Der Angeklagte verbirgt sein Gesicht vor den Kameras. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Getrieben vom Hass auf seine Mutter habe er seit Jahren Mordpläne geschmiedet, sagt Adrian S. beim Prozessauftakt wegen des Familiendramas in Rot am See. Sie habe ihn mit weiblichen Hormonen vergiftet. Heute bereut er die Tat, zumindest in Teilen.

Rot am See/Ellwangen - Die Tat. Immer wieder spricht Adrian S. von „der Tat“. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Ellwangen hakt nach. Gerard Ilg will, dass der Angeklagte diese Tat konkret benennt: Er meine damit „den Mord an meiner Mutter, an meiner Schwester, an meinem Vater.“ Alle drei waren von mehreren Kugeln getroffen und mit gezielten Kopfschüssen getötet worden.

 

Seit Jahren habe er geplant, die Mutter und die Schwester zu töten, sagte der 27-Jährige in seiner fast dreistündigen Vernehmung beim Auftakt des Prozesses wegen des mutmaßlichen Sechsfachmordes von Rot am See. Die Mutter Sylvia S., weil sie ihn über Jahre hinweg mit weiblichen Hormonen vergiftet habe, da ihr eine Tochter lieber gewesen wäre. Die Schwester, weil sie davon gewusst, aber nichts dagegen unternommen habe. Der Vater starb, „weil er meiner Mutter hörig war“.

Seinen Neffen ließ er gehen

Am 24. Januar starben in der Gaststätte „Deutscher Kaiser“ in dem 5400 Einwohner zählenden Flecken im Nordwesten des Landes Sylvia S. (56), ihr Mann Klaus S. (65), die Zwillinge und Halbgeschwister des Angeklagten Holger und Carolin K. (36) sowie Dorothea (62) und Gernot P. (69), die Tante und der Onkel von Adrian S., getötet mit 30 Schüssen aus einer großkalibrigen Waffe. Carolins Schwiegereltern werden ebenfalls von Kugeln getroffen und schwer verletzt. Carolins 14-jährigen Sohn bedroht er erst, verschont ihn aber.

Danach habe er sich zuerst selbst erschießen wollen, die Pistole hatte er schon am Kopf. „Aber ich hatte nicht den Mumm abzudrücken.“ Also stellte er sich. Heute wünsche er sich, er hätte „die Tat“ nicht begangen, sagt er. „Aber es gibt auch Unterschiede im Ausmaß der Reue.“

Onkel und Tante „haben sich liebevoll gekümmert“

Den Tod von Onkel und Tante bedauere er sowieso, „die beiden haben sich immer liebevoll um mich gekümmert“, er habe die zwei nicht töten wollen. Die Schüsse auf den Vater hätten ihn direkt danach bereut. „Bei meiner Schwester hat es etwas länger gedauert“, bei der Mutter noch mehr, „sie hat mich ja vergiftet“. Die Familie hatte sich im Januar versammelt, um gemeinsam nach Sachsen zu fahren zur Beerdigung von Sylvia S. Mutter.

Der blasse, schmächtige junge Mann mit dem Mittelscheitel, der großen Brille, dem zerknitterten blauen Hemd lebt nicht erst seit dem 24. Januar hinter Schloss in Riegel. Die vergangenen drei Jahre hat er, so erzählt er es im Prozess, vor allem beim Zocken vor dem Computer in seinem Zimmer im zweiten Stock im Haus seines Vaters in Rot verbracht.

Adrian S. verschließt sich vor der Welt in seinem Zimmer

Seiner Familie gab der Einserabiturient vor, BWL zu studieren, dabei hat er das Studium schon lange geschmissen. Beim Vater wohnte er seit drei Jahren mietfrei. Mit der Mutter hat er seit 2017 kein Wort mehr gewechselt, allein die Vorstellung mit ihr in einem Haus zu sein, habe bei ihm Migräne und Panikattacken ausgelöst. Aber die Lahrer Hebamme finanzierte seinen Lebensunterhalt. Sein Zimmer in Rot war stets geschlossen, von innen verriegelt, wenn er drinnen war, von außen zugesperrt, wenn er auch den Flur entlang ging zur fünf Meter entfernten Toilette.

Nachts verklemmte er einen starken Holzpfosten vor seiner Zimmertür, außerdem aktivierte er eine Infrarotschranke und einen Bewegungsmelder – aus Angst, seine Mutter käme um ihn zu töten. Das habe sie ja vor einigen Jahren ja angekündigt, allerdings nachdem der Sohn ihr gesagt hatte: „Du wirst sterben, deine Kinder werden sterben, und die Kinder deiner Kinder werden sterben.“ Da war Adrian S. gerade 18 Jahre alt.

