Ida ist ein fröhlicher Mensch. Dieses Foto entstand bei ihrem Geburtstag im März. Foto: privat

Das Leben der Familie Rentschler verändert sich unwiederbringlich, nachdem Tochter Ida fast erstickt. Unterstützung bekommen die Perouser von der Familienpflege.

Die gute Fee in der Familie Rentschler heißt Ruth Jentner. Sie ist kein Mitglied der Familie aus dem Rutesheimer Stadtteil Perouse, gehört aber trotzdem fest dazu. Tochter Ida liebt Ruth Jentner heiß und innig. „Wenn sie donnerstags kommt, bin ich abgemeldet“, erzählt Idas Mutter Rebecca Rentschler. Tragisch findet die 51-Jährige das nicht, im Gegenteil: Sie ist heilfroh darüber, dass ihre Tochter mit Ruth Jentner eine Verbündete hat, mit der sie Zeit verbringt. Die beiden spielen Karten, basteln, backen. Was Ida eine Riesenfreude bereitet – angesichts ihrer wenigen Kontakte nach außen ihr „Superlichtblick“ sei – bedeutet für Rebecca Rentschler Entlastung. Denn Ruth Jentner ist Familienpflegerin.

 

Sie, die schon immer gern anderen Menschen geholfen habe, begleitet, betreut seit bald 35 Jahren Familien in Not. Wie die Rentschlers. Sie benötigen Unterstützung, weil Ida schwer krank ist. Ida sitzt im Rollstuhl, sieht schlecht und hat Epilepsie. Rebecca Rentschler sagt, „Ida ist ein 100-prozentiger Pflegefall und braucht rund um die Uhr Betreuung.“ Rechnen könne die 17-Jährige kaum, dafür „viel schwätzen“. Und ein „tolles Gedächtnis“ habe sie. Rebecca Rentschler ist stolz auf das, was ihre Tochter heute alles kann. Vor gut acht Jahren fürchteten sie und ihr Mann Sven, Ida würde sterben. „Es war unklar, ob sie überlebt.“ Die Welt der Familie lag in Trümmern. Von jetzt auf gleich änderte sich ihr komplettes Leben.

Wegen eines Tumors in der Luftröhre erstickt Ida fast

Es war der 8. Juni 2018. Ida ist neun Jahre alt. Beim Frühstück erstickt sie fast, ihr Herz hört auf zu schlagen. Ida wird wiederbelebt – ihr Gehirn ist jedoch zu lange ohne Sauerstoff: Die Reanimation ist erst nach über zehn Minuten erfolgreich. Dass Ida plötzlich keine Luft mehr kriegt, lag an einem Tumor in ihrer Luftröhre. Ida leidet an einer seltenen Krankheit. Zuerst in den Augen, dann in Nase und Ohren bildeten sich Granulome. Diese Zellwucherungen wurden immer wieder operativ entfernt. Der Tumor in der Luftröhre dagegen blieb unerkannt.

Eine Stütze in der Not: Die Familienpflege greift Rebecca Rentschler (Mitte) seit vielen Jahren unter die Arme. Die Einsatzleiterin Sandra Pfeifer (links) und Ruth Jentner packen im Haushalt und bei der Kinderbetreuung mit an. Foto: Simon Granville

Vier Wochen lang liegt Ida in Stuttgart im Olgäle im Koma. Die Mutter sitzt täglich an ihrem Bett, der Vater arbeitet. Er ist fortan der Alleinverdiener. „Der Kopf ist kaputt“, erinnert sich Rebecca Rentschler an die Worte des Arztes: Sollte Ida aufwachen, könne sie nichts mehr.

Familienpflege war nötig: „Es musste schnell jemand ins Haus“

Weit gefehlt. „Als Ida aufwachte, war das ein Wunder“, sagt Rebecca Rentschler. Ein Jahr lang verbringt Ida danach in einem Rehabilitationszentrum am Bodensee. Rebecca Rentschler ist fast die ganze Zeit über bei ihr. Langsam kämpft sich Ida zurück ins Leben. Zuhause in Perouse indes, „da musste alles weiterlaufen. Es musste schnell jemand ins Haus“. Idas Bruder Hans ist damals zehn Jahre alt.

Unterstützung erhalten die Rentschlers seitdem von der Familienpflege in Leonberg. Sie ist bei der dortigen Sozialstation angesiedelt. Familienpflegerinnen und -pfleger sind zur Stelle, wenn sich Eltern weder um ihre Kinder noch den Haushalt kümmern können. Wegen Krankheit, Tod oder Trennung, wegen Schwangerschaft, Überlastung, Überforderung oder psychischer Probleme der Eltern oder eines Elternteils. Die Liste ist lang – wie die der Aufgaben, die Familienpfleger übernehmen. Wenn sie da sind, können die Eltern auch mal durchatmen, Schlaf nachholen, zum Arzt gehen. Und sie finden in den Familienpflegern Gesprächspartner.

