Florian Schweizer aus Sielmingen trägt einen Nachnamen, der in dem Filderstädter Ortsteil oft vorkommt. Foto: Caroline Holowiecki

Warum trifft man in Filderstadt so viele Briems, Schweizers, Weinmanns und Albers? Und wie fühlen sich jene, die diese einzigartigen Allerweltsnamen tragen?

Alles Müller, oder was? Etwa 700 000 Personen in Deutschland sollen so heißen; Platz eins bei den Familiennamen. Herr und Frau Müller gibt es freilich auch in Filderstadt, hier stechen allerdings auch andere Namen hervor. Man liest sie häufig, man hört sie häufig, und irgendwie kennt jede und jeder in der Stadt mindestens eine Person, die so heißt. Mitte Juni gab es in Filderstadt zum Beispiel 149 Briems, 350 Weinmanns und 366 Albers, jeweils inklusive Doppelnamen und Abwandlungen.

 

Derartige Häufungen können verwirren. Momentan sitzen je zwei Personen mit den Nachnamen Briem, Alber und Weinmann im Gemeinderat. „Früher hatten wir einen Weinmann in jeder Fraktion“, sagt Dieter Weinmann aus Bernhausen, niemand sei aber verwandt gewesen. Auch in der Geschäftswelt muss man genauer hinschauen. Unter dem Namen Briem findet das Internet ein Autohaus, eine Spedition, eine Bäckerei, einen landwirtschaftlichen Betrieb, eine Fahrschule, eine Druckerei, eine Mosterei und etliche weitere Einträge.

Sabine Briem, die Chefin von Briem Klaviere, kennt viele, die denselben Nachnamen haben wie sie. Foto: Caroline Holowiecki

„Wenn ich im Umkreis von 50 Kilometern irgendwo hinkomme, werde ich immer gefragt, ob ich mit dem BMW-Briem verwandt bin“, erzählt Sabine Briem. Die 60-Jährige ist die Chefin von Briem Klaviere und führt mit ihrem Onkel jenen Betrieb, der 1919 von Gottlob Briem gegründet wurde, Sabine Briems Urgroßonkel. Sie ist tatsächlich weitläufig verwandt mit Richard Briem, dem Inhaber des Autohauses, und der hat recherchiert, dass den Nachnamen bundesweit ganze 950 Mal gibt. Viele sind verwandt und leben in Filderstadt, aber nicht alle. „Im Breisgau gibt es einen Winzer Briem. Dorthin haben einige Briems von hier mal einen Ausflug gemacht – mit Omnibus Briem“, sagt Sabine Briem lachend. Einige Briems gebe es sogar in Island, sagt Gerhard Briem (75) aus der gleichnamigen Druckerei in Bernhausen.

Einer, der sich mit Namen auskennt, ist der Stadtarchivar Nikolaus Back. „Seit dem hohen Mittelalter finden sich Nachnamen in den Städten, die Dörfer folgten dann erst im späten Mittelalter“, erklärt er. Nachnamen zur Unterscheidung seien zwar wichtig gewesen, aber noch nicht dauerhaft, „sie konnten sich innerhalb von Generationen ändern“. Nach seiner Recherche bildeten sich erst im Lauf des 15. Jahrhunderts in den Filderdörfern die Nachnamen heraus, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dieser Prozess sei für die Filderorte etwa um 1500 abgeschlossen gewesen. „Tatsächlich hatten laut einem edierten Lagerbuch von 1520 alle erwähnten Personen einen Vor- und Nachnamen. Hier finden sich bereits viele, heute noch vorhandene Nachnamen, etwa Weinmann, Alber, Briem, Schweizer“, erklärt Nikolaus Back.

Mitunter gibt es örtlich Ballungen. „In Sielmingen heißt man entweder Schweizer oder Alber“, sagt Florian Schweizer (26) kichernd, dabei gebe es unterschiedliche, nicht verwandte Linien. Das führe zu skurrilen Situationen, etwa in der Feuerwehrabteilung, wo er sich einbringt. „Wir hatten schon mehr als die Hälfte des Autos mit Schweizer gefüllt.“ Joshua Alber (21) wird ebenfalls häufig auf seinen Nachnamen angesprochen. „Viele Ältere wollen wissen, wo man dazugehört.“

Von Verwechslungen kann er zuhauf berichten: von falschen Anrufen beispielsweise, von Paketen, die beim verkehrten Auto-Servicebetrieb Alber in Filderstadt landen, von einem exakt gleich heißenden Namensvetter, der auch in Sielmingen wohnt. Joshua Alber nimmt das alles mit Humor. „Mich hat das noch nie gestört. Ich fand es immer toll, eine große Verwandtschaft und viele Cousins zu haben.“

Häufungen sind nicht unüblich

Derartige Häufungen sind laut Nikolaus Back keinesfalls unüblich. „Das ist in ländlichen Gebieten so“, sagt er. In Städten dagegen gebe es deutlich mehr Durchmischung und Fluktuation. Briem beispielsweise sei originär ein Bernhäuser Name. „Die sind natürlich verwandt, der Name ist selten“, sagt er, es könne aber sein, dass die Zweige sehr weit zurückreichten. Gerhard Briem konnte den Familienstammbaum in Filderstadt tatsächlich bis 1661 rekonstruieren. Doch wer wie mit wem verbandelt ist, das ist mitunter sogar für die, die so heißen, schwierig herauszufinden, wie Sabine Briem bestätigt. Früher seien die Familien kinderreich gewesen, allein ihr Urgroßvater, der Erbauer der ehemaligen Linde, habe sieben Söhne gehabt. Und natürlich bleibt es nicht aus, dass sich Namen mischen, dass etwa eine Briem einen Alber heiratet. Dann wird es doppelt unübersichtlich.

Die Bedeutung ist nicht immer herauszubekommen

Was die Namen bedeuten, ist laut Nikolaus Back schwer zu deuten. Zumindest bei Weinmann sei es naheliegend, dass der Name ursprünglich aus dem beruflichen Bereich – vom Weinbauern – stamme. In Bonlanden und Plattenhardt habe es früher auch Weinbau gegeben. „Ich finde spannend, dass heute noch die häufigsten Namen dieselben sind wie vor 200 Jahren“, sagt der Archivar. Dieter Weinmann (55) jedenfalls kann nichts Negatives daran finden. „Man ist auch stolz drauf“, sagt er, sein Nachname stehe für eine lange Tradition.

Auch Sabine Briem hat längst ihren Frieden mit ihrem Nachnamen geschlossen. Als junge Frau sei er ihr mitunter lästig gewesen, „weil jeder versucht, einen zuzuordnen“. Heute empfinde ihn als wertvoll. „Wenn ich durch Bernhausen gehe, fühle ich Heimat.“

Das sind die häufigsten Namen in Filderstadt

Liste
Das Filderstädter Bürgeramt hat sich die Mühe gemacht, die zehn häufigsten Familiennamen in der Stadt aus dem Melderegister herauszusuchen. Die folgenden Zahlen enthalten keine Doppelnamen oder Abwandlungen.

Die häufigsten zehn Namen
Müller (Anzahl der Einzelpersonen: 307), Alber (306), Weinmann (274), Schweizer (246), Schumacher (208), Lutz (178), Mack (172), Schmidt (171), Schmid (147), Schäfer (143).