Die Aicheles brennen für ihre Familientradition: Schon der Großvater verarbeitete einst Streuobst zu Schnäpsen. Vor einigen Jahren ließ Matthias Aichele das hochprozentige Geschäft wieder aufleben. Hier erklärt er, worauf es beim Brennen ankommt.
Mit seinem Opa Helmut hat Matthias Aichele schon als Schüler auf den Streuobstwiesen mitgearbeitet. „Die Früchte zu pflegen und zu ernten, das macht mich glücklich.“ Wenn die Äpfel und Birnen reif waren, sagte der Junge zu seinen Eltern: „Schule ist ja schön, aber dafür habe ich eigentlich gar keine Zeit.“ Auch sein Bruder Andreas arbeitet in dem Familienunternehmen mit, das die Aicheles seit 2020 in ihrer eigenen Brennerei in Nellingen in der Wilhelmstraße 6 betreiben.
Schon der Großvater Helmut Aichele hat in dem Ostfilderner Stadtteil beim Alten Küfer seine Schnäpse gebrannt und verkauft. Als Matthias Aichele 14 Jahre alt war, starb der Opa. Dann kümmerte er sich um die 2,5 Hektar Wiesen der Familie in Nellingen und in Köngen. Als er erwachsen war, nahm er die Brenner-Tradition wieder auf. Jahrelang hat die Familie ihre Edelbrände von eigenen Obstbäumen auf Märkten in der Region verkauft. „Nun haben wir uns den Traum vom eigenen Laden erfüllt.“ Matthias Aichele arbeitet hauptberuflich in der Produktion. Seine Leidenschaft für die Brennerei hat er aber zum Nebenerwerb gemacht. Der Duft von Mispelbrand zieht durch den alten Nellinger Dorfkern, wenn Aichele Brenntag hat. „Den muss ich beim Zoll anmelden“, sagt der 34-Jährige. Die Regeln sind streng. Die Früchte der Mispel sind nach Frost oder Einlagerung essbar.
Mehr Unterstützung für Streuobstbauern gewünscht
Den Laden und die Brennerei aufzubauen, das war für den jungen Vater dreier Kinder und seine Frau Stefanie ein Kraftakt. Die Investition habe sich aber gelohnt, sagt die 36-Jährige. Streuobst von eigenen Wiesen an Saftereien zu verkaufen, bringt nach Matthias Aicheles Worten einen bescheidenen Ertrag. „Dafür lohnt es sich kaum, die Baumwiesen zu pflegen.“ Um die Obstbäume, die das Landschaftsbild prägen, zu erhalten, wünscht sich der Brenner mehr Unterstützung und Motivation.
Durch den Verkauf der Brände erziele er „einen Preis, der unserer vielen Arbeit angemessen ist.“ Zu teuer wolle er seine Edelbrände, Gin und Seccos aber auch nicht verkaufen, „denn die Erzeugnisse aus der Region soll sich jeder leisten können.“ Dass er in Nellingen auf einen zuverlässigen Kundenstamm bauen darf, das freut ihn. So lohnten sich die hohen Investitionen in die Anlage und den Laden auf lange Sicht.
Das Handwerk vom Opa gelernt
Wie hat sich der junge Brenner das Handwerk angeeignet? „Da habe ich sehr viel vom Opa gelernt.“ Außerdem habe er mit den Jahren andere Brenner kennengelernt, von denen er sich manches abgeschaut habe. Wichtig sei es ihm, die Brennerei zu perfektionieren. Deshalb hat der 34-Jährige 2016 mit seinem Bruder Andreas an der Universität in Hohenheim den überregionalen Brennerkurs absolviert.“ Das findet der geübte Techniker wichtig, um die komplexe Brennanlage bedienen zu können. Das Destillieren der Brände erfordert viel Können und Geduld, denn es kommt auf die richtige Temperatur im Brennkessel an. Die liegt bei 80 bis 85 Grad. Mit seiner Gelassenheit liegt Aichele diese Arbeit besonders. Der Kessel steht in einem Raum, der durch eine große, verschließbare Glastür vom Laden getrennt ist. „So sieht die Kundschaft den Arbeitsprozess.“ Der Nellinger liebt es, über die Obsternte oder über das Brennen zu erzählen.
Welche Früchte verarbeitet er in seinen Produkten? In den Regalen, die er und sein Bruder Andreas aus einer alten Eiche gezimmert haben, stehen Glasflaschen mit der Aufschrift „Nägelesbirne“. Das ist nach Aicheles Worten eine alte Streuobstwiesensorte mit besonders würzigem Geschmack. Die Palmischbirne, 2005 Streuobstsorte des Jahres, verarbeitet er ebenfalls. Mit seinen Bränden möchte er alte Streuobstsorten erhalten. Es gebe mehr als den sogenannten Williams-Birnengeist. Aber auch Kirschen-, Zwetschgen- und Mirabellenbrände seien sehr gut nachgefragt. Beliebt sind auch die Secco-Kompositionen mit und ohne Alkohol.
Die Familie brennt für das Handwerk
Wer Familie Aichele auf den Obstwiesen oder im Laden erlebt, spürt, dass sie für das Handwerk brennen. Vater Martin hat zwar das Brennerhandwerk den Söhnen überlassen, kümmert sich aber mit Leidenschaft um den Verkauf. Auch Schwester Mirjam hilft. Besonders gerne veranstaltet die Familie Events und Verkostungen für Einzelpersonen und Gruppen.
Stefanie Aichele kümmert sich um die drei Kinder Jona (3), Lena (6) und Luca (1). „Unsere Kleinen dürfen auf dem Traktor mitfahren“, erzählt sie lachend. Das gefällt ihnen: „Bei uns ist die Familientradition gesichert.“ Die junge Mutter unterstützt den Familienbetrieb gerne. Hermann Aichele, der Bruder des ehemaligen Nellinger Brenners, lebt in Denkendorf. Er freut sich, dass sein Großneffe die Tradition weiterführt.
Brennereien im Landkreis Esslingen
Lange Tradition
Die Brennereien im Landkreis Esslingen haben eine lange Tradition. In Geschäften und auf Märkten gibt es die Erzeugnisse aus heimischen Früchten zu kaufen. Das Hauptzollamt in Stuttgart muss rechtzeitig mindestens fünf Tage vor jedem Brenntag den Betrieb der Anlage genehmigen. Da gibt es für die Brennereien strenge Regeln. Diese gelten auch für sogenannte Kleinbrenner.
Information
Der Naturschutzbund (Nabu) informiert auf seiner Homepage über das Brennen und hat eine Liste veröffentlicht, in dem sich Lohnbrennereien eintragen können. Wer eigenes Streuobst anbaut und aus den Früchten Brände oder sonstige Destillen herstellen lassen möchte, kann sich auf der Homepage informieren, wo man das Obst brennen lassen kann: www.nabu.de
Information
In der Broschüre „Regional einkaufen, genießen und erleben“ hat der Landkreis Esslingen landwirtschaftliche Direktvermarkter zusammengefasst. Dort sind die Anschriften einiger der Brennereien im Landkreis Esslingen gesammelt. Außerdem gibt es umfassende Informationen über Betriebe, die ihre Produkte direkt ab dem Hof verkaufen. Das Brennen ist ein beliebter Zweig.