Familienpflege fängt Familien in Not auf und entlastet sie

„In der Krise muss Familienpflege schnell vor Ort sein. Sie muss Familien auffangen und entlasten. Wir unterstützen die Familien so, dass der Wendepunkt in ihrem Leben zu bewältigen bleibt“, sagt die Leonberger Einsatzleiterin Sandra Pfeifer. Mit ihrem Team aus 45 Angestellten, darunter vier Auszubildende, betreut sie aktuell rund 170 Familien in Leonberg, Gerlingen und Umgebung. „Wir können den Familien den Schicksalsschlag nicht nehmen“, sagt Sandra Pfeifer – aber ihnen dabei helfen, ihn zu tragen. „Wir stehen in der Krise bei und packen mit an, wo es notwendig ist.“ Essenziell für Familien in Not sei, dass sie nicht allein sind. „Das ist ein Schutzfaktor, die Krise unbeschadeter zu überstehen.“

Zu den Rentschlers kommt zunächst täglich eine Familienpflegerin. Zwei, drei feste Helferinnen wechseln sich ab. Mittlerweile ist der Einsatz in Perouse weniger geworden. „Wir passen die Hilfe den Bedürfnissen der Familien an“, erläutert Sandra Pfeifer. Familienpflege sei so lange nötig, wie die Situation es erfordere. Rebecca Rentschler sagt, sie sei unglaublich dankbar. „Ohne die Familienpflege hätte ich es manchmal nicht geschafft.“

Die Familienpflegerinnen wollen ihr Angebot bekannter machen

Ihr Einsatz für Ida habe „bis zur Selbstaufgabe“ gereicht, meint die Mutter. Doch ohne die Förderung wäre Ida heute nicht so weit, wie sie ist. Ida besucht in Sindelfingen ein sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum. Sie liebe die Schule, sagt Rebecca Rentschler und lacht. „Ferien mag Ida überhaupt nicht.“ Die 51-Jährige hat ihre Zuversicht immer bewahrt. Auch als ihr Mann 2021 einen Herzinfarkt hatte oder sie selbst voriges Jahr eine Operation, von der sie sich noch immer erholt. „Ich bin ein optimistischer Mensch. Vom Heulen wird die Situation nicht anders.“

Dafür durch Menschen wie Ruth Jentner und Sandra Pfeifer. Die Einsatzleiterin möchte die Familienpflege bekannter machen. „Viele kennen das Angebot nicht“, stellt die Sozialpädagogin fest. Dabei steige der Bedarf. Ebenso der an Fachkräften. „Wir brauchen dringend Nachwuchs. Auch das Berufsbild muss bekannter werden.“ Sandra Pfeifer spricht von einem Job, „in dem man die Bandbreite des Lebens erlebt“. Der Beruf, sagt Ruth Jentner, gebe einem viel. „Zum Beispiel viel Dankbarkeit“. Man sehe in den Familien den Erfolg. „Jede Familie ist anders. Neue Familien und damit neue Aufgaben spornen uns an.“

Familienpflege – Rettung in der Not

Einsatz
Familienpflegerinnen und -pfleger sind ausgebildete Fachkräfte für pädagogische, hauswirtschaftliche, pflegerische und soziale Aufgaben. Sie übernehmen den Haushalt und die Kinderbetreuung. Je nach den Anforderungen und Bedürfnissen der Familie in Not kaufen sie ein, kochen, putzen, waschen. Sie helfen Kindern bei den Hausaufgaben, fahren sie zu Aktivitäten, unternehmen gemeinsam mit ihnen etwas.

Ausbildung
Landesweit gibt es zwei Berufsfachschulen für Familienpflege, eine in Korntal und eine Freiburg. Bundesweit sind es insgesamt vier. Die Ausbildung ist praxisintegriert. Die jungen Menschen haben Mentoren an ihrer Seite, denn „wir machen viele schöne, aber auch traurige Erfahrungen“, sagt die Familienpflegerin Ruth Jentner. Supervision gehört zum gesamten Berufsleben dazu.

Nachfrage
Die Familienpflegerinnen und -pfleger haben alle Hände voll zu tun: Familien haben sich laut der Leonberger Einsatzleiterin Sandra Pfeifer verändert. Sie leben verstreut – hier sind die Eltern getrennt, dort gibt es keine Großeltern oder andere Angehörige in greifbarer Nähe. Gründe für schwierige Familienverhältnisse gibt es viele. Auch erkrankten mehr Menschen psychisch oder nähmen Drogen. Wer Hilfe braucht, kann sich direkt an die Familienpflege wenden. Die Kostenträger sind unterschiedlich. „Wir unterstützen bei der Antragstellung“, sagt Sandra Pfeifer.