Die Fan-Proteste gegen einen Investoreneinstieg in den deutschen Profifußball dürften sich am Bundesliga-Wochenende fortsetzen. Inhaltlich kommt Bewegung in die Thematik, da droht aber bereits der nächste Streit.
Die Fan-Proteste gegen den milliardenschweren Einstieg eines Investors überlagern das sportliche Geschehen in der Fußball-Bundesliga. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den aktuellen Entwicklungen.
Gehen die Proteste am Wochenende unvermindert weiter?
Davon ist stark auszugehen. Vielleicht zünden die Fans auch bald die nächste Eskalationsstufe. Mit einer weitreichenderen Form des Protestes als dem Tennisball-Weitwurf. Ein Spielabbruch dürfte irgendwann niemanden mehr überraschen. Auch wenn Thomas Kessen vom Fanverband „Unsere Kurve“ am Montagabend in der ARD-Talksendung „Hart aber fair“ betonte: „Aktuell ist das nicht zu erkennen.“
In Stuttgart, wo am Samstag (15.30 Uhr) der VfB vor ausverkauftem Haus den 1. FC Köln empfängt, werden die beiden meinungsstarken Kurven gewiss nicht stillhalten. Auf der anderen Seite wächst das Unverständnis vieler Zuschauer jenseits der aktiven Fanszene. Die Pfiffe bei Spielunterbrechungen werden lauter; unter „normalen Fans“ wächst der Protest gegen den Protest. „Die Ultras können die Investoren-Debatte gerne kritisch sehen. Aber sie nehmen sich zu viel heraus“, heißt es in einer Leserzuschrift von VfB-Fan Christoph Miller an unsere Redaktion – stellvertretend für andere. Den Fans in der Kurve stehe es nicht zu, „als selbst ernannte Fußball-Polizei“ den Spielbetrieb derart zu stören. „Sie nehmen sich zu viel Rechte, die Sie nicht haben.“ Auch Ex-VfB-Torwart Timo Hildebrand meldete sich via „ran“ zu Wort: „Ich finde es nervig mittlerweile. Es reicht. Es war okay, seine Meinung zu äußern, aber jeder will Fußball sehen.“
Die Stimmung unter den Anhängern, auch sie könnte bald an einen Kipppunkt geraten. Demgegenüber steht eine Studie mehrerer Sportwissenschaftler mit der Umfrageplattform FanQ. 62,1 Prozent von 2090 befragten Fußballfans brachten einem Investoreneinstieg eine hohe Ablehnung entgegen.
Bewegen sich Vereine und DFL?
Tatsächlich kommt langsam Bewegung in die Sache. Am Mittwoch will sich das Präsidium der Deutschen Fußball Liga (DFL) noch einmal eingehend mit den Protesten beschäftigen. Zur Erinnerung: Die DFL will für eine prozentuale Beteiligung an den TV-Erlösen von einem Finanzinvestor eine Milliarde Euro kassieren. Als einzig verbliebener Interessent gilt das unter anderem vom saudischen Staatsfond finanzierte Unternehmen CVC. Bei der Abstimmung im Dezember war die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit nur hauchdünn zustande gekommen.
Fan-Bündnis wittert Taschenspielertrick bei nächster Abstimmung
Am 28. und 29. Februar soll es Gespräche der DFL mit den Clubs geben, eine neuerliche Abstimmung könnte folgen. „Wenn wir das Gefühl haben, dass die Mehrheit das nicht mehr will, werden wir unser Votum sicher nicht gegen deren Willen geben,“ äußerte DFL-Präsidiumssprecher Hans-Joachim Watzke zuletzt Bereitschaft für eine Wiederholung.
Wie könnte eine Neuabstimmung aussehen?
Hier droht der nächste Konflikt. Um neu abzustimmen, muss erst der alte Beschluss für Verhandlungen mit einem Investor außer Kraft gesetzt zu werden. Dafür schlägt das DFL-Präsidium eine einfache Mehrheit vor. Kommt es dazu, soll im März in einem zweiten Schritt neu abgestimmt werden, dann wieder mit Zweidrittel-Mehrheit. Eine Ablehnung des Antrags würde das Fortbestehen des Beschlusses bedeuten, der Milliarden-Deal könnte beschlossen werden – ohne die zuvor bei der grundsätzlichen Abstimmung notwendige Zweidrittelmehrheit. Weshalb die Fanorganisation „Unsere Kurve“ am Dienstag von einem „Taschenspielertrick“ sprach. „Wir fordern weiterhin eine transparente und offene Neuabstimmung“, hieß es. Idealerweise unter Einbeziehung der Mitglieder, die gemäß der deutschen 50+1-Regel in den Vereinen das letzte Wort haben sollen.
Genau das ist beim Zweitligisten SC Paderborn geschehen. Die Mitglieder sprachen bei ihrer Versammlung am Montagabend eine Empfehlung aus, wonach ihr Verein gegen den Investor stimmen soll. Im Dezember hatte die Clubführung noch für einen Einstieg votiert.
Wie positioniert sich der VfB Stuttgart?
Dass ein Club nicht mit einer Stimme spricht, hat das Beispiel Hannover 96 und Martin Kind eindrucksvoll vor Augen geführt. Am Montagabend verschwieg der 96-Mehrheitsgesellschafter, der bei der ersten Abstimmung vermutlich das Zünglein an der Waage war, in der ARD trotz Nachfragen erneut sein Abstimmungsverhalten mit verweis auf die geheime Wahl.
Nun lassen sich die Verhältnisse von Hannover nicht auf Stuttgart übertragen. Doch auch hier kam es zu Irritationen. Präsident Claus Vogt hatte vor zwei Wochen für eine Neu-Abstimmung geworben. Woraufhin der Club per Mitteilung zurückruderte und das Vertrauen in die gewählten Mitglieder des DFL-Präsidiums zum Ausdruck brachte. Seit Vogts Tweet – er positionierte sich als einer der ersten deutschen Funktionäre - steht der VfB in der Wahrnehmung vieler noch immer als Club der Gegenbewegung dar.
Was so aber nicht richtig ist. Zwar will man sich auch in der VfB AG einer neuerlichen, rechtlich sicheren Abstimmung nicht verschließen. Am grundsätzlichen „Ja“ des VfB zu den DFL-Plänen hat sich aber nichts geändert.