Treue in Rot und Weiß: Die vom Saisonverlauf schwer enttäuschten Fußballfans Foto: Eva Herschmann

Auch die meisten Mitglieder von Narren-Chaos 1893 glauben vor dem Spiel gegen Wolfsburg nicht mehr wirklich an den Klassenerhalt der Wasen-Kicker.

Fellbach - Nach 41 Jahren ununterbrochener Präsenz im deutschen Fußball-Oberhaus steht der VfB Stuttgart vor dem letzten Spieltag mit mehr als einem Bein in der zweiten Bundesliga. Das trifft die ganze Region hart, aber besonders die treuesten Fans, die zu jedem Heimspiel gehen und auswärts ihren Verein anfeuern. In Fellbach gibt es zehn offizielle VfB-Fanclubs, und die Gefühlslage der Mitglieder reicht von Resignation über Frust bis zur Hoffnung, ein Wunder möge die Stuttgarter auf den Relegationsplatz lupfen.

Petra Schweyer vom Fanclub Narren-Chaos 1893 war nach dem vielleicht vorerst letzten Erstliga-Spiel in der Mercedes-Benz-Arena am Samstag, der 1:3-Niederlage gegen den FSV Mainz 05, tief enttäuscht: „Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass wir absteigen.“ Reinhold Wengrzik vom Narren-Chaos hat den Abstieg in der Saison 1974/75 mitgemacht: „Mir hätte diese Erfahrung einmal im Leben gereicht.“ Wie die beiden, glaubt die Mehrzahl der Mitglieder des Fanclubs nicht mehr daran, dass der VfB Stuttgart dem Abstieg noch entrinnen kann.

Für Stephan Hollmann kommt der Niedergang keineswegs überraschend. „Wenn man die vergangenen drei, vier Jahre anschaut, haben wir darauf hingearbeitet“, sagt der gebürtige Franke, der den Brustring im Herzen und das VfB-Wappen als Tätowierung auf dem linken Oberarm trägt. Das Fatale in dieser Saison ist für ihn, dass sich der VfB und sein Umfeld nach dem guten Start in die Rückrunde viel zu früh zu sicher waren: „Im Vorjahr standen wir von Anfang an unten drin und haben gekämpft.“ Schuld an der negativen Entwicklung haben für ihn Bernd Wahler („Der VfB braucht einen Präsidenten, der aus dem Sport kommt, nicht aus der Wirtschaft“) – und Sportdirektor Robin Dutt. „Auf diesem Posten wäre mir Karl Allgöwer lieber, der hat zwar keine Erfahrung, aber er spricht Probleme an.“ Für Michael Madeya ist der Stadionumbau eine der Ursachen für das aktuelle Dilemma. Der VfB hätte weniger in Steine, denn in Beine investieren und die Abgänge wichtiger Spieler wie Mario Gomez oder Sami Khedira kompensieren sollen, sagt er. „Der Abstieg muss für einen Neuanfang genutzt werden, es müssen radikale Schnitte gemacht und die Jugendarbeit muss wieder forciert werden.“

Michaela Dähne, die Präsidentin des Fellbacher Fanclubs mit rund 50 Mitgliedern, dessen Namen daher rührt, dass alle neben dem VfB den Fasching hochhalten, hat sich in der noch laufenden Saison über vieles geärgert. Über das Verhalten einiger Spieler auf dem Platz und das Geschehen drumherum. Dennoch ist die Schmidenerin, die bei jedem Heimspiel des VfB in der Cannstatter Kurve im Block 36 in der ersten Reihe steht, am Sonntag mit ihrer Tochter Jessica, die Jugendsprecherin im Fanclub ist, zum Training des Noch-Bundesligisten gegangen: „Wir wollten zeigen, dass wir hinter dem Verein stehen und uns für die Chaoten entschuldigen, die nach dem Abpfiff den Rasen gestürmt haben.“ Für diesen Samstag hat die Präsidentin im VfB-Clubrestaurant beim Stadion Plätze vor dem Fernseher reserviert: „Wir schauen uns das bis zum bitteren Ende gemeinsam an.“

Für Elke Schäfer gilt: „Liebe kennt keine Liga.“ Die Vorsitzende des Fanclubs Red Fleck Stuttgart und ihre gut 20 Mitstreiter werden auch für die zweite Liga Dauerkarten erwerben. Aber für sie steht fest, „dass der Fisch vom Kopf her stinkt“, und der Trainer „die ärmste Sau von allen ist“. Enttäuscht ist die Fellbacherin von Präsident Wahler. „Ich habe gedacht, er lebt den VfB, aber da ist nur heiße Luft.“ Elke Schäfer wünscht sich, dass nach dem Abstieg die Struktur des Vereins auf den Prüfstand kommen wird. „Das Drumherum ist zu groß für das, was unten rauskommt.“ Und sie hofft auf den direkten Wiederaufstieg: „Denn es wird von Jahr zu Jahr schwerer.“ Einige der Red Flecks, darunter ihr Sohn, fahren zum Abschluss am Samstag nach Wolfsburg. Für Elke Schäfer ist das zu viel. „Ich werde mir das Spiel im Fernsehen anschauen, am besten allein oder maximal mit meinem Mann und meiner Schwiegertochter, damit ich ungestört leiden kann.“

Andreas Kurz, der stellvertretende Vorsitzende der Old Warriors, beobachtet seit der Meisterschaft 2007 einen schleichenden Niedergang. Für ihn ist der Abstieg besiegelt. „Es gibt bei uns wenige, die sehen das anders, aber ich habe keine Ahnung, wie wir in Wolfsburg gewinnen sollen.“ Die Schuld für die schlechten Vorstellungen der Profis verteilt sich seiner Meinung nach auf vielen Schultern, auch auf die von Robin Dutt und Bernd Wahler. „Aber sie sollen bleiben, Verantwortung zeigen und den Karren wieder aus dem Dreck ziehen.“

Für Stefan Bearzatto, den Vorsitzenden des Fanclubs Black Sun, war der Knackpunkt in dieser verkorksten Saison die Heimniederlage gegen Hannover 96. „Davor haben viele, auch ich, schon von der Euroleague geträumt.“ Jetzt sieht er den VfB realistisch in der zweiten Liga. Doch tief drin hofft er, dass sich das Blatt noch wenden möge. „Wenn es der VfB in die Relegation schaffen sollte, bleiben wir in der Bundesliga. Dann brennt auch gegen unseren Angstgegner 1. FC Nürnberg nichts mehr an.“

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