Fenster und Balkone verraten, wie entschlossen die Menschen die Hitze aus der Wohnung halten. Mit Expertenblick schauen wir in der Stuttgarter Innenstadt genauer hin.
Der Bezirksvorsteher im Westen habe ihm erzählt, ab Mai würden bei ihm etliche temporäre Klimaanlagen an die Fassaden montiert. Rainer Kapp hält nichts von Klimaanlagen. Abgesehen von der Energie, die sie verbrauchen, fehlt ihm der Gemeinsinn. In der eigenen Wohnung werde es zwar kälter, aber dafür heize sich die Umgebung auf. Weiter auf, muss man sagen, denn in Stuttgart ist es bereits heute an Hochsommertagen ordentlich heiß.
Einerseits kein Wunder, dass die Bewohner in der City – wo es um einiges heißer ist als auf der Filderebene – Klimaanlagen kaufen. Andererseits stellt sich die Frage, ob sie bereits alle Möglichkeiten ausreizen, um die Wohnung kühl zu halten. Antworten soll ein prüfender Blick auf die Fassaden mit Rainer Kapp bringen. Der Tag der Tour ist warm, vielleicht schon heiß, aber in Stuttgart ist man anderes gewohnt. Gemessen daran ist es an diesem Tag, Punkt 12 Uhr, angenehm. Kein „Wärmebelastungstag“, schätzt Kapp. Wobei es gegen später noch wärmer werden könne.
Nachts in Stuttgart teils zu wenig abkühlt
Rainer Kapp ist Stadtklimatologe in Stuttgart, seit 1993 dabei. Sein Stellenwert hat sich über die Jahre verändert. Anfangs waren sie eher Nische; seit der Klimawandel aber die Sommer in Heißzeiten verwandelt, in denen es auch nachts in Stuttgart teils zu wenig abkühlt, ist die Expertise gefragt. „Einzelne Extremjahre haben uns schon gepusht.“ Aber für ihn ist es manchmal trotzdem zum Verzweifeln. Über Neubauten in Kaltluftschneisen würde er nie ernsthaft nachdenken. Er, dessen Job es ist, der Stadt kühle Luft zu verschaffen. Ein klassischer Zielkonflikt, denn es gibt eben auch den Kollegen, dessen Job es ist, der Stadt neue Wohnungen zu verschaffen.
Das Anpassungsgesetz, das die Bundesregierung anstrebt, sieht Rainer Kapp kritisch. Zu viel Analyse, zu wenig Aktion, findet er. Es müsse mal losgehen. Wie schwer das im Alltag ist, zeigt sich immer wieder. Kapp und seine Kollegen haben oftmals die Rolle der Mahner, je nach Sichtweise auch die der Verhinderer. „Die Extremwetter werden auf jeden Fall zunehmen“, sagt er. „Es ist schon schlecht und wird noch schlechter.“ Das rüberzubringen, sei zäh. Immer wieder sei festzustellen, dass selbst im Gemeinderat nicht alle restlos davon überzeugt sind, dass sich die Stadt auf den Klimawandel vorbereiten muss.
Hier staut sich die Hitze
Aber wie reagieren die Menschen in der Stadt auf die Hitze? In diesem Sommer 2023? Die Fassaden in der City sollen ein Gradmesser sein. Rainer Kapp steht am Hospitalhof, ein Wärmepol der Stadt, hätte man nicht vorgesorgt. Er sei der tiefste und zentralste Punkt. Hier staue sich die Hitze, es komme wenig frische Luft nach. In seinem Rücken die Kirche, vor ihm Wohnungen aus zwei Zeiten. Links der 70er-Jahre-Bau, rechts der Neubau. Das Glück aller Balkone ist, dass sie sich gegenseitig verschatten, trotzdem liest Kapp an dem Neubau ab, dass sich der Architekt hier bereits mehr Gedanken über den Hitzeschutz gemacht hat. Die Balkone liegen tiefer. Für beide Seiten gilt: Die Rollläden sind bei etwa der Hälfte der Wohnungen unten. Manche Fenster stehen auf Kipp. Klassischer Nutzerfehler an Hitzetagen.
Um die Wohnung kühl zu halten, sagt Kapp, müsse man nachts lüften und tagsüber keine Sonnenstrahlen und Wärme in die Wohnung lassen. Wichtig sei dabei, von außen zu verschatten. Die Tour durch die Innenstadt mit Blick auf die Fassaden zeigt, was auch schon am Hospitalhof abzulesen war: Etwa die Hälfte sperrt die Hitze aus, die andere Hälfte nicht. Teils, weil Rollladen oder Klappläden fehlen, teils aber auch einfach so. Es fehle an Routine, erklärt Rainer Kapp. Weil man nur an wenigen Tagen im Sommer verschatten müsse. Sich hier umzugewöhnen, „das wird noch brauchen“.
In der Innenstadt finden sich einige Häuser, die komplett oder zu einem großen Teil verglast sind. Nicht alle haben einen Sonnenschutz. Rainer Kapp erklärt sich das so: Die Gebäude seien Standardprodukte, sie seien am Schreibtisch geplant worden und würden in Städte gesetzt, egal, wie die Umgebung ist. „Sie haben keinen Standortbezug.“ Während Rainer Kapp nahe der Königstraße steht, sagt er, wie er die Sache sieht. „Die Stadt ist im Wesentlichen gebaut.“ Damit müsse man umgehen. Aber bleiben, wie es ist, kann es eben auch nicht, wenn man es hier noch aushalten soll.
Hitze in Stuttgart
Hotspots
Diesen Sommer gibt es eine Infrarot-Befliegung über Stuttgart. An zwei wolkenlosen, heißen Tagen misst ein Spezialflugzeug, wo es in Stuttgart besonders heiß ist. So sollen die Hotspots in der Stadt identifiziert werden. Eine Idee, wo diese sind, hat der Stadtklimatologe. Entlang der Stadtautobahnen und in den Parallelstraßen heize sich die Umgebung besonders auf.
Aktionsplan
Die Erkenntnisse aus der Befliegung – die möglichst wiederholt werden soll – sollen auch in den Hitzeaktionsplan der Stadt einfließen. Dieser soll, wenn er fertig ist, ein Leitfaden sein, was an besonders heißen Tagen in Stuttgart zu beachten ist. Er ist Teil eines Konzepts zur Anpassung an den Klimawandel. Stuttgart gilt bereits heute als eine der heißesten Städte Deutschlands.