Es steht schlecht um die Studierenden von heute, meint die Jura-Professorin Zümrüt Gülbay-Peischard und liest in ihrem Buch „Akadämlich“ der angeblichen Bildungselite die Leviten.
Wenn sich das Semester dem Ende zuneigt, werden die Vorlesungen von Zümrüt Gülbay-Peischard (55) plötzlich voll. Es trudeln auch Mails ein mit der Frage, ob man wirklich alles lesen muss, was die Professorin angegeben hat. Wird etwa der gesamte Stoff abgefragt? 15 Sitzungen seien viel zu viel, wird gejammert. Bloß: Warum studiert jemand, wenn er nichts lernen möchte?
Eine Frage, die Zümrüt Gülbay-Peischard seit Jahren umtreibt. Sie ist Professorin für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Anhalt in Bernburg an der Saale und hat gerade ein heiß diskutiertes Buch veröffentlicht, in dem viel Sprengstoff steckt. „Akadämlich“ (Quadriga-Verlag, 20 Euro) lautet der provokante Titel, der amüsant klingt, wären nicht schon die ersten Sätze von Gülbay-Peischard so bitter: „Deutschlands Studierende sind faul, lethargisch, handysüchtig, arrogant, überschätzen sich und haben keine Ahnung davon, was der Arbeitsmarkt von ihnen will.“ Dass sie auch die Rechtschreibung nicht beherrschen, sei fast noch das geringste Problem.
„Mitdenken wird als Zumutung empfunden“
Wer an einer Hochschule lehrt, kennt das Phänomen: Immer wieder sitzen Studierende zwar in einer Veranstaltung, schauen aber Filme, spielen auf dem Handy oder erledigen andere Dinge – als reichte körperliche Anwesenheit aus. „Eine Forderung nach Mitdenken und Mitarbeiten wird als Zumutung empfunden“, schreibt Gülbay-Peischard. „Die Vorlesung soll bestmöglich unterhalten, quasi wie ein analoger Streaming-Dienst, aber nicht intellektuell anstrengen.“
Seit dem Erscheinen ihres Buches hat die Autorin sehr viele Zuschriften bekommen von Kollegen verschiedenster Fakultäten, die ihr zustimmen. Auch aus USA wurden Stimmen laut, dass viele Studierende noch nie ein komplettes Buch gelesen hätten, weil man ihnen in der Schule nur leicht konsumierbare Häppchen servierte. Selbst an der renommierten Columbia University sind die Teilnehmer von Lektürekursen nicht bereit, mehr als ein Buch pro Semester zu lesen. Statt das Studium zu nutzen, die eigenen Fähigkeiten auszubauen, scheint das einzige Ziel zu sein, den Abschluss mit so wenig Aufwand wie möglich zu ergattern.
Ein Studium kostet Steuerzahler bis zu 65 000 Euro
Ein Studium kostet den deutschen Steuerzahler zwischen 20 000 und 65 000 Euro (Stand 2021), schreibt Gülbay-Peischard. Dafür sei eine Gegenleistung zu erwarten. „In einem Solidarsystem haben alle die Aufgabe beizutragen, auch die Studierenden.“ Und dieser Beitrag bestehe darin, „wenigstens ausreichenden Arbeitseinsatz“ zu erbringen.
Gülbay-Peischard ist das Kind von Gastarbeitern aus Berlin-Wedding. Während sie oft hungrig in den Unterricht ging, sah sie, wie gut es deutsche Kinder oft hatten. Sie bekamen leckere Snacks mit und wurden von den Eltern chauffiert, die gern auch mal vergessene Bücher vorbeibrachten. Heute weiß sie: Viele dieser „gepamperten“ Klassenkameraden hätten die Unterstützung der Eltern „nicht mit ruhmreichen Karrieren zurückgezahlt.“ Sie musste als Schülerin nebenher Geld verdienen und räumte ab fünf Uhr morgens Ware in Regale. Trotzdem machte sie ein gutes Abitur, studierte Jura und Betriebswirtschaft und hatte nach sechs Jahren als promovierte Juristin gleich zwei Staatsexamen in der Tasche. Mit 28 wurde sie Deutschlands jüngste Juraprofessorin.
Anspruchshaltung durch Eltern gefördert
Nicht jeder kann so eine beeindruckende Karriere hinlegen – und das erwartet sie auch gar nicht. Aber sie ärgert sich, dass sehr viele Studierende das „sehr gute, weitgehend service-orientierte und fast vollständig kostenlose Bildungssystem“ so selbstverständlich ausnutzen, ja ausbeuten und der Hochschule gegenüber eine Anspruchshaltung formulieren „wie gegenüber einem Reiseveranstalter.“ Als sie eine umfassend subventionierte Studienreise in die USA organisierte, waren die einzigen Reaktionen Kritik an den „Zweizimmer-Miniappartements“, die sie den Studierenden zugemutet habe.
