, es war nicht da.

Pep taumelt wie ein angeschlagener Boxer

Bis Douglas Costa am Samstagabend den entscheidenden Elfmeter zum 4:3 verwandelte. Bei Pep Guardiola brachen hinterher alle Dämme. Hemmungslos weinte der Coach nach dem Elfmeterschießen. Er schlug die Hände vors Gesicht und hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Er wusste nicht, wohin mit seinen Gefühlen. Wie ein angeschlagener Boxer taumelte er, und es hätte bei diesen Bildern nicht mehr überrascht, wenn Pep sich von den Gefühlen übermannt einfach hingelegt hätte.

Stattdessen richteten ihn seine Spieler auf. Kapitän Philipp Lahm war der Erste, der seinen Coach fest an sich drückte. David Alaba, Xabi Alonso und Jérome Boateng folgten. Und als Pep später als Erster zusammen mit Lahm den Pokal hoch streckte, waren die Tränen getrocknet. Der Coach drückte den Rücken durch. Er stand da wie eine eins. Guardiola strahlte nun. Aus ganzem Herzen.

Die ganze Palette an Emotionen musste raus nach dem Thriller gegen den BVB. Und irgendwie schien es so, als hätte sich Guardiola seine großen Gefühle aufgespart für den Schlussakkord. Für sein letztes Bayern-Spiel. Für den letzten von insgesamt fünf nationalen Titeln.

Der Pokalsieg ist Balsam für die Seele

Nach der Sause auf dem Platz gab Guardiola Einblicke in sein Seelenleben. Und auch da passierte etwas, was es zuvor nicht gab. Pep öffnete sich. „Die letzten fünf Monate waren nicht einfach“, sagte er und legte die Stirn in Falten. Seit seiner Ankündigung im Winter, den FC Bayern im Sommer Richtung Manchester City zu verlassen, seien ihm die Leute anders begegnet, reservierter, kritischer, sogar ablehnend. Das nagte an Guardiola, der es seinen Kritikern umso mehr zeigen wollte. Der Pokalsieg zum Schluss war Balsam auf seine Seele. Er machte Pep stolz. Weshalb es sich hinterher auch leichter über die drei Jahre beim FC Bayern reden ließ. „Es war die richtige Entscheidung von Pep“, sagte Pep über Pep: „Die drei Jahre mit diesen Spielern waren eine große Erfahrung.“

Allein: ein Makel bleibt. Mit dem Titel in der Champions League wurde es nichts. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hielt sich in Berlin nicht lange mit dem Doublegewinn auf. Er trauerte zu vorgerückter Stunde dem verpassten Triple hinterher. „Was mich ein bisschen ärgert, ist, dass wir nicht noch eine Woche zusammenleben“, sagte Rummenigge bei seiner Bankettrede in Richtung seines scheidenden Trainers. Rummenigge legte die Hand auf Guardiolas Schulter. „Eigentlich hätten wir es verdient“, sagte der Bayern-Boss, „nächsten Samstag noch in Mailand zu sein.“

Im Finale der Königsklasse stehen stattdessen andere. Das nagt am bajuwarischen Selbstverständnis. Schnell soll sich das Blatt wieder wenden. Der Titel in der Champions League ist das große Ziel. Pep Guardiola ist sich sicher, dass es bald wieder was wird. „Bayern ist mit diesen Spielern in den richtigen Händen“, sagte er: „Sie haben Enthusiasmus und Charakter“.

Bayern richtet alles nach der Königsklasse aus

Peps Nachfolger Carlo Ancelotti bekommt zum aktuellen Luxuskader noch Weltmeister Mats Hummels (BVB) und Supertalent Renato Sanches (Benfica Lissabon) hinzu – und wer die Transfers analysiert, kommt schnell zu dem Schluss, dass die Bayern sich nur noch an der europäischen Spitze orientieren.

Die Bundesliga und der DFB-Pokal?

Nehmen sie gerne als nette Titel mit beim Rekordmeister. Die Champions League ist aber das Maß der Dinge. Und darauf ist die Transferpolitik ausgerichtet. 2015 holten die Bayern die offensiven Außen Douglas Costa und Kingsley Coman, nachdem im Halbfinale gegen den FC Barcelona kein Ersatz für die Flügelflitzer Arjen Robben und Franck Ribéry da war.

Nun, nach dem Halbfinal-Aus gegen Atletico Madrid, reagierten sie wieder. Der Fokus lag neben Hummels auf einem Mittelfeldmann, der das Zentrum dicht machen kann – beide Gegentore hatten die Bayern gegen Atletico über die Mitte gefangen. Nun trauen sie Sanches zu, die Lücke zu schließen. Damit es wieder was wird mit dem Henkelpott. Das Double ist dem FC Bayern München nicht mehr genug.

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