Kunstvoll geschnitzt sind die Masken vieler Hästräger. Foto: Jan Potente

Gruselige Hexen, laute Guggenmusik – beim Faschingsumzug am Samstagnachmittag ist Waiblingen fest in der Hand der Narren. Rund 85 Gruppen sind in die Stadt gekommen.

Waiblingen - Die Hexe mit der grünlich-grauen Holzmaske und der langen gebogenen Nase hat unter den Zuschauern am Straßenrand einen kleinen Jungen entdeckt. Sie läuft auf ihn zu, stupst mit dem Finger seine Nase an, schiebt seine Mütze erst hoch und zieht sie ihm dann über die Augen. Der Kleine rückt etwas irritiert die Mütze zurecht, während eine andere Hexe vorbeiläuft, die ein Mädchen geschnappt hat und sich wild mit ihm im Kreis dreht, bevor sie das Kind wieder auf den Boden stellt.

Waiblingen ist am Samstagnachmittag fest in der Hand der Narren. Rund 85 Gruppen mit ungefähr 2100 Teilnehmern ziehen durch die Stadt – Hästräger, Musikgruppen und Gardetänzerinnen folgen dem von Oberbürgermeister Andreas Hesky mit seinem Spritzenwagen angeführten Faschingsumzug. Von den Umzügen, die es an diesem Samstag in Württemberg gibt, sei der Waiblinger der größte, schätzt Dieter Streitenberger, der Präsident der Ersten Waiblinger Faschingsgesellschaft (1. WFG), die den Umzug gemeinsam mit der Waiblinger Karneval Gesellschaft Die Salathengste veranstaltet.

Ohne Kontakte geht es nicht

Dass sich die Zahl der teilnehmenden Gruppen in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt hat, sei unter anderem Benjamin Stein, dem Zunftmeister der 1. WFG, zu verdanken. „Das geht nur, indem man viele Kontakte zu anderen Gruppen knüpft“, erklärt der 37-Jährige. Schon seit elf Jahren ist der gebürtige Leutenbacher bei den Remshexen der 1. WFG. „Ich bin mit der Fasnet groß geworden“, erzählt er. Als Kind habe er allerdings vom Straßenrand aus dem Treiben der Hexen zugesehen. Das hat sich geändert – seit ungefähr vier Jahren organisiert Stein als Zunftmeister den Waiblinger Umzug.

Bereits ein Jahr im Voraus beginnen die Planungen. Wie viele Stunden Arbeit allein in der diesjährigen Veranstaltung stecken, kann er nicht sagen. Doch neben seinem Beruf als Gas- und Wasserinstallateur habe er mit der Fasnet einiges zu tun, berichtet der 37-Jährige. Ohne Zusammenarbeit geht es nicht: „Wir haben die volle Unterstützung der Stadt Waiblingen“, lobt er. Kurz bevor sich der Zug in Bewegung setzt, ist Stein nervös. „Aber wenn es jetzt gleich losgeht und ich weiß, alle Gruppen sind da, geht’s mir gut“, sagt er zuversichtlich.

Am Ende kommt die Kehrmaschine

Dieter Streitenberger schaut zum wolkenverhangenen Himmel. „Ich hoffe, dass das Wetter hält. Und dass es keine Unglücke gibt“, sagt Streitenberger. Im vergangenen Jahr hatte es beim Nachtumzug in Eppingen im Kraichgau einen schweren Unfall gegeben, bei dem eine junge Frau in einem heißen Kessel verbrüht worden war. Doch hier in Waiblingen gehörten Kessel mit heißem Wasser nicht zum Umzug, versichert der Präsident der 1. Waiblinger Faschingsgesellschaft. Ebenso wie Pressewart Rainer Niclaus ist Streitenberger vor vielen Jahren über seine Tochter zur Fasnet gekommen: „Sie wollte in der Garde tanzen“, erzählt der Präsident. Nachwuchs-Tänzerinnen werden auch heute gesucht in der 1. WFG: Niclaus verweist in diesem Zusammenhang gleich auf den Schnuppertag seines Vereins am kommenden Samstag.

Doch zunächst setzt sich der Waiblinger Faschingsumzug in Bewegung – vorbei an zahlreichen Zuschauern, die die Straßen säumen. Viele Familien sind gekommen, die Kinder und auch manche der Erwachsenen haben sich verkleidet. Wie viele es genau sind, sei schwer zu sagen, meint Rainer Niclaus. „Wir gehen von mehreren tausend aus. Das hängt aber auch immer vom Wetter ab.“

Von den dunklen Wolken am Himmel lassen sich die Besucher jedoch ganz offensichtlich nicht abhalten. Sie müssen sich eher vor den Hästrägern in Acht nehmen, die ihre Späße treiben. Gerne verwuscheln sie lange Haare der weiblichen Zuschauer, schleppen Kinder ein paar Meter weit weg oder seifen ihre Opfer mit reichlich Konfetti ein. Das wiederum wird am Ende der Veranstaltung direkt beseitigt: Die Stadtreinigung rückt mit Kehrmaschinen aus, kaum dass der letzte Wagen die Strecke passiert hat. Langsam wird es wieder ruhiger in Waiblingen, allerdings: „Nach dem Umzug wird im Schlosskeller und rund um Markt- und Rathausplatz weiter gefeiert“, hat Rainer Niclaus angekündigt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: