Ludwig Reinalter aus Laupheim wusste lange nicht, was mit seinem Vater am Ende des Krieges passiert war. Bis die Familie vor zwei Jahren Post aus einem kleinen Ort in Sachsen bekam, der das Rätsel löste.
Am 8. Mai 1945 trifft eine tödliche Kugel den Feldwebel Ludwig Reinalter an einer Brücke in Nentmannsdorf in Sachsen. 600 Kilometer weiter baut sein fünfjähriger Sohn, auch Ludwig mit Namen, Lägerle am Bach. Ein paar Stunden später, um 23.01 Uhr mitteleuropäischer Zeit, tritt im ganzen Reich die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft.
77 Jahre später. Ein Novembernachmittag in Oberschwaben. Draußen hat der Nebel die Welt in einen Gazeschleier gehüllt, drinnen sitzt Ludwig Reinalter, der Sohn, am Kaffeetisch und hält einen computergeschriebenen Brief in der Hand. All die Jahrzehnte wusste er nicht, wo sein Vater in den letzten Kriegstagen gewesen, wie er gestorben war. Ob es ein Grab gab – oder er irgendwo verscharrt lag. Gefallen an der Ostfront. Das war alles, was die Familie nach dem Krieg erfuhr. So war das eben. Sie waren ja nicht die Einzigen mit so einem Schicksal in Laupheim.
Bis seine Tochter Anja vor zwei Jahren diesen Brief erhielt, abgeschickt in einer kleinen Gemeinde bei Dresden. Darin stand: „Dieser Herr Reinalter, der bei uns auf dem Friedhof liegt, könnte Ihr Großvater sein.“ Und Ludwig Reinalter dachte im ersten Moment: „Die spinnat wohl.“
Die wenigen Fotos
Wie ist das, wenn es kein Grab für den Vater gibt, keinen Ort zum Besuch? Wenn der wichtige Mensch einfach verschwunden ist, ohne eine Geschichte zu hinterlassen, die man sich erzählen kann? Keine Erinnerungen, die den Nachgeborenen einen Platz in der Welt zuweisen?
Ludwig Reinalter hat ein paar sepiafarbene Fotos auf den Tisch gelegt. Sie zeigen den Vater mit seiner Frau Maria. Den Vater in Luftwaffenuniform. Mit Kameraden neben einem lamettaverhangenen Weihnachtsbaum, im Bett lesend auf Stube 113 in Wien. Und schließlich mit dem einzigen Sohn Ludwig, genannt Lui, zweijährig vielleicht, im Hintergrund ihr Haus am Bach in Laupheim.
Dieses längliche Gesicht, die ein wenig hervortretenden, großen Augen unter dunklen Brauen. „Du siehsch ihm ähnlich“, sagt Tochter Anja Reinalter, die sich mit an den Kaffeetisch gesetzt hat. „Wenn du meinsch“, sagt der Vater. Er erkennt wenig Gemeinsamkeiten mit dem Mann auf den Bildern.
All die Jahrzehnte hatte er nur diese Fotos von ihm. Keine Uhr, keinen Ehering, keine Bücher, keine Briefe. Sein Zigarettenetui verwahrte die Mutter wohl, aber auch das ist verschwunden. An die Jahre mit dem Vater kann sich Ludwig Reinalter nicht erinnern. 1943 kam der das letzte Mal zu Besuch nach Hause. Da war der Bub drei Jahre alt.
Was er von ihm weiß, hat sich der Sohn aus dem wenigen zusammengesetzt, das die Mutter und die Verwandten erzählten. Lebenslustig war der Vater wohl, feschtete gern. Förster wäre er gern geworden nach dem Krieg. 1914 wird er in eine Familie von Lohnkutschern geboren. Die Reinalters chauffieren Reisende, zum Beispiel vom Bahnhof Laupheim nach Laupheim-West. Zuerst mit Pferden, später mit Autos, heute gibt es noch ein Omnibusunternehmen Reinalter im Ort.
Der Vater wächst in eine schlechte Zeit hinein. Die Wirtschaft liegt im Sterben, der Staat ist pleite, Hyperinflation. Erst ist Ludwig Reinalter Hilfsarbeiter, dann arbeitslos. In den 30er Jahren wird er Berufssoldat bei der Luftwaffe. Zum Fallschirmjäger reicht es nicht. Der Vater habe sich geweigert, aus dem Flugzeug zu springen, sagt der Sohn und muss dabei lächeln. Das war so eine Familienanekdote. Also arbeitet Ludwig Reinalter im technischen Dienst am Boden. Von 1938 an ist er in der Wiener Neustadt stationiert und lernt seine Frau kennen. Maria Völkl ist ein junges Dienstmädchen aus dem Burgenland, das in Wien in einem jüdischen Großbürgerhaus in Stellung ist.
Ludwig Reinalter erlebt den Krieg an allen Fronten. Den Anschluss Österreichs 1938, den Überfall auf Polen 1939. Ludwig Reinalter ist in Frankreich stationiert, in Italien, in Russland. Er ist in diesem Krieg vom ersten bis zum letzten Tag, dem 8. Mai 1945, seinem Todestag.
