In dieser Sitzung muss die Rathausspitze bei den Zuschauern Platz nehmen. Foto: Simon Granville

Bei der narreten Sitzung im Rathaus betrachtet der Siebenerrat der Weiler Zunft das lokale Geschehen durch die Fasnets-Brille.

Most ist das Getränk des Abends, oft und viel gelobt. Die Spicklingsweiber servieren den alkoholhaltigen Saft aus Äpfeln („Die sind bio, da fühlen sich sogar die Würmer wohl“) und Birnen zusammen mit Brezeln – die Standardverpflegung für das närrische Volk, das wieder zur narreten Sitzung gekommen ist. Weil sich in der Fasnet vieles umkehrt, sitzen Bürgermeister Christian Walter und Erster Beigeordneter Jürgen Katz zwar in der ersten Reihe, aber doch auf den Zuschauerrängen, während alle Augen nach vorne gerichtet sind, zum Siebenerrat der Narrenzunft AHA, flankiert vom AHA-Ballett und der Narrenkapelle.

 

Gleich zu Beginn der von Daniel Kadasch als Zunftmeister geleiteten Sitzung verleiht dieser den beiden Verwaltungschefs die Orden der Narrenzunft. Das sei eine große Ehre, denn die bekomme nicht jeder, so Kadasch, „aber ihr habt es euch verdient.“ „Die zwei sind so richtige Vollblutnarren“, sagt der Zunftmeister in Richtung Publikum. Den so Gelobten drückt er Formulare in die Hand mit der Bemerkung „ihr dürft gleich mal im Vorhinein das heutige Sitzungsprotokoll unterschreiben“, das sich als Mitgliedsantrag entpuppt.

Zunftmeister Daniel Kadasch verleiht Orden

Der Siebenerrat nimmt die zahlreichen Ausschreibungen für Stellen bei der Stadt aufs Korn, „die gar nicht frei sind, sondern zusätzlich geschaffen werden sollen, um noch mehr Kosten zu verursachen“. Gleich zwei Angebote hat die Stadt- und Touristinfo, offensichtlich gebe es da großes Potenzial. Er habe gehört, so Siebenerrat Markus Kling, dass es für die Vorbereitung des Weihnachtsmarkts 1200 Arbeitsstunden braucht, was 30 Wochen Vollzeitarbeit für 1,5 Tage Markt bedeuten. „Wenn wir das einem Minijobber geben, findet der Markt nur noch alle vier Jahre statt, parallel zu den Olympischen Spielen“, so sein Vorschlag.

Großen Anklang beim närrischen Volk finden die „Alten Segge“, fünf ältere Herren aus den Reihen der Zunft, die mit übergestülpten Pappautomaten Möglichkeiten für entbürokratisiertes Verwaltungshandeln vorschlagen. Anlass sind die neuen Parkautomaten („Heute muss man zahlen für wenig Platz – dank Automaten von Walter und Katz“.) Der „Bautomat“ soll für zügigere Bauanträge sorgen. „Oben gibt man 700 Ökopunkte in den Schlitz und unten kommt die Genehmigung fürs Gartenhaus raus“, so der Vorschlag. Das könnte auch für ein „Baugebiet Häugern 3“ gelten, meinen die Narren weit vorausschauend: „700 000 Ökopunkte rein, dann können die Bagger anrollen.“ Ein Gripsomat soll für schnelleres Lernen sorgen und der „langersehnte Narromat“ schließlich die Wagen für den Umzug auf Knopfdruck liefern. Für manche Lacher sorgen Christian Walter und Jürgen Katz als teiluniformierte Ordnungshüter mit dem Abfragen von vielen Vorschriften, die bei Veranstaltungen eingehalten werden müssen. Den stärksten Beifall bekommen sie bei der Frage nach der Frauenquote im Siebenerrat, der „mit mindestens einer Frau und mindestens einem Mann besetzt sein“ müsse – ein immer wiederkehrendes Thema in der Narrenzunft.

Energiewende und Solarenergie auf die Schippe genommen

Die Narren nehmen auch Energiewende und Solarenergie auf die Schippe. Michael Borger tritt als Dolly Buster mit einem Balkonkraftwerk auf dem überdimensionierten Busen auf, dem Bürgermeister wird ein PV-Panel umgehängt. „Wie ihr seht, tut sich nichts“, heißt es dazu. Als Plan B bekommt Christian Walter eine Flasche Weil der Städter Stromberger aus Sonnenenergie. Mit dem Beitrag der beiden „Stadtratschen“ Johanna und Dietlinde alias Johannes Lutz und Dieter Stotz, die sich über Sinn und Unsinn von Kunst und der Skulpturen vor der Stadtmauer ereifern, endet die narrete Sitzung.

Vor dem Rathaus haben die Weiler Hexen inzwischen ein ordentlich qualmendes Feuer für den Sprung über selbiges entfacht, das an diesem Abend einige echte uniformierte Polizeibeamte beobachten.