Die Figur des „Federle“ gehört zu den traditionellen Masken in Bad Waldsee. Foto: Köhler

Die Narren in Oberschwaben sind an Fasnet nicht mehr zu halten. Besucher brauchen Durchhaltevermögen und Sinn für seltsame Bräuche.

Bad Waldsee - Das übliche Hallo oder Guten Tag verbannen die Menschen in Bad Waldsee an den Fasnetstagen aus ihrem Sprachgebrauch. Mit einem dröhnenden Aha begrüßen und verabschieden sie sich stattdessen in den Gassen, Geschäften, Restaurants und im Rathaus. Überall ertönt der Narrenruf der Narrenzunft Waldsee in der fünften Jahreszeit. Ein Entkommen ist unmöglich. Fast magisch zieht das närrische Treiben in der historischen Innenstadt Bürger und Besucher an. Kein Wunder, ist der Kneippkurort doch eine Hochburg der schwäbisch-alemannischen Fasnet, die sich in acht Fastnachtslandschaften aufteilt. Die Ferienregion Oberschwaben ist eine davon. Wer in der närrischen Zeit dort einige Tage verbringt, lernt viele Bräuche kennen. Am Gumpigen Donstig, der Donnerstag vor Aschermittwoch, beginnt in den meisten Orten Oberschwabens die Fasnet.

„Samba, Salsa und Cha-Cha-Cha, Aha in Südamerika“ heißt heuer das Fasnetsmotto in Waldsee, erzählt Zunftrat Roland Haag. Der 80 Jahre alten Zunft gehört mehr als jeder Zehnte der rund 20 000 Waldseer an.

Zwischen den Fachwerkhäusern sind Schnüre mit blauen, grünen und roten Wimpeln gespannt. Noch herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Nur die Dekoration deutet darauf hin, dass die Waldseer sich am Vorabend des Gumpigen auf die Hochfasnet einstimmen. Zunächst im Rathaus beim Narrenrecht-Abholen. Dicht gedrängt beobachten die zumeist verkleideten Zuschauer, wie die Narren geschickt die Macht über die Stadt an sich reißen. Nach gut zwei Stunden ist der Bürgermeister samt Gemeinderat abgesetzt. Wenn auch widerwillig und nach langen Wortgefechten. Die Zuschauer jubeln, vor allem deshalb, weil sich die Narren nun genüsslich über lokale und überregionale politische Entscheidungen auslassen.

Um Mitternacht stürmen die Narren den Rathausplatz

Traditionell kehren die Waldseer danach in eines der Wirtshäuser rund um den Rathausplatz ein. Schließlich wollen sie die Machtübernahme feiern. Serviert werden saure Kutteln mit Bratkartoffeln oder Linsen mit Spätzle und Saitenwürstchen. Bis tief in die Nacht essen, trinken, schunkeln und tanzen die Narren zu den Klängen der Musiker. Fremde werden Freunde. Manch einer lässt den Blick durch die Menge schweifen. Möglicherweise entdeckt er Günther Oettinger. Der EU-Kommissar besucht seit 28 Jahren die Waldseer Fasnet, weshalb die Zunft ihn als Obernarr zum Ehrenmitglied ernannt hat. „Das ist die höchste Auszeichnung“, sagt Zunftrat Haag.

Um Mitternacht stürmen die Narren auf den Rathausplatz. Das Feuer lodert bereits. Zur Geisterstunde tanzen die Schrätteleshexen den Schrättelestanz um die Flammen. Die Wintermächte kämpfen bei schaurig-düsteren Klängen gegen den Frühling, die Faselhannes und Narros, die als Gegenpol zum Narrenmarsch fröhlich umherhüpfen. Natürlich gewinnen die Weißnarren und vertreiben die Hexen.

Frühmorgens am Gumpigen verkünden die oberschwäbischen Narren die Fasnet. Beim Fasnetsausrufen in Waldsee läutet die Nachtwächtergruppe um 8 Uhr die heiße Phase ein. Stadteinwärts kommt sie durch das Wurzacher Tor. Lautstark, unüberhörbar. Die Männer trommeln und tröten.

