Verkleiden hat in der Fasnetshochburg Neuhausen eine lange Tradition. Vier Gruppen geben Tipps, wie man in der närrischen Zeit mit einfachen Mitteln in neue Rollen schlüpfen kann.
Als Sonne und Wolken verkleidet nehmen die Jungen und Mädchen des Kinderhauses am Egelsee beim Kinderumzug in Neuhausen am Dienstag, 13. Februar, von 13.33 Uhr an teil. „Es ist unglaublich, wie viel Kreativität in den Kostümen steckt, die die Kinder mit uns und ihren Eltern herstellen“, findet Hannes Eisenbraun. Der Leiter der Kita, der selbst Hästräger bei der Maskengruppe Rotenhäne ist, bastelt mit den Kindern auch fantasievolle Kostüme. Lange bevor die närrischen Tage in der Hochburg Neuhausen beginnen, bereiten Jung und Alt ihre Verkleidungen vor. „Man muss nur kreativ sein“, so Eisenbraun. Der Erzieher und diverse närrische Gruppen geben Tipps, wie man an den tollen Tagen mit wenig Aufwand in eine neue Rolle schlüpfen kann.
Den Kleinen möchte Eisenbraun vermitteln, „dass man mit nachhaltigen Materialien arbeiten kann“. Watte und Tonkarton schaden der Umwelt nicht. Dazu tragen die Kinder rote Müllsäcke, die sie mit gebastelten Ornamenten bekleben. Dieses Jahr hat das Kinderhaus das Thema Wetter gewählt. Eisenbraun ist gespannt darauf, wie Eltern und Kinder ihre Kostüme gestalten. Im Bastelraum des Kinderhauses wird fleißig geklebt und ausgeschnitten: Sonne, Mond, Sterne und Wolken entstehen am Tisch. David Kamella, Mia Mansoat, ihr Erzieher Nico Menrad und Leon Ashu schnippeln und malen mit Spaß.
Nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen in Neuhausen genießen es, sich zu verkleiden. Am Rosenmontag ist der ganze Ort auf den Beinen und stellt die schrägsten Kostüme zur Schau. „Wenn man so eine andere Rolle annimmt, dann ist das so, als wäre man für ein paar Stunden eine andere Person“, findet Jennifer Braun. Die dreifache Mutter hat mit ihren Kindern viele Verkleidungen genäht und gebastelt.
Kostüme aus den 1920er Jahren
Bei der Prunkfestsitzung des Narrenbunds zog sie mit ihren Freundinnen Heike Reitinger und Karin Büchele die Blicke in Kostümen aus den 1920er Jahren auf sich. „Das Kleid habe ich gekauft, weil dieses Jahr wenig Zeit war“, sagt Braun. Doch dann haben die drei Perfektionistinnen Bücher gewälzt, um mehr über die Mode und die Frisuren der Goldenen Zwanziger zu erfahren. „Eine faszinierende Zeit“, schwärmt Braun. Mit Stoffhandschuhen, Perlenketten und Zigarettenspitzen wirken die Damen elegant. Ein selbstbewusstes Frauenbild wollen sie verkörpern. Beim Schminken haben sie gemerkt, wie aufwendig es ist, den Stil der Zeit zu erfassen. Die tiefen Augenkonturen fanden sie herausfordernd. Bei den Frisuren packte sie der Ehrgeiz, sagt Braun: „Das Stylen einer Wasserwelle ist ja nicht ohne.“
Das ganze Jahr über bereiten die Frauen des TSV Neuhausen ihre Verkleidung für die Umzüge am Fasnetssonntag und -dienstag vor. Bei Sekt und Snacks plant Uschi Haid mit 30 Frauen das neue Thema. „Wenn der Umzug vorbei ist, denken wir gleich über das nächste Jahr nach.“ Denn der Aufwand ist groß. 2023 waren die Frauen als Mäuse unterwegs. Das Grundkostüm haben sie gekauft. „Am meisten Spaß macht aber die individuelle Gestaltung“, findet Haid. Hat sie einfache Tipps fürs Selbermachen? Mit der Heißklebepistole hat die Sportlerin eine Mausefalle und Gummimäuse auf einen Hut geklebt. Aus gelben Schwämmen hat sie Stücke geschnitten und diese noch mit Löchlein versehen. So baumelte Schweizer Käse an feinen Fäden ins Gesicht. Was sich die Gruppe diesmal hat einfallen lassen, ist noch geheim: „Die Überraschung gehört dazu.“
Weniger Stress haben die Mitglieder der Schlampenkapelle mit den Kostümen. Die Gruppe zieht am Rosenmontag durch Wirtschaften und Wohnzimmer und macht Blasmusik. Mit Kittelschürzen, Tüchern und Blümchenkleidern sind sie ausstaffiert. „Wir schauen, was Omas Kleiderschrank hergibt“,sagt Dietmar Schaller, der Elferrat beim Narrenbund ist. Dem Mann mit der Pauke gefällt es, sich wild und schrill zu verkleiden. Seine Frau Raphaela ist Trompeterin beim Musikverein Neuhausen. Mit ihrer warmherzigen und zupackenden Art hält sie die Kapelle zusammen. Die Schlamp in Lumpen ist eine der traditionellen Figuren der Fasnet in Neuhausen. Wer erwartet, dass die Kapelle schräge Töne spielt, täuscht sich. Sie haben griffig arrangierte Blasmusik auf hohem Niveau im Repertoire. Mit Titeln wie dem Fußball-Hit „Gute Freunde“, den Franz Beckenbauer bekannt gemacht hat, oder dem schwülstigen Schlager „Aber Dich gibt’s nur einmal für mich“ von den Nilsen Brothers bringen sie Massen im Saalbau oder im Narrenheim zum Jubeln.
Peitschen, Glocken und ein Karnevalskönig
Geschichte
In früheren Jahrhunderten dienten viele Kostüme oder spezielle Gegenstände wie Peitschen und Glocken dazu, die bösen Geister des Winters zu verjagen. Mit wilden Verkleidungen hießen die Menschen den Frühling willkommen. Dieser Brauch wurde bereits im 13. Jahrhundert zelebriert.
Gesellschaft
Im Mittelalter wurden mit der Verkleidung die herrschenden Zwänge auf den Kopf gestellt. Es wurde ein Karnevalskönig eingesetzt, zu dem ein närrischer Hofstaat gehörte. Daraus haben sich der Elferrat, die Karnevalsgarden mit Karnevalsprinz und -prinzessin und die Tanzgruppen entwickelt.
Vergnügen
In früheren Jahrhunderten hatten die Masken den Zweck, für kurze Zeit in eine andere Rolle zu schlüpfen. Heute verkleiden sich Kinder und Erwachsene vorwiegend zum Spaß. Die Narren kurbeln die Wirtschaft an. Im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie gibt es eine Fachgruppe Karneval.