Stuttgart feiert die Rolling Stones Altwerden muss doch nicht so schlimm sein

Von Uwe Bogen 

Am Ende war die Mercedes-Benz-Arena für die Rolling Stones restlos ausverkauft. 43.000 Fans erlebten ein Konzert, bei dem die Begeisterung kaum größer sein könnte. „Altwerden ist cool“, war zu hören. Der umjubelte Mick Jagger flog danach mit dem Hubschrauber ins Schlosshotel Friedrichsruhe ins Hohenloher Land.

Stuttgart - Schon Albert Einstein hat’s getan. Laut dem deutschen Bußgeldkatalog kostet es 150 Euro, wenn man anderen Verkehrsteilnehmern die Zunge rausstreckt. In der Mercedes-Benz-Arena hat das Symbol der Frechheit und Provokation Zehntausende vereint. Ob auf den vier Riesenleinwänden vor der Cannstatter Kurve, ob auf allen Bierbechern oder auf unzähligen T-Shirts: die rausgestrecke Zunge war allgegenwärtig. Einst wählten die Rolling Stones dieses knallrote Zeichen, um gegen das Establishment aufzubegehren und zu provozieren. Heute streckt die Band die Zunge der Altersdiskriminierung heraus. Wer Menschen jenseits der 70 abschreibt, hat sich gehörig verrechnet.

Im Fußballstadion dachte der Stuttgarter Rechtsanwalt Hanno H. Haupt an die WM in Russland. „Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts haben mehr Agilität als Khedira, Müller und Co.“, sagte er. Der Unternehmer Marc Wenger jubelte: „Jeder Cent für dieses großartige Konzert war gut angelegt.“ Jeweils 500 Euro hatte der 45-jährige Veranstalter der Kitzbüheler Sportwagen-Rallye Goldrun für Sitzplätze direkt an Mick Jaggers Laufsteg für sich und seinen 71-jährigen Vater bezahlt. Weder sein alter Herr noch er hätten Sitzplätze gebraucht. „Wir sind von Anfang bis Ende gestanden“, berichtete er, „wie eigentlich alle.“ Tief beeindruckt war Wenger von „der ganz besonderen Aura der Band, die jeden erfasst und geradezu erschlägt“.

Überraschend viele junge Menschen unter den Besuchern

Dass die Rolling Stones seit über 50 Jahren dieselben Hits spielen, die noch immer zünden, als wären sie neu, begeisterte Promi-Wirt Jörg Mink vom Schloss Solitude. Mit 15 Mitgliedern des Business-Clubs Stuttgart hatte er Logen mit kulinarischer Stärkung gebucht – angesichts des Spektakels im Stadionrund geriet das Essen rasch in Vergessenheit. „Wenn ich mit 75 Jahren noch zwei Stunden so richtig Party machen könnte wie Mick Jagger, würde mich das sehr freuen“, sagte Mink.

Überraschend viele junge Menschen waren unter den Besuchern. Die Musiklegenden auf der Bühne könnten die Opas des 21-jährigen Max Böhm sein. Textsicher war der junge Mann. „Die Hits der Rolling Stones sind richtig gut aufgebaute Stücke, die oft länger als sechs Minuten gehen“, schwärmte er. Heutzutage würden die Radiosender nur noch Songs mit einer Länge von drei Minuten spielen, quasi nur noch Fastfood. Dies missfällt einem 21-jährigen, der mit den Rolling Stones groß geworden ist. Die Musik lief daheim bei seinen Eltern immer, verrät er.

Veranstalter ziehen positive Bilanz

Vor dem Konzert schien es wochenlang, als könnten die Veranstalter die Mercedes-Benz-Arena angesichts der hohen Preise nicht ausverkaufen. Am Ende aber waren alle Karten weg. Am Samstagabend hatte es lange Schlangen vor den Kassen gegeben, wo es Sitzplätze für 181 Euro aufwärts und Stehplätze für 141 Euro noch gab. Doch auch auf dem Schwarzmarkt gingen noch viele Karten weg, vielfach unter dem regulären Preis, mitunter zu zweistelligen Beträgen.

Für die deutschen Tourveranstalter der Stones, für die Leute von FKP Scorpio aus Hamburg, war das Stuttgarter Konzert der letzte Großeinsatz bei „No filter“. In der Mercedes-Benz-Arena ging die Deutschlandtour zu Ende. In Prag und in Warschau wird die Band noch spielen. Zum Abschied sah man äußerst zufriedene Gesichter bei FKP Scorpio. „Es ist alles relativ unaufgeregt abgelaufen“, sagte Sprecher Bernd Zerbin, „weil die Stones und ihre Leute höchst professionell sind.“ Die Spielfreude der allesamt über 70-jährigen Musikern begeistert auch Zerbin stets aufs Neue.

Mick Jagger flog ins Hohenloher Land

Die Fehler vom Hamburger Konzert im vergangenen September sollten sich nicht wiederholen. Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen der Vergabe von Stones-Freikarten für Mitarbeiter der Stadt und Lokalpolitiker. In Stuttgart war man besonders streng, was die Kartenverteilung anging.

Zwei Stockwerke im Hotel Le Meridien hatten die Veranstalter für drei der Urgesteine sowie für den gesamten Begleittross reserviert. Mick Jagger zog es dagegen mit seiner Freundin und seinem Baby ins Grüne. Er verbrachte zwei Nächte im Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe, einem Fünf-Sterne-Haus im Hohenloher Land, das von einer großen Parklandschaft umgeben ist. Mit einem Hubschrauber kam er ins Stadion und zurück. Am Sonntagnachmittag startet die bandeigene Boeing 767 von Stuttgart nach Prag, wo die Stones am Mittwoch ihr nächstes Konzert geben. Die rote Zunge fliegt davon.

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