Die Polizei war mit einem Großaufgebot in Villingendorf präsent. Am Nachmittag konzentrierte sich die Suche nach dem mutmaßlichen Täter auf den Nachbarort Herrenzimmern. Foto: dpa

Laut der Polizei hat der Schütze bei dem Familiendrama in Villingendorf schon auf der Terrasse das Feuer eröffnet. Der Wagen des mutmaßlichen Täters ist im Nachbarort gefunden worden – womöglich hat er sich selbst gerichtet.

Villingendorf - Ein Absperrband flattert quer über der Fahrbahn der Wohnstraße im kleinen Ort Villingendorf bei Rottweil. In den Vorgärten blühen noch Blumen, die Hecken sind akkurat geschnitten. Ein Nachbar füllt für Renovierungsarbeiten Zement in eine Betonmischmaschine, sonst ist kaum ein Anwohner auf der Straße. „Normalerweise fällt es hier gleich auf, wenn ein Auto mit fremder Nummer durchfährt“, sagt der Mann: „Wir achten hier aufeinander.“ Jetzt stehen Dutzende von Einsatzfahrzeugen der Polizei in den Nebenstraßen. Reporter und Kamerateams aus dem ganzen Land sind am Freitag nach Villingendorf gekommen. Ein Hubschrauber kreist über dem Ort.

Unfassbares ist geschehen – ein 40-jähriger Mann, der von seiner Frau und seinem sechsjährigen Sohn getrennt lebte, ist allem Anschein nach am Donnerstagabend gegen 21.30 Uhr in die private Einschulungsfeier seines Jungen hineingeplatzt, hat das Feuer eröffnet und drei Menschen getötet. Die Tuttlinger Polizei geht von einem Beziehungsdrama aus.

Wie der Schulrektor Rainer Kropp-Kurta bestätigte, war der Junge erst am Nachmittag vor der Tat feierlich eingeschult worden. Danach feierten die Mutter und der Sohn zu Hause mit Gästen weiter. Normalerweise ist der erste Schultag für Kinder der mit Spannung erwartete Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Doch vor dem Haus fährt nun ein Bestatter vor.

Die Mutter ist mit ihrem Sohn und ihrem neuen Lebensgefährten erst im März nach Villingendorf gezogen; die Familie­ habe sehr zurückgezogen gelebt, sagen Nachbarn. Es sind dann wohl dramatische Szenen gewesen, die sich in der Nacht in dem Wohngebiet aus den 70er Jahren abgespielt haben. Der Täter sei vom Garten her gekommen und habe vermutlich noch auf der Terrasse zu schießen begonnen, sagt der Ermittlungsleiter Rolf Straub. Die Opfer hätten keine Chance gehabt. Die benutzte Langwaffe müsse aus jugoslawischen Armeebeständen­ stammen.

Neben dem Buben kommen auch der 34-jährige Lebensgefährte der Mutter sowie dessen eigens zur Einschulung angereiste 29-jährige Cousine ums Leben. Eine Dreijährige, vermutlich die Tochter der Cousine, hatte sich offenbar bewusst im Badezimmer versteckt. Die Mutter des Sechsjährigen konnte zu einer Nachbarin fliehen und ist unverletzt, so die Polizei. Ein weiterer Mann, vielleicht der Gatte der Cousine, war zum Zeitpunkt der Tat unterwegs, um Getränke zu holen.

Die Mutter und ein dreijähriges Mädchen überleben

Der 34-Jährige und der Bub waren beim Eintreffen der Rettungskräfte bereits tot. Die 29-Jährige konnte noch lebend in ein Krankenhaus gebracht werden, erlag aber dort ihren Verletzungen. Der mutmaßliche Täter sei wegen Gewalt- und Bedrohungsdelikten bereits vorbestraft, sagte die Polizei bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in der Turnhalle des Ortes. Ob sich die Bedrohung gegen seine Frau gerichtet hatte, war nicht zu erfahren.

Anwohner durften zunächst ihre Häuser nicht verlassen

Schon kurz nach den Schüssen war die Polizei eingetroffen. Seit dem Abend war sie mit einem Großaufgebot im Einsatz. Allein­ die Kriminalpolizei Rottweil machte sich am Freitag mit 250 Personen auf die Spur des mutmaßlichen Täters; auch Spezialkräfte aus Göppingen wurden angefordert. „Alles war taghell beleuchtet, die Polizei hat die Gärten durchkämmt. Wir sollten wieder zurück in unsere Häuser“, berichtet ein Anwohner.

Die Lage in dem kleinen Ort mit rund 3500 Einwohnern war in der Nacht unübersichtlich gewesen. In einem Wald in der Nähe wollte jemand Schüsse gehört haben. Die Beamten konnten nicht ausschließen, dass sich der Täter noch in der Nähe aufhielt. Daher durften die Menschen ihre Häuser nicht verlassen oder nach Hause gehen. Auch auf der A 81 zwischen Stuttgart und Singen wurde kontrolliert, denn der Tatverdächtige war nach Auskunft der Polizei wohl mit seinem Auto unterwegs. Erst am Morgen gab die Polizei Entwarnung. Sie teilte mit, dass sie „zur Beruhigung und zum Schutze der Anwohner“ nach wie vor jedoch mit einer großen Zahl von Beamten in Villingendorf präsent sei. Es bestehe aber keine Veranlassung mehr, von einem geregelten Tagesablauf wie Schulbesuchen, Einkäufen oder dergleichen abzuweichen.

Polizeisuche konzentriert sich auf Herrenzimmern

Gefasst war der mutmaßliche Täter am Freitag aber noch nicht. Die Polizei startete am Vormittag eine öffentliche Fahndung mit Foto und nannte auch den vollen Namen des Kroaten. Später kursierte die Nachricht, sein Wagen, ein grüner Seat mit Konstanzer Nummer, sei in Konstanz gesehen worden. Alle Nachbarländer seien deshalb in die Fahndung einbezogen worden. Doch dann wurde der Wagen im Nachbarort Herrenzimmern entdeckt, wo sich jetzt auch die Polizeikräfte konzentrierten. Es sei nicht auszuschließen, dass der Täter sich selbst gerichtet habe, so die Polizei. Darauf deuteten womöglich auch die Schüsse hin, die im Wald gehört wurden.

Am Abend wurde die Suche nach dem Täter in einem Waldgebiet ergebnislos abgeschlossen. „Wir haben dort niemanden gefunden“, sagte ein Polizeisprecher. Die Fahndung laufe auch international weiter. Ob es am Samstag neue Anhaltspunkte für eine Wiederaufnahme der Suche in dem Waldgebiet gibt, sei noch nicht absehbar.

Die Schule habe es den Eltern freigestellt, ob die Erstklässler am Freitag in den Unterricht kommen, sagte Rektor Kropp-Kurta. Die meisten seien aber da gewesen. Eine Sozialarbeiterin habe am Unterricht teilgenommen, doch das Drama sei bei den Kindern kein Thema gewesen. Der Schulbetrieb sei deshalb weitgehend normal verlaufen – nur hätten mehr Eltern als üblich ihre Kinder von der Schule abgeholt. Bürgermeister Karl-Heinz Bucher (CDU) zeigte sich tief entsetzt von der Tat. Es sei am Donnerstag eine so schöne Einschulungsfeier gewesen, sagte er – und jetzt müsse er zu einer Pressekonferenz zu einer so furchtbaren Tat.

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