Bei der Narrenzunft sind fast 3000 Masken zugelassen

In ganz Oberschwaben stürmen die Narren an diesem Vormittag auch Kindergärten und Schulen. Sie entführen Erzieher, Lehrer und Schulleiter, dann befreien sie die Kinder und Schüler. Derweil findet beispielsweise in Bad Saulgau und Weingarten nach der Schulstürmung der Rathaussturm statt, bei dem der Bürgermeister entmachtet wird. Im Laufe des Vormittags stellen die meisten Städte außerdem die bis zu 25 Meter hohen Narrenbäume auf. Danach schmücken sie das Symbol der närrischen Herrschaft. Freilich geschieht auch dieser Brauch mit viel Getöse: Vielerorts ziehen Pferde die Bäume durch die Gassen, wobei wie in Waldsee Zimmerleute und Landvermesser mitlaufen. Sie prüfen umständlich, ob der Baum um die nächste Ecke passt oder berichten über Geschehnisse aus dem vergangenen Jahr.

Die Umzüge – Narrensprünge – veranstalten die Zünfte verteilt zwischen dem Gumpigen und Fasnetsdienstag. Die Zuschauer sollten aufpassen: Berührungsängste kennen die Narren nicht. Schrättele verknoten Schuhbändel und verwuscheln Haare, Faselhannes streichen mit ihren Fuchsschwänzen über Gesichter, Schorrenweible stecken Schnäpse zu. Konfetti und Bonbons fliegen durch die Luft.

Bei der Narrenzunft sind fast 3000 Masken zugelassen, handgeschnitzte Unikate aus Lindenholz, die den Waldseern heilig sind. „Die Masken bleiben für gewöhnlich in der Familie, wo sie weitervererbt werden“, sagt Zunftrat Haag. Andernfalls fertigen Maskenschnitzer sie an. Jedoch bestimmt die Zunft, wer beim Umzug ins Häs – das Kostüm – schlüpfen darf. Bis zu 80 Anträge bearbeitet der Verein jedes Jahr. Zwölf Bewerber lässt er zu. Besonders beliebt sei die Maske der Schrätteleshexen. Für welches Häs auch immer die Narren sich entscheiden: Hauptsache, ihnen kommt ein dröhnendes Aha über die Lippen.

Infos

Fasnet in Oberschwaben

Bad Waldsee: Mittwoch, 3. Februar, Narrenrecht-Abholen, Rathaus, 19 Uhr. Schrättelestanz um 24 Uhr. Donnerstag, 4. Februar, Narrensprung, 14 Uhr. Rosenmontag, 8. Februar: Narrensprung um 14 Uhr. www.narrenzunftwaldsee.de Unterkunft: Mitten in der Altstadt Hotel-Restaurant Grüner Baum und Altes Tor (DZ ab 89 Euro. www.baum-leben.de. Auch zentral: Gasthof Kreuz (DZ ab 49 Euro ohne Frühstück). www.kreuz-gasthof.de Allgemeine Infos: www.bad-waldsee.de

Weingarten: Fasnetssonntag, 7. Februar, Großer Narrensprung durch die Innenstadt. www.plaetzlerzunft.de. Dort stehen auch Informationen zum Fasnetsmuseum, das die Bräuche der Weingartner Fasnet erklärt. www.weingarten-online.de

Bad Saulgau: Am Gumpigen Donstig übergibt Bürgermeisterin Doris Schröter gegen 18.30 Uhr das Narrenrecht, zudem wird die Fasnachtshexe Riedhutzel gesetzt. Danach kehren die Saulgauer zum traditionellen Sauschwanzessen ein. Der Brauch entstand Mitte der 1960er Jahre, um die Innenstadt am Abend zu beleben. www.dorauszunft.de. Am Fasnetsdienstag, 9. Februar, Narrensprung um 10.30 Uhr. (sk)

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