Jetzt beginnt die Fastenzeit – manche wählen eine besondere Art der Enthaltsamkeit: Sie verzichten auf Geschlechtsverkehr. Das soll das Verlangen steigern. Schadet es der Beziehung?
Die Menschen in Deutschland trinken im Durchschnitt jährlich 91,6 Liter Bier. Sie essen 55 Kilo Fleisch und 22,5 Kilo Süßes. Die Menschen hierzulande haben auch, je nach Alter, durchschnittlich 48- bis 60-mal pro Jahr Geschlechtsverkehr. Es gibt eine Sache, die ihn von den anderen Dingen unterscheidet, auf die wir in der Fastenzeit normalerweise verzichten: Der Konsum von Alkohol, Süßigkeiten und Fleisch liegt deutlich über den Empfehlungen etwa der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Für Geschlechtsverkehr gibt es so eine Empfehlung nicht. Kann der Verzicht dann überhaupt Sinn ergeben?
„Ich erkenne mehr Nebenwirkungen als Wirkungen“, sagt Jörg Signerski, Sexualmediziner und Sexualtherapeut und Geschäftsführender Oberarzt der Universitätsmedizin Göttingen. In anderen Worten: Auf Sex verzichten, einfach nur, weil Fastenzeit sei, das hält er für keine gute Idee. Allein schon der Begriff Fasten sei irreführend, weil Sex nichts Ungesundes oder Lasterhaftes sei.
Eher andersherum: „Sex ist etwas Genussvolles, Bindendes und Gesundes.“ Das zeigen auch viele Studien: Sex baut Stress ab, sorgt dafür, dass Oxytocin und Endorphine ausgeschüttet werden, die Bindungs- und Glückshormone, und bei Männern senkt die häufige Ejakul ation das Risiko für Prostatakrebs. Ein Verzicht könne aber, unabhängig von der Jahreszeit, in einem bestimmten Rahmen nützlich sein, sagt Signerski.
Sex hat jede Menge positive Effekte
„Wir verzichten im therapeutischen Kontext auf Sex, schaffen aber gleichzeitig einen Raum für Intimität“, sagt Signerski. Ein Raum für Intimität bedeute, dass es dann etwa Streichelübungen gebe. „Wenn sich Paare jeden Abend den Rücken kraulen und sich streicheln, kann das für die Beziehung sehr wertvoll sein“, sagt Signerski. Eine Art Achtsamkeitsübung, um Sexualität wieder stärker genießen zu lernen. Wichtig sei, dass beide Partner das so wollten.
Der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann sagt zum Thema Sex-Fasten: „Wenn ein Paar das machen möchte und beide Partner darauf Lust haben: Warum nicht? Vielleicht ist dann nach einer Pause die nächste erotische Begegnung ganz besonders leidenschaftlich und wird intensiv erlebt.“ Das sei wie bei einer Fernbeziehung, ergänzt der Sexualmediziner Signerski. Aber diese aufgesparte Leidenschaft würde in der Regel schnell wieder verfliegen. „Die Frage ist, ob man sich nicht eher einen neuen Raum der erotischen Begegnung aufbaut. Das heißt: in den Austausch kommt, was der oder die andere mag, wie es sich anfühlt, wenn man sich an bestimmten Stellen berührt.“
Kann man Leidenschaft aufsparen?
Sowohl Signerski als auch Hegmann ist es wichtig zu betonen, dass sie keinem Paar zu einem bestimmten Verhalten raten, dazu sei Sexualität zu vielfältig und die Bedürfnisse der einzelnen Menschen zu unterschiedlich. Die erhobenen 48- bis 60-mal Sex pro Jahr, also vier- bis fünfmal im Monat, entsprechen eigentlich ziemlich genau dem, was laut einer Studie der Universität Toronto ideal ist für die Zufriedenheit. Aber das ist eben nur ein Durchschnittswert.
„Die Bedürfnisse der Partner sind entscheidend“, sagt Hegmann. „Keine Statistik und kein Zeitschriften-Tipp oder vermeintlicher Sex-Trend macht ein Paar glücklich. Im Gegenteil werden dadurch oft Druck und Zweifel entstehen. Und kaum etwas killt Lust und Leidenschaft so gründlich wie Stress. ‚Das müssen Sie machen für ein perfektes Sex-Erleben‘, ist deshalb immer ein sehr schlechter Rat“, so Hegmann. Das gilt letztlich auch für das Sex-Fasten.
Dieser Text erschien erstmals am 27.02.2023.