Karl-Friedrich Ziegahn liebt Geschwindigkeit. Foto: Sabina Paries / photocouture

Was treibt Menschen an, sich in Achterbahnen zu stürzen oder mit 250 km/h über die Rennpiste zu rasen? Ein Physiker und Motorsportler erklärt die Faszination Geschwindigkeit.

Absolute Geschwindigkeit ist nichts. Man kann beim Abendessen sitzen und in 10 000 Metern Höhe mit 1000 km/h über den Atlantik düsen, ohne etwas von der Geschwindigkeit zu spüren. Aber wenn der Italiener Dario Costa in einem Propellerflugzeug einen Meter überm Boden mit Tempo 245 durch zwei hintereinander liegende Autotunnel rast, hat das Rasanz. Darum geht’s. Um den Kick und ums Coolbleiben. Um Selbstbeherrschung und ums Beherrschen der Maschine. Das ist Sport. Das ist, wenn’s gut ausgeht, hohe Kunst. „Der Wahnsinn!“, rufen wir. „Weltrekord!“, jubelt die Presse.

 

Im Alltag, auf der Autobahn, nervt es. Dann verfluchen wir den Wahnsinnsraser. Spinner! Idiot! Weil er rücksichtslos draufhält und andere vor sich hertreibt. Aber nicht jeder, der gerne rasant fährt, ist ein Raser. Und jung, männlich, doof.

Entspannung bei 210 km/h

Karl-Friedrich Ziegahn, 73, fährt gerne Tempo 250. Nicht immer, „aber wenn ich mich damit wohlfühle, dann ja“. Als er jünger war und viel auf Geschäftsreise, stellte er nachts, auf der Heimfahrt, den Tempomat auf 210. „Ich fand das entspannend. Meine große Schwester fand es entsetzlich.“

Wir hätten uns mit Karl-Friedrich Ziegahn, dessen Name sich elegant auf KFZ abkürzen lässt, auch auf seiner Heimatpiste, dem Hockenheimring, treffen können. Wir wollten das Thema Tempo lieber spielerisch angehen und verabredeten uns mit ihm an der Achterbahn im Europa-Park.

Karl-Friedrich Ziegahn ist Physiker und Rennfahrer. Er ist der Denker unter den Motorsportlern und weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mit einem Sechspunktgurt am Leib von der Strecke fliegt und gegen ein hartes Hindernis prallt. „Man spürt den Schmerz, diesen Schlag extrem. Aber man ist auch extrem erleichtert, wenn man sich schüttelt und feststellt: alles okay!“

Schon klar, es ist gesünder, vernünftig zu fahren. Wirtschaftlicher auch. „Als Physiker weiß ich: Der Benzinverbrauch steigt mit der Höhe der Geschwindigkeit. Es ist besser, wenn alle 120 fahren. Mit Tempomat und Abstandsregler.

Rasanz, nicht der Rausch

Aber: Ich möchte auch ausbrechen können.“ Kopf und Bauch, Intellekt und die Lust, das Gaspedal durchzutreten, das geht gut zusammen. „Ich glaube, diese Faszination steckt in jedem von uns und ist mehr oder weniger ausgeprägt. Je nach eigenem Erleben in Kindheit und Jugend suche oder meide ich diesen Reiz.“

Ziegahn sucht ihn. Schnelles Fahren, sagt er, ist nicht gleich Raserei. Er spricht nicht von Geschwindigkeitsrausch, sondern von: Rasanz. Der Rausch hat auf der Piste nichts verloren, auch nicht im übertragenen Sinne. Man bleibt cool und berauscht sich nicht.

„Wenn ich glaube, ich habe bei Tempo 250 auf der Autobahn die Situation unter Kontrolle, kann das Selbstüberschätzung sein. Ich muss mir stets bewusst sein, was ich tue. Ich düse eben nicht auf einer zweispurigen Autobahn mit 250 Sachen an einer Lkw-Kolonne vorbei. Da klemmen immer ein paar Pkw dazwischen, also weiß ich: einer von denen wird ausscheren.“

Absolute Geschwindigkeit ist uninteressant

Reden wir übers Rasen. Ziegahn, der Physiker, verweist auf das Flugzeug-Beispiel: Im Flieger lässt es sich bequemer sitzen als in einem Bus im Stadtverkehr, man kann eine Tasse Kaffee durch die Gänge balancieren, ohne dass einem in jeder Sekunde bewusst ist, dass man gerade in irrem Tempo übers Meer düst. „Absolute Geschwindigkeit“, sagt KFZ also, „ist uninteressant.“

Wir sitzen vor einem Café im Europa-Park. Hinter uns kriecht die Achterbahn aufreizend langsam steil aufwärts, saust nach unten, bremst stark ab. „Negative Beschleunigung ist, wenn die Bahn mit hohem Tempo über eine Kuppe fährt und es mich dabei aus dem Sitz lupft“, sagt Karl-Friedrich Ziegahn.

