Bürokratie, Finanzkrise, Landtagswahlkampf: Beim Zunftmeisterempfang der Narrenzunft AHA geht es politisch zu
Die Zeiten sind hart, nicht nur im richtigen Leben, sondern auch in der fünften Jahreszeit. Da empfiehlt es sich, gut gerüstet nach draußen zu gehen. Roland Bernhard nimmt das am Fasnet-Sonntag im wörtlichen Sinne.
In einer Ritterrüstung, bewaffnet mit einem großen Schwert, traut sich der Landrat des Landkreises Böblingen nach Weil der Stadt. Im altehrwürdigen Klösterle stimmen sich die Aktiven der Narrenzunft AHA und ihre zahlreichen Gäste auf ihren höchsten Feiertag ein, bevor am Nachmittag der große Umzug durch die Altstadt zieht und rund 30 000 Besucher anlockt.
Keine milde Gabe aus Berlin
So riesig die Stimmung, so bunt die Kostüme – so mau die Kassenlage in Weil der Stadt, Deshalb kann „Ritter Roland mit der großen hohlen Hand“ nicht das umsetzen, was er am liebsten macht: „Ich raube, raube, raube und mach mich aus dem Staube.“ Doch was soll man im Städtle schon rauben? Im Gegenteil: „Der Jahresabschluss ist entrückt, der Kämmerer hat sich verdrückt.“ Da hat Ritter Roland für den abgesetzten Bürgermeister sogar einen kleinen Säckel da, wenn Christian Walter am Aschermittwoch wieder ins Rathaus darf.
Keine milde Gabe kann Marc Biadacz mitbringen. Der schwarze Marc hat das im Bundestag übliche Jackett mit dem Blaumann getauscht, um unentdeckt dem Berliner Politikbetrieb zu entfliehen. Doch außer schönen Worten kann der CDU-Mann nichts mitbringen: „Die Berliner haben ja nicht mal Geld für Streusalz.“
Da war es im Mittelalter schon einfacher, berichtet ein Burgfräulein dem närrischen Auditorium. „Ihr lebt in einer ruhelosen Zeit, in der Pünktlichkeit mehr als Lebensfreude zählt.“ Als SPD-Bundestagsabgeordnete im jetzigen Leben muss es Jasmina Hostert wissen: „Früher gab es einen Herrscher, heute herrschen tausend Tyrannen mit dem Smartphone in der Hand.“
Im Mittelalter hatten die Herrscher wenigstens noch Geld. Die Politiker von heute sind blank, große Träume haben sie aber trotzdem, geißelt Hans-Dieter Scheerer mit scharfen Worten. Der Liberale aus Weil der Stadt verschont weder den abgesetzten Bürgermeister noch den Landrat, der mit der Kreisumlage „die Taler schichtet“. Der Personalvorschlag des FDP-Landtagsabgeordneten: Der neue Zunftmeister Tobias Forstenhäusler solle Bürgermeister werden: „Der weiß, wie man regieren kann.“
Peter Seimer geht als Zirkusdirektor in die Bütt und beklagt lautstark die Bürokratie. Der Grünen-Landtagsabgeordnete dürfte damit dem AHA-Chef Frank Gann aus der Seele sprechen, der zuvor berichtet hatte, wie schwierig die Organisation eines Umzugs ist. Seimers Versprechen aber, dass ab sofort mehr Freiraum geschaffen werde, löst in den Reihen eher Heiterkeit aus.
Albrecht Stickel, der für die CDU in den Landtag will, beschränkt sich bei seinem Auftritt auf Werbung in eigener Sache. In Herrenberg scheint das mit der Fasnet noch nicht so ganz angekommen zu sein. Kein Wahlkampf muss der SPD-Kreisrat Tobias Brenner machen, der sich von der Ausgabenfreude der Weiler Verwaltung nicht gerade begeistert zeigt.
Laternen statt Lampen
Damit alles besser wird, hat das abgesetzte Führungsduo, der „schmale Chris“ alias Christian Walter und die „Katz auf dem Baum“, alias Jürgen Katz, sich jetzt eine Organisationsberatung in Haus geholt. Ob die hilft angesichts, der vielen Auflagen, die aus anderen Behörden aufs Rathaus einprasseln?
Vielleicht sollten die beiden die „Alten Säcke“ fragen. Die AHA-Veteranen gehen die Dinge ganz praktisch an und ziehen mit Laternen nachts durch die dunklen Gassen. Dann sind im Städtle die Lampen abgedreht. Am Tag ist es zum Feiern zu Glück aber hell genug. Und deshalb kann der launige Moderator Marcel Wagner das Auditorium zu den krachenden Klängen der Narrenkapelle in die Altstadt entlassen.