Er will sie loswerden, seine Sicht der Dinge

Selbstbewusst und mit mitunter verstörender Klarheit schildert er sein Leben und erzählt vom „Tag der Tat“. Er will sie loswerden, seine Sicht der Dinge. Die Mutter lebte vom Vater räumlich, aber wohl nicht partnerschaftlich getrennt, seit Adrian S. noch klein war, in Lahr. Sylvia S. „hat mir immer gesagt, sie hätte sich gewünscht, dass ich ein Mädchen werde“.

Über Jahre hinweg habe sie ihm weibliche Hormone ins Essen gemischt, ihn körperlich und psychisch misshandelt, indem sie ihn seiner Männlichkeit herabgesetzt habe. Dabei ging dem 27-Jährigen, der noch nie Sex gehabt hat mit einer Frau, „meine Männlichkeit über alles“.

Ein Arzt habe die Vergiftung bestätigt

Erfahren habe er von der vermeintlichen Vergiftung mit 18, als er wegen einer starken Migräneattacke in einem Lahrer Krankenhaus behandelt wurde – und dabei in seinem Blut synthetische Östrogene festgestellt worden seien. Der behandelnde Arzt habe seine Mutter damit konfrontiert, ihre Reaktion verdächtig gefunden und habe die Polizei rufen wollen.

Er habe ihn davon abgehalten, erzählt er, aus Scham zunächst. In den Behandlungsakten von damals findet sich kein entsprechender Vermerk. „Meine Mutter hat in dem Krankenhaus gelernt“, erklärt Adrian S., sie habe ihm mit großer Schadenfreude eines Tages erzählt, sie habe noch Freunde in der Klinik, die hätten die Beweise verschwinden lassen.

Er Wunsch nach Rache wurde immer größer

Später habe er sich nicht an die Polizei gewandt, weil der Wunsch nach Rache eine immer größere Rolle gespielt habe in seinem Leben. „Ich konnte nicht schlafen, wenn ich dem Racheplan an dem Tag nicht wenigstens einen kleinen Schritt näher gekommen bin“, sagt er.

Gefangen war er wohl auch in seinen Ängsten. Jahrelang lebte er mit der Befürchtung, Hodenkrebs zu haben, weil er immer stärker werdende Hodenschmerzen hatte. Zum Arzt wollte er nicht aus Sorge, dann werde die Vermutung Gewissheit – bis die Schmerzen unerträglich wurden, er die Hodenkrebssymptome googelte und feststellte, dass Schmerzen nicht typisch seien. Auch für diese Probleme machte er die Mutter verantwortlich und deren vermeintliche Hormongaben.

Die Schüsse sind Plan B

Racheplan A sah vor, die Mutter zu Tode zu foltern. Die Pistolenschüsse, sagt Adrian S., sind Plan B. Den verfolgt er konsequent. Er tritt einem Schützenverein bei und wechselt bald zu einem anderen, weil er dort auf einer 25-Meter-Bahn mit großkalibrigen Waffen schießen kann. Er nimmt regelmäßig am Training teil und erwirbt sich so das Recht auf eine Waffenbesitzkarte, die er am 11. September 2019 bekommt.

Als seine Großmutter am 29. Dezember stirbt, sieht er eine günstige Gelegenheit kommen, seinen Plan zu realisieren. Am gleichen Tag setzt er eine dreiseitige, handschriftliche Erklärung für seine Tat auf. Vier Tage vor der Beerdigung fährt er mit einem Leihwagen nach Schwepnitz bei Dresden, kundschaftet den dortigen Friedhof aus und das Gasthaus, in dem der Leichenschmaus stattfinden soll: falls sich sein Plan in Rot nicht realisieren lässt. Auf dem Rückweg hält er in Nürnberg, kauft eine Pistole, drei Magazine und Hohlspitzgeschosse. Noch am gleichen Abend schießt er die Waffe im heimatlichen Schützenverein ein.

„Ich habe auf alles geschossen, was sich bewegt hat“

Am 23. Januar sagt Adrian S. seinem Vater, er müsse morgen früh zur Uni und werde nicht daheim sein. Dann versteckt er sich im zweiten Stock, die Waffe gezückt, und wartet. Als sein Vater und seine Mutter die Treppe heraufkommen, tritt er ihnen entgegen. Danach „habe ich auf alles geschossen, was sich bewegt hat“. In einer Sekunde, so seine Wahrnehmung, war alles vorbei.

Der Prozess wird fortgesetzt.