„Verzögerung wird in dem Fall als schlimmer empfunden als hohes Tempo.“ Früher fuhren Achterbahnen Loopings auf der Außenbahn. Bei Außenlooping wird der Körper schwerelos. „Wie, wenn Sie im Flugzeug sitzen und die Maschine nach unten wegsackt. Das empfinden Sie als extrem unangenehm.“

Achterbahnphysik macht Spaß

Oder es ist gerade der Kick. Achterbahn-Physik macht Spaß. Man lernt dabei mehr als in der Schule. Wenn ich in einer Katapultachterbahn sitze und beim Start tief in meinen Sitz gedrückt werde, empfinde ich nicht die Geschwindigkeit – sondern die Trägheit, die Schwerfälligkeit meines Körpers. Die Rückenlehne schiebt den Körper nach vorn.

Die Physik misst die auf den Körper einwirkende Kraft in „g“. 1g spürt der Mensch nicht. 1g ist normal. Man steht auf der Erde und merkt nicht, dass sich die Erde dreht. 1g entspricht der Erdbeschleunigung. Quizfrage: Wer hat den härteren Job, wer muss mehr „g“ aushalten: ein Astronaut? Oder ein Kampfflieger? Die Antwort kommt gleich.

Karl-Friedrich Ziegahn wäre gerne Pilot geworden. Oder Astronaut. Als Waisenkind hatte er aber nicht das, was man einen Kickstart ins Leben nennen könnte. Der Traum vom Fliegen war zu teuer. Also assistierte er als Student einem Kommilitonen. Der hatte einen Flugschein und trainierte als Kunstflieger. Ziegahn flog mit („Mir wird bei so was nicht schlecht“), wurde zum unersetzlichen Begleiter.

Wahnsinnskräfte

„Entscheidend ist die Multiplikation des g-Werts mit der Einwirkdauer. Ein Kunstflieger steckt locker 15 oder 20 g weg. Er muss diese Wahnsinnskräfte nur einen Moment lang aushalten. Etwa wenn er bis zum Stillstand in die Höhe schießt und über die Heckflosse zurück nach unten kippt.“

Ein Kampfpilot fliegt einen Kurvenradius so, dass er 4 oder 5 g nicht überschreitet. „Aber diese Flugphase dauert eben mehrere Sekunden. Wenn es zu lange dauert, schießt das Blut vom Gehirn in die Beine, dann wird es dir schwarz vor Augen.“

Am bequemsten hat es der Astronaut. Der Raketenflug vom Erdboden bis in die Schwerelosigkeit dauert zwar acht Minuten. „Aber der Astronaut wird im Liegen nach oben geschossen. In dieser Position kann ich viel ertragen.“ Und die Kräfte übersteigen 4 g nicht.

Auf der Kuppe bremsen!

Damit zurück auf die Piste. Zum Motorsport. Ziegahn war 25 Jahre lang Rallye-Co-Pilot. Navigierte den Piloten, den Blick starr auf die Knie und den Strecken-Aufschrieb geheftet. „Gebetbuch“ sagen sie dazu. Es ist ein persönliches Navi: In 30 Metern Rechtskurve: Radius 3. / Danach: Schotterpiste / In 40 Meter: unübersichtliche Kuppe! Auf der Kuppe bremsen! Danach scharfe Linkskurve mit Radius zwei.

Aber Ziegahn ist immer auch Wissenschaftler geblieben, hat bei der Fraunhofergesellschaft ein Labor für Umweltprüfung geleitet und beim KIT in Karlsruhe an erneuerbaren Energien und Energieeffizienz geforscht. Motorsportler nannten ihn „Mister Greenpeace“. Das war nicht freundlich gemeint. Es war die Zeit, als die Öko-Bewegung dem Motorsport zusetzte.

Auf Ziegahns Betreiben hin haben Sportfahrerkreis und Motorsportbund vor 25 Jahren ein Umweltreglement geschaffen. „Das regelt bei jeder Veranstaltung die Umweltaspekte wie Catering, Abfall, Wasser und Abwasser. Wir haben als einziger Sportdachverband einen Umweltbeauftragten.“

Heute gibt es so was wie Nachhaltigkeit auch im Motorsport. Der Rennsport ist sicherer geworden („Gigantisch, was wir da erreicht haben“), die Faszination ist geblieben. Ziegahn kennt Männer, die in der Umweltforschung arbeiten und am Wochenende mit ihrem Rennwagen in Spa, Zandvoort oder Hockenheim ein paar Runden drehen.

„Motorsport ist so sinnlos wie Fußball oder Skifahren“, sagt Ziegahn. „Eine Gesellschaft sollte es akzeptieren, dass es Menschen gibt, die Freude daran haben.“ An der Geschwindigkeit. An dieser Geräuschkulisse, am Vibrieren und Donnern großvolumiger Motoren. „Dieses Wummern im Magen“, sagt Karl-Friedrich Ziegahn, „da gehst du ab!“