Zum Rohrauer Saadmaah gehört auch ein Saadweible. Foto: 1. Narrenzunft Rohrau

Die Rohrauer Saadmänner und -weible feiern am Samstag ihr 15-jähriges Bestehen mit dem ersten eigenen Narrenumzug. Es soll womöglich nicht der letzte bleiben.

Blaues Hemd, roter Schal, Schnauzbart im hölzernen Gesicht und eine rote Kappe auf der weißen Haarmähne – so sieht ein Rohrauer „Saadmaah“ aus. Die närrischen Sandmänner sind ein echter Hingucker bei Fasnetsumzügen in der Region. Nur wenige wissen wahrscheinlich, was für ein hartes Schicksal sich hinter den fröhlichen Gestalten verbirgt, denn die Narrengruppe hat einen ortsgeschichtlichen Hintergrund. Mit ihrem Häs erinnert die 1. Narrenzunft Rohrau an die Sandbauern, die bis vor gut 100 Jahren Leben und Identität des Gärtringer Teilorts prägten.

 

Narrenzunft will Erinnerung an Sandbauern am Leben erhalten

„Wir wollen die Erinnerung an die Rohrauer Sandbauern am Leben erhalten“, sagt der Vereinschef. Der Ort galt vor rund 200 Jahren als eine der ärmsten Gemeinden des Herrenberger Oberamtes. Die Existenzgrundlage für viele Rohrauer war der Abbau von Stubensandstein und Keupergips aus dem Steinbruch am Ortsrand in Richtung Hildrizhausen. In Sandmühlen verarbeiteten sie das abgebrochene Material weiter zu Düngergips und feinem Feg- und Scheuersand. „Den hat man damals zum Putzen in den Wohnstuben verwendet“, sagt Bilwachs.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden der Gipsdünger von Kunstdüngern und der Sand von neu aufkommenden Reinigungsmitteln verdrängt. Die Gipsmüller und Sandbauern, die ihre mühsam erzeugte Ware einst mit Handkarren bis in den Schwarzwald und auf die Alb schleppten, brauchte es nicht mehr – und auch nicht mehr die zehn Sandmühlen, die einst im Ort standen. Eine davon, eine 1837 erbaute Gips- und Sandmühle nahe dem Rathaus, steht heute noch und dient seit 1988 als kleines Museum.

Maskenschnitzer Michael Gärtner in seiner Werkstatt. Foto: Helmut Schilling

Mit den Saadmaah, zu denen es mittlerweile übrigens mit den Saadweible auch ein weibliches Gegenstück gibt, ehren die Rohrauer Narren ihre eigene Ortshistorie. Larve und Häs gehen dabei auf ein reales Vorbild zurück. „Die Maske ist Wilhelm Holzapfel nachempfunden. Er war der letzte Sandbauer von Rohrau“, sagt Mario Bilwachs. Bis 1962 ging Holzapfel seiner schweren Arbeit nach, dann brannte seine Mühle ab.

Im Heimatbuch der Gemeinde Rohrau findet sich ein historisches Schwarz-Weiß-Bild des letzten Sandbauern bei der Arbeit. Das diente dem Gärtringer Maskenschnitzer Michael Gärtner als Inspiration, als er vor 15 Jahren die erste Saadmaah-Larve anfertigte. Viele weitere folgten, seit der offiziellen Gründung der 1. Narrenzunft Rohrau am 27. März 2010. Gärtner war damals eines von sechs Gründungsmitgliedern. „Heute sind wir rund 130 Mitglieder, davon rund 45 aktive“, sagt Zunftmeister Mario Bilwachs. Der 28-Jährige leitet den Verein seit 2020. Bisher war die Narrengruppe vor allem bei Umzügen, Zunftmeisterempfängen und anderen Veranstaltaltungen anderer Narrengruppen – vor allem im Kreis Böblingen und in der Region Tübingen. „Wir kommen recht weit rum“, sagt Bilwachs.

Die Saadmänner beim Narrenumzug 2019 in Gärtringen. /Thomas Bischof

Weil sich die Gründung des Fasnetvereins jetzt zum 15. Mal jährt, veranstaltet die junge Truppe um Mario Bilwachs am kommenden Samstag, 25. Januar, um 14 Uhr ihren ersten eigenen Umzug mit anschließendem Fleggafeschd, das mangels entsprechend großer Halle unter freiem Himmel stattfindet.

Für die Premiere kann sich das Aufgebot durchaus sehen lassen: 37 Gruppen mit insgesamt rund 1600 Teilnehmenden sind geplant. Die Rohrauer Narren werden den Tross anführen, gefolgt vom Kindergarten Eisenbergle.

Ob es vorerst bei diesem einen Umzug bleibt, ist noch nicht ausgemacht: „Wir wollen sehen, wie das ankommt und dann kann man sehen, ob wir das in Zukunft wieder machen“, sagt Zunftmeister Mario Bilwachs.