Hurra, ein Eis: Alberto (links) und Luca erkunden die Menschenwelt. Foto: Pixar

Das Trickfilmstudio Pixar macht meist Filme für Erwachsene. „Luca“ nun fühlt sich klug in Kinderseelen ein und erzählt in einem idealisierten italienischen Küstenstädtchen von Vorurteilen und wie man sie überwindet.

Stuttgart - Überall Harpunen: Die Welt der Landbewohner scheint darauf ausgerichtet zu sein, Seemonster zu erlegen, obwohl kaum jemand je eines gesehen hat. Die Wasserwesen wiederum, die es tatsächlich gibt, sind harmlos und wollen nur ihre Ruhe – bis auf Luca und Alberto, zwei naseweise Jungs, die sich danach sehnen, die Menschenwelt zu erkunden, Eis zu essen, eine eigene Vespa zu fahren. Das geht, weil sie menschliche Gestalt annehmen, sobald sie das Wasser verlassen.

 

Der Animator Enrico Casarosa, gebürtiger Genueser, heuerte 2002 beim Trickfilmstudio Pixar in San Francisco an, arbeitete an Filmen wie „Ratatouille“ (2007) und „Oben“ (2009) mit und wurde mit seinem Kurzfilm „La Luna“ (2010) für einen Oscar nominiert. „Luca“ ist sein Langfilmdebüt, und autobiografisch gefärbt: Der Schauplatz Portorosso erinnert an ein idealtypisches Küstenstädtchen an der italienischen Riviera der 50er Jahre, bevor Orte wie Cinque Terre von Touristen überflutet wurden.

Außenseiter schließen sich zusammen

Die Einzige in Portorosso, die wie Luca und Alberto nicht so richtig dazugehört, ist Giulia, die Tochter des Fischers. Sie lebt das Jahr über bei ihrer Mutter in Genua, kommt nur in den Ferien zu Besuch und sticht mit ihrer quirligen Quicklebendigkeit als Städterin heraus. Als die gestrandeten Jungs ihr anbieten, mit ihr ein Team zu bilden beim alljährlichen Dreikampf – Radfahren, Schwimmen, Pastaessen –, quartiert sie sie in ihrem Baumhaus ein. Doch es gibt Handicaps: Der Dorfrabauke Ercole ist auf den Sieg abonniert, und Luca und Alberto dürfen nicht nass werden, sonst verwandeln sie sich zurück. Jeder Brunnen, jeder Regenguss birgt die Gefahr, entdeckt zu werden – von einer Fahrt aufs Meer im Nacken des Fischers ganz zu schweigen.

Casarosa fährt das italienische Flair und die italienische Lebensart bis zum Anschlag aus. Die Sprache der Figuren ist mit italienischen Begriffen durchsetzt, es gibt dampfende Pasta frutti di mare, eine strahlende Sonne über blauer See scheint aufs Postkartenstädtchen, und das Großmaul Ercole schwebt auf seiner Vespa durchs Dorf wie ein kleiner König. Die Wasserwesen sind bunt gefiederte Wassermänner und Nixen mit farbenfroh oszillierenden Leibern und sehr menschlichen Alltagsroutinen, der wüste Onkel aus der Tiefsee personifiziert die Drohung eines Daseins mit eingeschränktem Horizont.

Was Freundschaft bedeutet

Pixar macht meistens eher Filme für Erwachsene, dieser nun ist für die ganze Familie. Er handelt von Vorurteilen und wie man sie überwindet; er zeigt, was Freundschaft bedeutet und wie leicht man in ein Loyalitätsdilemma geraten kann; er hinterfragt Wertschätzung rein nach Leistungskriterien. Die Dreierbande repräsentiert maximale Vielfalt, und Casarosa fühlt sich in die Kinderseelen ein: Luca ist ein überbehüteter Junge, den bald seine Eltern suchen, Giulia ein zerrissenes Trennungskind, Alberto gar ganz auf sich allein gestellt – er lebt in großer Freiheit, doch ihm fehlt Geborgenheit.

Am Ende fügt sich alles in diesem klug konstruierten Drama, das eine Nebenwirkung hat: Es treibt die in Pandemiezeiten bei vielen ohnehin stark gewachsene Sehnsucht nach einer Italienreise auf die Spitze.