Der Vater, der im Osten blieb
Wie seine Mutter vom Tod ihres Mannes erfährt, weiß Ludwig Reinalter nicht. Auch nicht, wie diese Nachricht in sein kindliches Bewusstsein dringt. Maria Reinalter und ihr Sohn ziehen zu den Großeltern. Sie gilt nach dem Krieg als Beamtenwitwe und bekommt Rente. Im Laupheimer Kino verdient sie sich Geld als Platzanweiserin hinzu. Lui spielt unter der Brücke am Bach Rottum, ohne zu ahnen, dass sein Vater 600 Kilometer entfernt an einem ebensolchen Ort gestorben ist. Einmal spricht er mit seinem Schulfreund Rutsche über die toten Väter. „Meiner wurde über dem Kanal abgeschossen“, sagt Rutsche. Und seiner blieb eben im Osten. „Das hat man sich erzählt, aber das war es dann auch.“
In seinem Leben gibt es schon Momente, in denen der Vater fehlt. An dessen Geburtstag, dem 11. September, denkt der Sohn jedes Jahr an ihn. „Das hast du uns gar nie erzählt!“, sagt Anja Reinalter. Oder wenn er die Kinder im Familienurlaub wieder auf einen Soldatenfriedhof schleppt. Dann geht er die Namen und Daten durch und sucht nach denen, die 1945 gefallen sind. 5,3 Millionen deutsche Soldaten starben in diesem Krieg. Mehr als eine Million wird noch vermisst.
Es gibt die Wegmarken, die der Vater nicht miterlebt. Als Ludwig Reinalter die Schule abschließt, seine Ausbildung zum Maschinenschlosser und später zum Techniker. Als er 1963 seine Gisela heiratet, 1965 und 1970 die Töchter Michaela und Anja geboren werden. Als er fünfmal Großvater wird und nach 35 Jahren in der Maschinenbaufirma Kekeisen in Rente geht. Wenn er dem Vater etwas sagen könnte, dann das: „Schau, das ist meine Familie. Schade, dass du sie nicht kennengelernt hast.“
Anja Reinalter hat diese Lücke im Familiengefüge wahrgenommen. Dass sie nur einen Opa hatte, der vom Krieg erzählen konnte, und die Oma Maria immer schon allein war. Dass es nur für drei ihrer Großeltern ein Grab gab, auf das sie Blumen legten. Als der Brief aus Sachsen Anja Reinalter im Mai 2020 erreichte, war sie sofort elektrisiert.
Es gebe auf dem Friedhof der Gemeinde Burkhardswalde seit 1945 „ein unscheinbares Kriegsgrab ohne Stein“, schrieb darin Gottfried Köhler, Vorsitzender des Ortsausschusses der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde Heidenau-Dohna-Burkhardswalde. Man wolle das Grab in einen „würdigen Zustand versetzen“, deshalb habe er im Sterbebuch nach dem Namen gesucht und Ludwig Reinalter, katholisch, geboren am 11. September 1914, aus Laupheim/Württemberg gefunden.
„Gefallen als Nachhut im Kampf mit den Russen“
Der vergilbte Auszug des Sterberegisters (Jahrgang 1945, Seite 860, Nummer 38), den Anja Reinalter bekommt, umreißt in wenigen Worten das Ende ihres Opas: „Gefallen am 8. Mai 1945 als Nachhut im Kampf mit den Russen“. Begraben am 12. Mai 1945 „neben der Brücke an der Nentmannsdorfer Mühle – in der Stille“. Später umgebettet mit einem Pritschenwagen auf den Friedhof von Burkhardswalde, drei Kilometer weiter.
Anja Reinalter fährt in die Gemeinde. Nicht weit vom Seiteneingang des kleinen Friedhofs entfernt findet sie das Grab. Es ist ein steinloses Einzelgrab mit Bodendeckern, leicht zu übersehen inmitten der geranienbewachsenen Ruhestätten der Burkhardswaldener. Seit 1945 hatte eine Frau aus dem Ort es gepflegt, bis sie mit 99 Jahren starb. Soldatengräber sind auf ewig, sie haben keine Liegezeit. Viele Jahrzehnte leistete Ludwig Reinalter das Grab eines amerikanischen Soldaten Gesellschaft. Aber den holten die Amis vor zehn Jahren heim.
Seit sie von der Ruhestätte wissen, haben die Reinalters Fantasien vom Ende des Vaters und Großvaters. Gab es wirklich ein letztes Gefecht mit den Russen? War Ludwig Reinalter allein oder mit anderen? Versteckte er sich in dieser Mühle und wurde entdeckt? Waren es die eigenen Leute, die ihn erschossen? Musste er leiden? Enkelin Anja fragt sich, ob ihr Großvater die Frau kannte, die sein Grab ihr Leben lang pflegte. Sohn Ludwig würde gern wissen, ob es keine Möglichkeit der Flucht gab, warum der Vater am letzten Kriegstag diesen unnützen Tod sterben musste? Es gibt niemanden mehr, der diese Fragen beantworten kann.
Als sie am 8. Mai 2022 in Burkhardswalde auf dem Friedhof standen, am Grab, das nun nicht mehr namenlos war. Als sie dem Pfarrer zuhörten und dem Bürgermeister und die Musik so feierlich spielte, 77 Jahre nach Kriegsende, 73 Tage, nachdem in der Ukraine ein neuer Krieg ausgebrochen war, da fand etwas seinen Abschluss. Da schlug die Familie eine Wurzel, sagt Anja Reinalter. Da schloss sich eine Lücke, die er zuvor gar nicht recht gespürt habe, sagt Ludwig Reinalter, weil sie vielleicht zugeschüttet war mit dem, was Leben ist. Zuhausesein, so hat es Hilde Domin geschrieben, bedeutet auch niedersitzen und sich anlehnen zu können, als sei es an das Grab der Eltern.