Der Garten als Rückzugsort – auch in der Kunst wie in Pierre Bonnards „Familie Terrasse“ von 1912 Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Der Garten ist Rückzugsort und Spielplatz. Er ist „auch Statussymbol“, sagt der Landschaftsarchitekt Martin Joos, im Verband für Garten- und Landschaftsbau lange Jahre für die Aus- und Weiterbildung verantwortlich, den „Stuttgarter Nachrichten“.

Stuttgart – - Herr Joos, seit Jahrhunderten gibt es einen Wettbewerb um den schönsten, den eindringlichsten, den unvergesslichsten Garten. Was macht das „System Garten“ eigentlich grundsätzlich so begehrenswert?
Der Garten ist für viele Mitmenschen nicht nur Rückzugsort und Erholungsoase, sondern er dient bei entsprechender Ausführung und Gestaltung auch als Statussymbol. Ziel ist die Einzigartigkeit des eigenen ­Gartens zu ­erreichen, den Genius loci, den Ort, an dem wir uns wohl fühlen. Leichter als die Hülle eines statischen Wohngebäudes, die und das ja durch verschiedenste Einflüsse oft fremdbestimmt sind, kann der Garten leichter individualisiert, sprich an die persönlichen Bedürfnisse angepasst werden.
Und wirkt so umfassender?
Ich denke schon. Ein Garten kann all unsere Sinne befriedigen – Geschmack, Geruch, Anblick, Geräuschkulisse. Er ist Ausdruck von uns selbst, dem Menschen, der darin und mit ihm lebt.
Gärten wurden früh als konstruierte Landschaft und als Skulptur verstanden, als Architektur und Kunst. Schwingt diese Geschichte in Kundenerwartungen mit?
Absolut. Ein Garten ist immer konstruiert, vielleicht nicht so, wie man sich den typischen barocken Garten vorstellt, jedoch ist auch ein „naturnaher“ Garten nichts weiter als geplante Landschaft. Die Kunden ­schaffen sich mit Ihrem Garten sozusagen den Rahmen, in dem sich Ihr persönliches Gartenkunstwerk abspielt. Dies kann ein schlichter Rahmen, mit klar gegliedertem Inhalt sein, genauso wie der „dick vergoldete“ Rahmen – mit entsprechend opulenter Füllung.
Und welche Rolle bleibt dann für reale Kunst?
Als Impuls hat der Garten seit Mitte des 19. Jahrhunderts seinen festen Platz in der Kunst. Und natürlich kann ein Garten der Ort sein, an dem Kunst beziehungsweise Kunstgegenstände den Dialog mit der ­Gesamtidee des Gartens ­suchen und mit dem Grün sowie den ­baulichen Komponenten ­sozusagen eine Symbiose eingehen.
Gärten gibt es zwischen den Polen extremer Künstlichkeit, also bewusster Abstraktion und extremer, gleichwohl konstruierter Natürlichkeit. Was ist aktuell „state oft the art“?
Ich glaube es gibt beim Garten nicht den „state of the art“. Natürlich wollen viele den Garten aus „dem“ aktuellen Buch oder „der“ Designgartenzeitschrift. Letztendlich wird es aber immer eine kreative Komposition verschiedener aktueller und auch alt bewährter Stilelemente und den Bedürfnissen der Gartenbesitzer sein.
Wie ist die Rollenverteilung?
Ich sehe den Gartengestalter als einen Komponisten, den Gartenbesitzer als Zuhörer. Verständigen Sie sich auf die richtige Lautstärke, wird es eine gelungene Komposition, die sich gut anhört. Wie bei ­allem schadet ein Zuviel. Es wird zu laut, zu schrill, zu bunt.
Der Maler Claude Monet hat sich wiederholt Gärten angelegt, seinen berühmtesten in Giverny. Dort entstanden auch die zu Ikonen der Kunstgeschichte gewordenen Seerosen-Bilder eines triumphalen Spätwerks. Der Maler schafft sich sein Objekt selbst, erarbeitet daraus bildnerisch Neues – und macht so seinen Garten zum Mythos. Ein buchstäblich inspirierender Kreislauf – oder?
Absolut. Kein Werk eines Künstlers gleicht einem anderen, genauso ist es mit einem Garten. Er unterliegt vielen Einflüssen, ­genauso wie das Kunstwerk, das der Maler erschafft. Und ein Garten entwickelt sich einmal in die, einmal in die andere Richtung, genauso wie jedes neue Kunstwerk.
Welche Fragen stellen sich?
Was für Material verwende ich, welche Technik wende ich an, welche äußeren Einflüsse beeinflussen die Entstehung „meines“ Kunstwerks. Die Kunst beeinflusst die ­Gestaltung des Gartens, dieser wiederum aber auch die Kunst. Es stimmt schon, das ist ein wahrlich inspirierender Kreislauf.
Zuletzt doch zurück vom Mythos in die ­Realität: Was macht einen Garten aus, der wirklich längere Zeit Spaß macht?
Vor allem, dass ich neben lieb Gewonnenem und Gewohntem auch Veränderungen zu­lasse. Ein Garten ist nichts Statisches, er entwickelt sich und wird erwachsen. Er bekommt Falten, ihm fallen irgendwann ein paar Haare aus und hin und wieder müssen wir auch einmal einen Eingriff durchführen, um ihn am „Leben“ zu erhalten, ihn aufzufrischen. Und doch bleibt er vom Grunde her ein in sich geschlossenes Gebilde, in dem wir uns wohl fühlen können.

Zur Person

1964 in Stuttgart geboren, gründet Martin Joos nach der Ausbildung zum Landschaftsgärtner und dem Studium der Landschaftsarchitektur 1995 in Fellbach sein eigenes Gartenbauunternehmen.

2008 übernimmt er im Vorstand des Verbandes für Landschaft- und Gartenbau die Bereiche Aus- und Weiterbildung. Im März 2017 gibt er das Amt turnusgemäß ab.

b>Der Garten in der Kunst

Der Garten in der Kunst

Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Gärtnerei eine beliebte Freizeitbeschäftigung in Mitteleuropa, Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wird der Garten zu einem zentralen Thema in der europäischen Kunst. Vor allem in Frankreich und Deutschland entdecken Künstler wie Pierre Bonnard und Claude Monet, Wassiliy Kandinsky und Gabriele Münter, August Macke und Paul Klee im Erleben natürlicher Abläufe eine Bestätigung des Strebens nach künstlerischer Freiheit.

Aktuelle Ausstellungen

Claude Monet in der Fondation Beyeler in Riehen (Baselstraße 101). Ein spektakuläres Panorama zum Werk von Monet. Bis zum 28. Mai (Mo bis So 10 bis 18, Mi 10 bis 20 Uhr). www.fondationbeyeler.ch.

Mythos Giverny in der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz 1). Die Schau zeigt die anhaltende Wirkungsgeschichte von Monets Garten in Giverny. Bis zum 13. Mai (Di bis Fr 11 bis 19, Samstag 11 bis 17 Uhr). www.schlichtenmaier.de

Aufbruch Flora. Meisterwerke aus der Sammlung Hahnloser-Bühler in der Staatsgalerie Stuttgart. Werke von Félix Valloton, Henri Manguin und anderen machen auch den Garten der Villa Flora immer wieder zum Thema. Bis zum 18. Juni (Di bis So 10 bis 18, Do 10 bis 20 Uhr). wwww.staatsgalerie.de.

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