Beim großen Umzug der Weiler Narrenzunft geht es um Kohle: So mancher Wagen nimmt die leeren Stadtkassen auf die Schippe. Nach langer Pause ist die Stimmung richtig gut.
Die Türen der S-Bahn schließen sich unter dem Jubel der Menschen, die wie Sardinen gequetscht im Zug stehen. Wer noch vor der S-Bahn steht, schaut bedröppelt. Ein paar Sekunden später: Piepsen. Die Tür öffnet sich wieder. Kollektives Stöhnen, Verspätung.
Etwas komplizierter war die Anreise zum großen Fasnetsumzug in Weil der Stadt in diesem Jahr, mit S-Bahn-Sperrungen und weniger Zügen. Von der Reise in die Keplerstadt hat das die Fasnetfans aber noch lange nicht abgehalten – teils kamen sie verspätet. Den Kohl macht das nicht mehr fett, immerhin mussten die Besucherinnen und Besucher drei Jahre warten seit dem letzten Umzug, Corona sei Dank. „Es ist einfach viel zu lange her“, sagt eine Besucherin mit bunter Blumenkette um den Hals. Umso besser ist die Stimmung nach dem närrischen Entzug.
In One-Love-Binde zieht der Scheich aus Katar durch die Straßen
Daran kann auch das etwas trübe Wetter nicht rütteln. Nur ab und zu rückt die Sonne hinter den Wolken hervor, durch die Gassen pfeift ein beißender Wind. Regentropfen, wie sie Narrenchef Frank Gann vergangene Woche noch befürchtet hatte, gibt es aber nicht. Trocken ist es also, als um 14.13 Uhr der Büttel um die Ecke auf den vollen Marktplatz biegt, gefolgt von über 60 Gruppen und Kapellen, viele davon extra angereist. Mit dabei sind auch die aufwendig gebauten Wagen der Narrenzunft AHA, die wie immer einen überspitzten Blick auf die politische Lage in Weil der Stadt und der Welt werfen. „Mit einem Schlag schuldenfrei“ ziert etwa einen Wagen zum 50-jährigen Jubiläum der Gemeindereform, in dem Skelett Rudi im Krankenhausbett schlummert. Umsorgt wird der Tote von einer ganzen Mannschaft Krankenschwestern.
Wegen der Geldnöte, welche die Keplerstadt schon seit eh und je plagen, stichelt auch eine gigantische Gelddruckmaschine. Die Narren verteilen Spielgeld und Goldmünzen aus Schokolade - finanzielle Sorgen braucht sich zumindest beim Umzug niemand machen. Ein überdimensionaler Scheich mit One-Love-Binde zieht auf einem Wagen mit AHA-Fußball durch die Straßen, besonders hoch hinaus geht es für die jungen Insassen des fliegenden, hellblauen Autos aus “Harry Potter und die Kammer des Schreckens“. Dazu passend ist übrigens auch die Stadtspitze gekleidet: Erster Beigeordneter Jürgen Katz ist im inzwischen bewährten Albus-Dumbledore-Kostüm dabei, Bürgermeister Christian Walter als Zauberlehrling. Der Weiler Bürgermeister erlebt in diesem Jahr die erste Fasnet seit Amtsantritt, musste in den vergangenen Tagen schon das Amt abtreten und über das Hexenfeuer springen. Wie das war? „Es macht richtig Spaß“, sagt Walter am Rande des Umzugs - bevor er prompt auf das hölzerne Gefährt der Steckentäler gezerrt wird und eine Gasse hinunter braust.
Premiere für den Bürgermeister
Auch zum ersten Mal dabei sind Besucher aus Riquewihr, der Weiler Partnerstadt in Frankreich. Sie beobachten den Umzug von der Rathaustribüne. „Ich liebe es“, sagt die Französin Gaëlle Henry. „Nächstes Jahr wollen wir wieder kommen.“