Familiendrama: Eine steht vor Gericht, weil sie ihren Bruder fast erstochen hat. Foto: dpa

Eine Frau steht wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht Stuttgart. Die 37-Jährige soll ihrem älteren Bruder eine Fleischgabel mehrmals in den Oberkörper gerammt haben.

Stuttgart - Der Satz, der im Saal 3 des Landgerichts am häufigsten fällt, heißt: „Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern.“ Die Angeklagte hat Erinnerungslücken. Ihr Bruder, der als Nebenkläger auftritt, sagt etwas von einem Filmriss. Die Freundin des Bruders, die bei dem blutigen Streit ebenfalls in der Wohnung war, weiß auch nicht mehr viel. Klar ist aber: Der Streit hätte den Mann um ein Haar das Leben gekostet.

Oberstaatsanwalt Matthias Schweitzer setzt die Beteiligten ins Bild. Die 37-jährige Angeklagte war am 21. Oktober vorigen Jahres bei ihrem Bruder in dessen Wohnung in Möhringen zu Gast. Dort soll sich am späten Abend erst ein verbaler, dann ein handgreiflicher Streit entwickelt haben. Das Ergebnis: Die Angeklagte erlitt mehrere Hämatome, unter anderem im Gesicht. Ihr 42 Jahre alter Bruder trug einen Nasenbeinbruch davon. Zudem soll die Frau ihrem Bruder eine Fleischgabel mit zwei spitzen Zacken einmal rechts in die Nierengegend, dann in den Oberkörper gestoßen haben, wobei die Lunge verletzt wurde.Die Freundin des Mannes blieb unversehrt. Sie rief die Rettungskräfte, während die Angeklagte mit der Bahn zu ihrer Wohnung nach Stuttgart-Vaihingen fuhr. Allerdings nicht, ohne den restlichen Wein im Tetrapak mitzunehmen. Gegen 3.15 Uhr nahm die Polizei die Angeklagte fest. Das Opfer sei lebensgefährlich verletzt worden, so der Oberstaatsanwalt. Der Ankläger wirft der Frau versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzungvor.

Die Angeklagte wird in ihrer Wohnung festgenommen

Der Abend hatte offenbar harmonisch begonnen. Man habe Kürbisse geschnitzt und draußen hingestellt, damit sich die Kinder über das anstehende Halloween freuen können, sagt der Bruder. Seine Freundin, die damals eigentlich schon ­seine Ex-Freundin gewesen sei, obwohl man immer noch intimen Kontakt gehabt und zusammen gewohnt habe, sei für das Essen zuständig gewesen. Und dann ein Filmriss beim Opfer, bei dem man später 3,8 Promille Blutalkohol festgestellt hatte. „Ich bin dann im Krankenhaus aufgewacht“, so der 42-Jährige, der von sich sagt, er sei Alkoholiker und der vor Gericht in einem T-Shirt mit Bierwerbung auftritt. Er könne sich gar nicht daran erinnern, dass es Streit gegeben habe. Ein bisschen mehr weiß seine Schwester schon noch. Alles sei friedlich gewesen, aber dann hätten ihr Bruder und dessen Mitbewohnerin angefangen, sich „anzustressen“. Sie habe versucht zu schlichten, was kurzzeitig gelungen sei. Doch plötzlich sei ihr Bruder vor ihr gewesen und habe ihr aufs Auge geschlagen. Viel mehr wisse sie nicht mehr. Bei der Polizei hatte sie gesagt, das alles habe sie aufgeregt. „Da habe ich das Ding genommen und meinen Frust rausgelassen.“ Jetzt sagt sie aus, ihr Bruder sei ihr gefolgt, sie sei aus Angst in die Küche ausgewichen. Dort lag die Fleischgabel auf der Arbeitsplatte.

Das Opfer hat der Täterin vergeben

Über ihr bisheriges Leben will die Angeklagte nicht sprechen. Die psychiatrische Gutachterin soll dahingehend befragt werden. Der Bruder hat der 37-Jährigen inzwischen vergeben, und zwar „voll“. Das Geschwisterpaar habe im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleichs beschlossen, nicht mehr zusammen Alkohol zu trinken. Verteidiger Markus Bessler fragt den Mann vor der 9. Strafkammer, ob er ein Interesse daran habe, dass seine Schwester bestraft werde. „Nein“, so die Antwort. Der Prozess wird fortgesetzt.

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