Matthias Lapp führt den Kabelhersteller Lapp von Stuttgart-Vaihingen aus seit drei Jahren. Foto: Lapp

Der Stuttgarter Unternehmer Matthias Lapp will weltweit expandieren. In Deutschland könne man sich von der Grundeinstellung andernorts etwas abschauen, meint er.

Matthias Lapp, 43-jähriger Chef des Stuttgarter Familienunternehmens, zeigt sich mit der globalen Geschäftsentwicklung zufrieden. Der Weltmarktführer für integrierte Lösungen im Bereich der Kabel- und Verbindungstechnologie steigerte im Geschäftsjahr 2025 seinen Umsatz von 1,8 auf mehr als 1,9 Milliarden Euro. Am Heimatstandort wird dennoch gespart.

 

Herr Lapp, trotz eines schwierigen Umfelds konnte die Lapp-Gruppe im abgelaufenen Geschäftsjahr beim Umsatz zulegen. Welche Note geben Sie dem Geschäftsjahr?

Angesichts der weltwirtschaftlichen und geopolitischen Lage war es ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis. Wir haben an unser erfolgreichstes Jahr 2023 angeknüpft. Was nicht so gut lief, konnten wir ausgleichen. Bei der Schulnote schwanke ich zwischen zwei und drei. Unsere Mitarbeiter haben wirklich Vollgas gegeben, denen würde ich die Note eins bis zwei geben.

Wo läuft es nicht so gut?

Wir sind global aufgestellt. Asien ist eine sehr stark wachsende Region und kompensiert vieles, Amerika ist auch okay. Die zentraleuropäischen Länder machen uns schwer zu schaffen. Deutschland bleibt unser Sorgenkind, da müssen wir gegensteuern und an Kosten, Strukturen und Prozesse ran.

Was bedeutet das konkret?

Wir sind ein Familienunternehmen, denken in Generationen, und wie wir nachhaltig am Markt bestehen können. Ich will ein gesundes Unternehmen in die vierte Generation übergeben. Auch die Marktsegmente und Kundenanforderungen verändern sich. Darauf reagieren wir und wollen nicht nur Komponenten, sondern auch Gesamtlösungen anbieten. Kurzfristig schauen wir, welche Kosten wir einsparen können. Dazu zählen auch Reisekosten und Weihnachtsfeiern.

Fällt die nächste Weihnachtsfeier aus?

Ja, die wird schon dieses Jahr ausfallen.

Wie sieht das Ergebnis aus – schreiben Sie auch in diesem Jahr Gewinn?

Wir haben unter anderem aus Wettbewerbsgründen entschieden, das nicht mehr zu kommunizieren.

Werden Sie verstärkt in der Wachstumsregion Asien investieren?

Wir wollen die Regionen besser ausbalancieren, da steht Asien im Fokus. Unser Löwenanteil mit zwei Dritteln des Umsatzes liegt in Europa, im Mittleren Osten und Afrika. Ein Drittel entfällt auf Asien und Amerika, wobei Asien unsere zweitgrößte Region ist mit einem Umsatzanteil, der doppelt so hoch ist wie der in Amerika.

Familienunternehmer Matthias Lapp setzt auf „Local for Local“. Foto: Lapp

Wie wirken Trumps Zölle auf Ihr Geschäft?

Mit unserer Strategie „Local for Local“ fahren wir ganz gut. Wir produzieren in Amerika für Amerika und sind daher nicht so getroffen. Wir haben unsere Kapazität am Standort in New Jersey um mehr als die Hälfte erweitert. Strategisch haben wir ein großes Interesse, unseren Fußabdruck in Amerika zu vergrößern.

Verlagern Ihre Kunden verstärkt Produktion in die USA?

Wir nehmen wahr, dass einige Kunden Werke dort erweitern, so wie wir auch. Von einem Run in die Vereinigten Staaten kann man nicht sprechen, aber natürlich werden wir davon in den USA mehr profitieren.

Der Herbst der Reformen hierzulande lässt auf sich warten. Sind Sie genauso ungeduldig wie viele andere Wirtschaftsvertreter auch?

Ja, die aktuelle Regierung ist hinter den Erwartungen zurück. Es ist keine einfache Aufgabe, trotzdem muss gehandelt werden. Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem, daran hapert es. Insofern ist es wichtig, dass da jetzt im Herbst noch mehr an Reformen kommt. Das reicht definitiv noch nicht. Die Weichen müssen so gestellt werden, dass die nächste Generation nachhaltig davon profitieren kann. Das größte Thema ist unser Sozialsystem. Wir haben schon so oft bewiesen, wie resilient wir sind als deutsches Volk und was wir leisten können. Es muss uns jetzt einfach gelingen, die großen Hebel umzulegen.

Geht der Fokus der Bundesregierung zu sehr auf die großen Industriekonzerne?

Als mittelständisches Unternehmen ist es mir wichtig, dass die Politik nicht nur mit den Konzernen verhandelt, sondern dass auch die Familienunternehmen von ganz klein bis ganz groß berücksichtigt werden. Sie stellen das Rückgrat dar und haben unseren Wohlstand hauptsächlich geschaffen.

Sendet die Regierung mit ihrer verschärften Migrationspolitik die richtigen Signale in die Welt hinaus?

