Da freut sich der Kater (Fabian Raabe, links): Hans (Felix Strobel) schenkt ihm knallige Stiefel. Foto: Björn Klein

In der Vorweihnachtszeit bietet das Staatstheater Stuttgart wieder ein herrliches Familienstück. „Der gestiefelte Kater“ ist ein wahrer Augenschmaus: Groß und Klein bekommen ein modernes Märchen mit starken Typen.

Stuttgart - Was für ein Geschnarche! Während Groß und Klein noch auf Platzsuche durchs Staatstheater schleichen, grunzt vorn auf der Bühne genüsslich ein Kater (überzeugend von Anfang an: Fabian Raabe). Er wälzt sich wohlig im Schlaf und wird erst richtig rege, als es mucksmäuschenstill und dunkel geworden ist. Sofort ist klar: Das ist ein recht sonderliches Exemplar. Nicht nur, weil diese Katze ihre Milch aus dem Tetra-Pak schlürft.

Zuerst geht es an den königlichen Hof. Dort hockt das nächste merkwürdige Wesen: Ein Monarch (herrschaftlich und herrlich: Reinhard Mahlberg), der so fett ist, dass er nicht mit, sondern irgendwo in seinem dicken Bauch zu leben scheint. Und darin ist auch sein Herz an die falsche Stelle gerutscht. Zumindest langt er, wenn er von seiner Lebenspumpe spricht, an die denkbar falscheste Körperstelle. Weil dieser monströse König das ganze Personal entlassen hat, muss sein armer Diener Gustav (anrührend dienstbar: Boris Burgstaller) fast alles machen: musizieren, sich seine Falten aus dem Gesicht schütteln, kochen, rackern bis nahe an den Burn-out.

Eine Katze als Erbstück

Die Prinzessin (überzeugend verzweifelt: Celina Rongen) spricht 14 Sprachen und hat Sozialökonomie studiert, spielt aber vor lauter Langeweile mit ihrer Puppe – obwohl sie natürlich längst nicht mehr mit Puppen spielen mag. Doch sie ist vom Vater dazu verdammt, denn „wer nicht heiraten will, muss spielen“. Mit den Emanzen­anfällen seines „Mäuschens“ kann er schon gar nichts anfangen.

Zur gleichen Zeit an anderem Ort träumt sich Hans (mitreißend traurig: Felix Strobel) was. Sein Vater ist tot, und zu Radioheads „Creep“ singt er bewundernd vom Papa und enttäuscht von seiner eigenen Wurstigkeit. Dieser Müllerssohn hat einzig eine Katze geerbt. „Miez“ nennt er sie grämlich, aber doch liebevoll. Bis er den Kater sprechen hört und richtig kennenlernt. Irgendwie scheint der gerissene Mäusejäger einen Plan zu haben. Das kapiert Hans zwar null, besorgt seinem neuen Fellfreund aber trotzdem Stiefel und Hut – beim Poininger, so viel Lokalspaß muss sein. Fortan erklingt wie bei den Ampelstart-Machos unserer Großstadtwirklichkeit Reifenquietschen, wenn der hochstapelnde gestiefelte Kater loslegt und die Zukunft von Hans in die Pfoten nimmt.

Riesenspaß für die Augen

Nach der Bühnenfassung von Thomas Freyer hat Susanne Lietzow das Märchen vom gestiefelten Kater der Gebrüder Grimmbearbeitet – ach was, zum Leben erweckt. Bestechend ist die Idee, alle Lebewesen hier in eine Welt in Übergröße zu stecken. Wenn der arme Gustav in der Küche hantiert, explodiert das in jeder Hinsicht überragende Bühnenbild von Aurel Lenfert: Das Suppenhuhn ist riesig wie ein Wildschwein, der Blumenkohl medizinballgroß, der Kartoffelschäler hat die Maße einer ausgewachsenen Gitarre. Winzig wirkt der herrische König auf dem Riesenthron, und die Puppe der Prinzessin ist ob ihres Körperumfangs kaum tragbar. Das macht den Augen Spaß. Kommt dann auch noch der Sound dazu, wenn die Prinzessin zu Helene Fischer wird und „Langweilig durch die Nacht“ trällert, kichern im Publikum selbst die kleinsten Ohrenträger.

Doch jetzt wird es ernst. Fabian Raabe spielt den Kater mit so viel Inbrunst, als lege er auch zu Hause den Katzenschwanz gar nicht mehr ab. Den Dialogen zwischen Schlau-Katze und Tölpel-Hans könnte man ewig lauschen – aber die Mieze mit den Stiefeln muss ja noch einiges hinbekommen: ihren Hans lügenderweise zum Grafen und damit attraktiv für die Prinzessin machen, einen bösen Zauberer (sehr gut gruselig: Sebastian Röhrle) besiegen und fressen – und das Ganze am Ende noch gut aussehen lassen.

Schluck – was für ein Gruselkerl!

Bis hierhin haben sich alle Hauptdarsteller ständig abwechselnd an die Wand gespielt – aber Sebastian Röhrle als böser Zauberer steigert das noch mal. Hui. Der ist echt furchtbar. Mit Riesenhänden. Riesenausstrahlung. Nosferatu pur. Wirft Feuerbälle. Tötet seinen Hofnarren. Ungnädig und mit einer einzigen Geste macht der Zauberer kurzen Prozess. Vom schlauen Kater überrumpelt, verwandelt er sich aber dann – ganz wie im Grimm’schen Märchen - in eine Maus und wird vom Gestiefelten gefressen. Und jetzt? Schluck. Ratlose Gesichter bei den Zuschauern.

Okay, das Böse ist verdaut. Aber Betrügen ist gut? Ist das die Botschaft? Zum Glück verliebt sich die Prinzessin auch so in den Pseudografen Hans. Sie weiß längst, dass er kein Adeliger, sondern im Herzen ein Müller ist. Aber Schummeln, wie der Kater das macht, ist gut? Dieses Hochkommen, was immer es kosten mag? Nun ja, gut nur, wenn es dem Gutem dient – so der doch recht kurz gefasste Kompromiss, der am Ende in Aufforderungen mündet wie: „Freies Brot für alle!“, „Ende der Armut!“, „Demokratie!“, „Erhöhung des Mindestlohns!“ und „Frauen auf den Thron!“

Weitere Aufführungenam 12. Dezember, 16. bis 20. Dezember, 25. Dezember 2018, 1. und 8. Januar 2019, empfohlen ab 6 Jahren.

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