Diese Anspruchshaltung wird aus Sicht der Autorin im Elternhaus anerzogen: Fordern statt Tun, Erwarten statt Gestalten, Inanspruchnahme statt Arbeit. Gülbay-Peischard wurde schon von Studierenden erklärt, dass Arbeit „inhuman“ sei. Doch ohne Arbeit könne man nicht studieren, meint sie, hält ein Studium aber auch nicht für „unerträglich anstrengend“ mit rund 4860 Arbeitsstunden in drei Jahren – in einem Vollzeitjob sind es 5400 Stunden.
Trotzdem gab fast die Hälfte der Studierenden im Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse 2023 an, sich gestresst zu fühlen – wegen der Prüfungen, der Angst vor schlechten Noten und schwierigem Lernstoff. „Wenn Studierende auch in der Vorlesungszeit mehrfach die Woche ausgehen möchten, morgens ausschlafen und am Wochenende ,frei‘ haben wollen, dann gerät das Studium in eine Schieflage“, schreibt sie. Probeklausuren, die sie anbietet, werden nur von einem Viertel genutzt. Bei Prüfungen melden sich im Durchschnitt rund 30 Prozent krank.
Verhandeln über Zensuren wie auf einem Basar
Engagement zeigt man dagegen beim „Nachverhandeln von Prüfungsergebnissen“. Gerade jene, die durchgefallen sind, würden wie „auf einem türkischen Basar“ handeln. Oft werfen sie der Professorin vor, ihnen die Zukunft zu verbauen. Sie entgegnet: „Ich habe die Aufgabe, jedem Studierenden aufzuzeigen, was seine Leistung in Noten übersetzt darstellt.“
Lehrende, die nicht bereit sind, gute Zensuren zu verschenken, riskieren allerdings, schlecht bewertet zu werden, wie Gülbay-Peischard schreibt. Außerdem hingen die öffentlichen Mittel von der Zahl der Studierenden ab, sodass Institute gefährdet seien, die nicht auch Untaugliche durchziehen. Private Hochschulen senkten das Niveau auch mit dem Versprechen, dass bei ihnen jeder den Abschluss schaffe. Eine akademische Ausbildung, so Gülbay-Peischard, müsse aber auch mal anstrengend sein. Ein Studienabschluss dürfe nicht Ausdruck dafür sein, „wer sich am besten durch das Studium laviert oder sich ein- und durchgeklagt hat.“
Der Oldenburger Geschichtsprofessor Michael Sommer (55) hat die gleichen Erfahrungen gemacht wie Gülbay-Peischard. In einem Interview mit der „Welt“ zog er deshalb unlängst den Schluss: „Man zwängt Leute an die Uni, die eigentlich durch das berufsbildende System hätten gehen können und jene Fachkräfte geworden wären, die wir jetzt alle so dringend benötigen.“
Professorin nimmt Eltern in die Pflicht
Dass es sich bei „Akadämlich“ nicht nur um das übliche Generationenbashing handelt, zeigen ähnliche Reaktionen Jüngerer. 2018 stellte die Projektmanagerin Geena Gamradt, die damals selbst noch Studentin war, im „Stern“ die Frage: „Warum studieren so viele Leute, die eigentlich keinen Bock auf Uni haben?“
Um das zu verhindern, plädiert Zümrüt Gülbay-Peischard für Zulassungsbeschränkungen zu allen Studiengängen. Hochschulen sollten ein verpflichtendes Orientierungsstudium anbieten, damit die jungen Leute einschätzen können, ob sie studieren können und wollen. Sie hält auch Langzeitstudiengebühren für richtig – und appelliert an Eltern, sich besser über das Studium zu informieren und nicht mit Fake News der Kinder abspeisen zu lassen. Denn junge Menschen jahrelang vor sich hin studieren zu lassen, ohne einzugreifen, ist aus ihrer Sicht ein Verstoß gegen die Fürsorgepflicht.
Was Studierende so an ihre Professorin Gülbay-Peischard schreiben
„Hallo Herr Professor Gülay-Pleisat“
„Hallo Prof, wann ist die Klausur?“
„Hallo, ich bin mit meiner Note nicht einverstanden, können Sie mir erklären, warum ich nur eine 3 ,7 habe?“
„Hallo Prof, ich warte auf die Bewilligung meines Antrags. Wie lange dauert das noch?“