Überall, wo man hinschaut, werden mehr Fachkräfte gebraucht. Also muss die Politik die richtigen Entscheidungen treffen, damit der Bedarf der Unternehmen weiterhin auch mit Zuwanderung gedeckt wird. Das ist ein großer Hebel für uns.

Bekommen Sie angesichts der Probleme am Arbeitsmarkt mehr Bewerbungen?

Unabhängig davon merken wir hier in der Region seit Anfang des Jahres schon, dass sich auch von anderen großen Unternehmen Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter bei uns bewerben. Auch wir bauen gerade kein Personal auf, doch die ein oder andere Fachkraft konnten wir an der richtigen Stelle für uns gewinnen.

Wie schaffen Sie in schwierigen Zeiten eine positive Haltung zum Unternehmen?

Indem man sich jeden Tag aufs Neue, mehr oder weniger beim Anziehen, bevor es in die Welt hinaus geht, sagt: Es wird schon! Das ist doch wichtig. Wenn es nichts wird, dann haben wir etwas gelernt und machen es noch mal. Das wird mir in dieser Phase umso mehr bewusst, wenn ich im Ausland bin. Am Samstag bin ich aus den USA zurückgekommen, nächste Woche bin ich in China. Dort fällt mir immer auf, dass wir Deutschen das Glas stets als halb leer beurteilen. In den genannten Staaten herrscht eine andere Grundeinstellung. Wir müssen versuchen, den positiveren Grundduktus auch hinzubekommen.

Haben Sie in Ihrem Unternehmen Motivationselemente eingeführt?

Wir arbeiten viel an unserer Unternehmenskultur, um unseren One-Lapp-Gedanken über die Grenzen von Teams, Abteilungen, Regionen und Ländern hinweg zu etablieren. Das geht nur, wenn auch die Führungskräfte das richtige Mindset haben, indem sie jeden Morgen aufstehen und „Tschakka!“ sagen.

Wie schwierig ist denn für Sie persönlich, sich den Optimismus zu bewahren?

Oh, bei der weltweiten Nachrichtenlage oft schwierig. Ich versuche aber, von der Grundeinstellung einfach optimistisch zu sein. Ich habe anfangs als junger Wilder – jetzt bin ich immer noch jung, weniger wild – auch öfter mal die Kritik geübt, dass zu wenig vorangeht. Wir fokussieren uns zu sehr auf die Probleme. Heute denke ich: Wir müssen uns mehr bewusst machen, was wir erreicht haben. Das hilft der Motivation extrem.

Die Sondervermögen, die Rentendebatte, aktuell die Wehrpflicht – vieles geht gerade zu Lasten der jungen Menschen. Der Generationenvertrag steht in Frage. Mutet die Politik den Jungen zu viel zu?

Das muss man sich als Ganzes anschauen: Wie lassen sich die gesamten Staatsausgaben noch finanzieren? Wie sollen wir mit immer weniger Erwerbstätigen immer mehr Nicht-Erwerbstätige finanzieren? Und wie können nachfolgende Generationen noch schultern, was jetzt auf ihnen verteilt wird? Irgendwann kommt das System an die Grenze. Wir müssen den demografischen Wandel gemeinsam bewältigen. Bringt uns das was, für die nächsten fünf oder zehn Jahre Ruhe zu schaffen – oder wollen wir die Probleme grundsätzlicher angehen? Es braucht Entscheidungen, die über diesen Zeitraum hinaus reichen. Da kann eine starke und wettbewerbsfähige Wirtschaft immens helfen, indem sie Arbeitsplätze schafft und Wohlstand sichert.

Orientieren Sie sich als junger Vorstandschef eher an anderen jungen Mitarbeitenden als andere Unternehmer?

Mir ist wichtig, dass die Nachfolgegeneration ähnliche Chancen hat wie die Vorgängergenerationen. Da zählt aber auch die Leistungsbereitschaft – ein „Tun-Wollen“ – bei Mitarbeitenden, egal welchen Alters. Vor uns steht eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam – von jung bis alt – meistern können.

Weltmarktführer aus Stuttgart

Der Chef
Matthias Lapp (43) hat im Oktober 2022 als Vertreter der dritten Generation den Vorstandsvorsitz des Stuttgarter Familienunternehmens übernommen. Nach seinem BWL-Studium in Amsterdam und München arbeitete er für Coca-Cola in Mexiko. Seit 2010 ist er im Familienunternehmen.

Die Lapp-Zahlen
Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2024/2025, das am 30. September endete, konnte die Lapp-Gruppe den Umsatz von 1,8 auf 1,9 Milliarden Euro steigern. Stark gewachsen ist Lapp vor allem in Asien – insbesondere in Indien, China und Südkorea. Diese Region wird für Lapp immer wichtiger, denn in Europa belasten steigende Kosten und die schwache Konjunktur das Geschäft. Global profitiert Lapp, Weltmarktführer für Kabel- und Verbindungstechnologie, auch von Zukunftsbranchen wie den erneuerbaren Energien, Batteriespeichersystemen, Datencentern und Intralogistik – sie alle müssen mit Strom und Daten versorgt werden. Die Lapp-Gruppe hat weltweit rund 5700 Beschäftigte, davon etwa 1400 in der Region Stuttgart.