Die Urzelnzunft Sachsenheim hat das Maskenabstauben ins Netz verlegt. Foto: privat

Von wegen „Narri, Narro“: Faschingsbälle, Umzüge, Rathausstürme und Prunksitzungen fallen aufgrund der Coronapandemie aus. Fasnetstimmung wollen die Zünfte in Stuttgart und der Region trotzdem vermitteln. Dafür gibt es sogar eine besondere Erlaubnis.

Stuttgart/Wernau/Neuhausen - Jedem zur Freud, keinem zum Leid: So lautet das Motto aller Narren und natürlich auch des Narrenbunds Neuhausen im Kreis Esslingen. Und ja, auch die Coronapandemie sowie all die deshalb ausgefallenen Veranstaltungen lassen sich auf diesen Spruch ummünzen. „Wir haben schon im September 2020 entschieden, alle Termine der Fasnet abzusagen“, sagt Ronald Witt, der Vorsitzende des Narrenbunds. Selbst wenn kleine Veranstaltungen möglich gewesen wären, wollte der Verein bewusst davon absehen. „Wir tragen eine Verantwortung“, sagt Ronald Witt. Denn die Neuhausener Narren bildeten mit knapp 1800 Mitgliedern den größten Verein im Landesverband Württembergischer Karnevalsvereine.

 

Zu den Umzügen nach Neuhausen kommen meist zwischen 3500 und 4000 Teilnehmer sowie 30 000 bis 40 000 Zuschauer. Und auch wenn die Umzüge draußen an der frischen Luft sind, wäre eine solche Menschenmenge derzeit völlig undenkbar. „Wir haben daher frühzeitig entschieden: Das Häs bleibt im Schrank.“

Keine Feier trotz hoher Ehrung

Besonders traurig war das für die Neuhausener Narren, weil sie gerade erst von der Unesco die Auszeichnung als nationales immaterielles Kulturerbe erhalten haben. Bereits 2014 war die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte zum Kulturerbe ernannt worden, nun zählt der Narrenbund dazu. Feiern können sie dies nicht: Denn es gibt keinen einzigen Faschingsumzug, keine einzige Prunksitzung, keinen einzigen Rathaussturm während dieser Fasnet. Nicht einmal einen Narrenbaum hat Neuhausen dieses Jahr. Für den acht Meter hohen Baum bräuchten sie um die 30 Menschen, die mitanpacken – momentan unmöglich.

Stattdessen hat der Verein dazu aufgerufen, dass man seine alten Weihnachtsbäume entsprechend schmücken und Fotos davon im Internet teilen soll. Das bestgeschmückte Exemplar soll prämiert werden. Zudem wurde am 11. November eine Büttenrede online gestellt, weitere sollen im Januar und Februar folgen. „Das, was im derzeitigen Rahmen möglich ist, machen wir“, sagt Ronald Witt. „Und wir sind gedanklich auch schon in der neuen Saison und planen, was wir vom 11. November 2021 an alles machen wollen.“

Das meiste findet im Netz statt

Generell verschiebt sich die Fasnet diese Saison fast vollständig ins Internet. Die Narren in Wernau (Kreis Esslingen) etwa haben Online-Wettbewerbe initiiert, bei denen sie sich gegenseitig nominieren, Fotos von ihrem Häs oder von ihrem zum Narrenbaum umfunktionierten Weihnachtsbaum online zu stellen. Dies könne gestrichene Bälle und Umzüge natürlich nicht ersetzen, aber mit dem neuen Format „können wir das Gefühl sichtbar und spürbar machen und die Herzen der Menschen berühren“, heißt es. Schließlich gehe es bei der Fasnet nicht nur um Unterhaltung, sondern auch um Brauchtum.

So versuchen es auch die knapp 500 Mitglieder der Urzelnzunft aus Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg) zu sehen: „Vielleicht tut diese Zwangspause sogar ganz gut, um sich wieder aufs Wesentliche zu besinnen und kreativ zu werden“, sagt Vorstandsmitglied Kerstin Haible. Die Urzeln haben Fasnetmalvorlagen erstellt und wollen nun einzeln bei Kitas vorbeigehen, um zumindest von draußen etwas Lärm zu machen und Krapfen abzuliefern.

Eine besondere Erlaubnis gilt in Bad Cannstatt

Zudem gab es am 6. Januar ein digitales Maskenabstauben. „Ich hätte im Vorhinein nicht geglaubt, dass sich so viele vor ihrem PC den Urzeln-Anzug anziehen. Das war total nett“, sagt Haible. Am sogenannten Urzelntag – dieses Jahr ist es der 13. Februar – soll es erneut ein digitales Treffen geben. Und sie wollen einen Fasnetkalender online stellen, der – ähnlich wie ein Adventskalender – die Wartezeit bis zur nächsten Fasnet verkürzen soll.

Kreativ sind auch die Kübler aus Bad Cannstatt geworden: Sie planen unter anderem eine interaktive Show, die am Fasnetsamstag digital stattfinden soll. Die digitale Veranstaltung bildet den Ersatz für den Küblerball. Die sogenannten Oberkübler, Steffen Kauderer und Christian List, richten sich für diesen Abend ein TV-Studio im Zunfthaus ein, von dem aus sie unter anderem Bilder, Videos oder Geschichten aus früheren Jahren präsentieren. Zudem haben sich die Kübler eine Fasnetrallye für Kinder einfallen lassen.

„Natürlich tut einem als eingefleischter Narr das alles unheimlich im Herzen weh“, sagt Panajotis Delinasakis, der Pressereferent des Kübelesmarkts. Doch die Kübler wollten zeigen, dass die Fasnet nicht einfach ausfällt. Ausnahmsweise ist es den Mitgliedern dieses Jahr sogar erlaubt, einfach so ihr Häs und ihre Maske anzuziehen „und durch die Gassen zu jucken“, also ein wenig närrisch zu sein.

Sie wollen kein zweites Heinsberg

„Nach der Saison ist vor der Saison – dieser Spruch trifft bei uns zu“, meint Miltiadis Katsaoras, Präsident des Cannstatter Quellenclubs. Die Tanzgruppen würden sowieso das ganze Jahr über trainieren – nun eben online. Und obwohl Miltiadis Katsaoras zu dieser Zeit eigentlich ständig unterwegs wäre und die Ausfälle schlimm für ihn sind, hält er die Coronamaßnahmen für richtig. Mehrere Mitglieder hätten sich bereits mit dem Virus infiziert, nicht alle hatten glimpfliche Verläufe. „Wir wollen kein zweites Heinsberg, als ein Mensch bei einer Karnevalssitzung quasi die gesamte Halle verpestet hat.“