Einmarsch der Karnevalsgesellschaften und Karnevalisten in der Liederhalle Foto: Christian Hass

Der Fasching in Stuttgart kommt zehn Tage vor Faschingsdienstag in die heiße Phase: Bei drei Großveranstaltungen der Stuttgarter Karnevalsgesellschaften begeisterten bunte Programme und nicht zuletzt charmante Prinzessinnen das Publikum.

Stuttgart - Wo feiern Piraten, Cowboys und Indianer, die Biene Maja, Scheichs und Matrosen auf engstem Raum? Bei den Prunksitzungen der Stuttgarter Karnevalsgesellschaften natürlich. Mit ihren rund 650 Mitgliedern könnte die Gesellschaft Zigeunerinsel den Beethoven-Saal der Liederhalle dafür quasi im Alleingang füllen. Am Samstagabend platzte der mit rund 700 Gästen besetzte Saal beim Programm mit einer bunten Schar befreundeter Karnevalisten, Gardetanz, Cabaret und Showeinlagen fast aus allen Nähten. Mit dabei: Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), Stuttgarts Oberbürgermeister Michael Föll, der Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann (CDU) und Landtagspräsidentin Brigitte Lösch (Grüne).

Angesichts der Kostüme der Zigeunerinsel-Karnevalisten – die jungen Mädchen der Tanzgarden in Rot- und Grüntönen und die älteren Musiker des Spielmannszugs in Schwarz-Gelb – konnte sich Hermann eine politische Interpretation nicht verkneifen: „Die Zukunft ist Rot-Grün, nur die Senioren sind noch Schwarz-Gelb.“

Die Zigeunerinsel ist seit einigen Jahren die einzige Gesellschaft, die noch eine Prunksitzung in der Liederhalle ausrichten kann. „Es wird immer schwieriger, weil die Auflagen für Brandschutz und Sicherheit und damit auch die Kosten steigen. Wir haben Glück, weil wir uns die Liederhalle im Gegensatz zu anderen Vereinen dank unserer Sponsoren noch leisten können. Dabei helfen viel Werbung und unser guter Name“, sagt Wolfgang Hommel, Pressesprecher der Zigeunerinsel. Hauptkostenfaktor seien die Ausgaben für das Sicherheitspersonal. Hommel weiß, dass die klassische Prunksitzung mit Faschingsliedern bei der Jugend keine magische Anziehungskraft genießt: „Die jungen Leute wollen Party. Es kann sein, dass wir künftig noch mehr in diese Richtung gehen. Wir haben seit einigen Jahren damit schon mit unserer jährlichen Rosenmontags-Party im Mash im Bosch-Areal begonnen. Da kommt dann ein meist jüngeres Publikum.“

Gesang aus Spaß

Wer bei der Gesellschaft Rosenmontag Prinzessin werden will, muss gut singen können und bereit sein, gleich zwei Faschings-Kampagnen lang den 1922 gegründeten Verein durch die fünfte Jahreszeit zu begleiten. Rosenprinzessin Ariane I., bürgerlich Ariane Richter, begeisterte ihr Publikum im mit 170 belegten Plätzen ausverkauften Bürgerzentrum Münster mit einem Mix aus älteren und zeitgenössischen Schlagern. Ganz frei in ihrer Auswahl ist sie dabei nicht.

„Neben dem obligatorischen Rosenmontagslied des Vereins kommt man gegenwärtig an ,Atemlos durch die Nacht‘ oder ,Fehlerfrei‘ von Helene Fischer natürlich nicht vorbei. Ich präsentiere aber auch ältere Schlager wie ,Ich will keine Schokolade‘ von Trude Herr“, sagt die Mitarbeiterin einer Krankenkasse in Stuttgart, die soeben im Fernstudium ihren Abschluss als Gesundheitsökonomin absolviert hat. Obwohl die 28-Jährige eine Gesangsausbildung genossen hat und in Laienmusicals auftritt, kann sie sich Singen als Beruf nicht vorstellen: „Unter diesem Druck ist der ganze Spaß weg. Der Gesang muss deshalb mein Hobby bleiben.“ Am Aschermittwoch ist Arianes zweite Amtszeit zu Ende. „Es wird mir fehlen, das Publikum zu erfreuen und zum Mitsingen und Schunkeln zu animieren“, sagt sie.“

Die karitative Prinzessin

Nicht nur aus Spaß an der Freude ist Mimi I., Prinzessin der Karnevalsgesellschaft Grün-Schwarz Stuttgart, in der närrischen Jahreszeit unterwegs. Die charmante, alterslose Inderin aus dem nordöstlichen Bundesstaat Assam verzauberte das Publikum beim Prunkball ihrer Gesellschaft in der Untertürkheimer Sängerhalle mit ihrem selbst komponierten Lied. Die ausgebildete Krankenschwester lebt seit rund 20 Jahren in der Landeshauptstadt und hat den Stuttgarter Karneval auch in ihrer Heimat bekannt gemacht. Sie will in ihrer zweiten Amtszeit bei Grün-Schwarz bekannt werden, um nach Aschermittwoch Geld zu sammeln: „Ich will in meiner Heimat ein Krankenhaus für die vielen Armen bauen. Die Pläne des Architekten sind fertig. Wir wollen bald bauen. Die Gegend ist abgelegen. Kranke brauchen eine Tagesreise zum Krankenhaus. Das dauert zu lange.“

Immer mit dabei in der Kampagne ist ein Vereinsmitglied, das Mimi filmt. „Ich habe die Aufnahmen meiner letzten Amtszeit und vom Faschingsumzug mit nach Hause genommen. Man hat sie dort im Fernsehen gezeigt. Der Stuttgarter Fasching und ich sind dort jetzt bekannt, das hilft mir sehr bei Verhandlungen mit den Behörden.“

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