Für viele Esslinger eine Institution – die Familienbildungsstätte. Foto: Roberto Bulgrin

Die frühere Chefin der Familienbildungsstätte in Esslingen widerspricht der Kirche. Die Hintergründe der Schließung ihrer Einrichtung beurteilt sie völlig anders. Der Dekan räumt indes ein, dass die Trennung von der Leiterin anders ablief als von ihm dargestellt

Nach den Berichten in unserer Zeitung zum Aus der Ökumenischen Familienbildungsstätte (FBS) in Esslingen meldet sich nun die ehemalige Leiterin Doris Ziebritzki zu Wort: „Wie es zur Schließung der FBS kam, sehe ich sachlich anders als der Träger der Einrichtung.“ Auch die Trennung von ihr als Leiterin sei anders abgelaufen als vom evangelischen Dekan Bernd Weißenborn dargestellt. Die Leitung der Gesamtkirchengemeinde Esslingen hatte die Schließung der Bildungseinrichtung zum Jahresende mit Finanzlücken und sinkenden Teilnehmerzahlen begründet. Die FBS-Leiterin, so hatte Weißenborn im Interview mit unserer Zeitung gesagt, habe einen Auflösungsvertrag erhalten.

 

Mit 60 Jahren sucht Ziebritzki nun nach einer neuen Arbeitsstelle. Dabei hat die Volltheologin nach eigenen Angaben für die Übernahme der FBS-Leitung einen sicheren Job aufgegeben. Sie habe zuvor 15 Jahre lang für die katholische Fachschule für Sozialpädagogik des Instituts für soziale Berufe Stuttgart gearbeitet: „Für die letzten Berufsjahre suchte ich eine neue Herausforderung, wollte mehr Verantwortung haben, etwas gestalten.“ Daher habe sie sich auf die Stelle als Leiterin der FBS beworben. Während des Bewerbungsgesprächs im Juni 2022 habe die Kirchenleitung eingeräumt, dass es in der Vergangenheit Schwierigkeiten gegeben habe. Es habe aber geheißen, die FBS sei saniert und auf einem guten Weg: „Mir wurde nicht mitgeteilt, dass die Familienbildungsstätte schon zu der Zeit ein beträchtliches Defizit hatte.“

Engagement mit Herzblut

Sie habe sich mit Freude, Engagement und Herzblut in die neue Aufgabe gestürzt, berichtet Ziebritzki. Allerdings sei die personelle Ausstattung der Einrichtung in der Berliner Straße völlig unzureichend gewesen – „entgegen dem, was mir vor Antritt der Stelle versichert worden war“. Bei der Aufnahme ihrer Tätigkeit am 1. März dieses Jahres habe sich das Defizit gegenüber dem Zeitpunkt ihres Vorstellungsgesprächs weiter vergrößert gehabt. Sie habe daher noch im gleichen Monat das Gespräch mit der Kirchenleitung gesucht: „Mir wurde versichert, dass man sich weiter um den Zuschuss der Stadt bemühe.“

Dieser Zuschuss blieb jedoch aus, die Finanzlücken blieben: „Man hat sich kirchlicherseits auch nicht um größere Spenden für die Bildungseinrichtung bemüht gehabt, wie das im Zusammenhang mit der Finanzierung kirchlicher Gebäude in Esslingen sehr wohl geschah.“ Auch sinkende Teilnehmerzahlen bei den FBS-Angeboten will Ziebritzki als Grund für die Schließung nicht gelten lassen. Die Nachfrage, so die Theologin, sei nicht gravierend anders gewesen als bei anderen Bildungseinrichtungen nach der Pandemie. Die Leute hätten sich weniger langfristig binden wollen als früher, viele Angebote gebe es zudem kostenlos im Internet. „Aber wir haben auch andere Formate ins Programm genommen und hätten längerfristig versucht, genau darauf zu reagieren.“

Programm war schon fertig

Um auf die Situation zu reagieren, blieb offenbar zu wenig Zeit. Im Juli sei das komplette Programm für 2024 fertig gewesen: „Drei Tage bevor wir es in Auftrag gegeben hätten, kam das Aus von der Kirchenleitung.“ Dabei habe sie zusammen mit ihrem engagierten Team versucht, Neues anzustoßen und zu initiieren. Darunter auch das Projekt „Essen um eins“, das der Dekan Bernd Weißenborn nach eigenen Aussagen weiterführen möchte.

Auch zu den Umständen ihres Ausscheidens sieht sich Ziebritzki zu einer Klarstellung veranlasst. Ende August, zum Ende ihrer Probezeit, sei ihr auf Ende September gekündigt worden. Es sei weder eine betriebsbedingte Kündigung noch ein Auflösungsvertrag gewesen, wie Weißenborn es dargestellt hatte: „Über warme Worte hinaus kam aber weder das Angebot einer Abfindung noch der Versuch, irgendwie den Schaden zu begrenzen, der mir entstanden ist.“

Hoffnung auf Rettung

Weißenborn gibt an, zum Zeitpunkt der Einstellung von Ziebritzki im März habe noch die Hoffnung bestanden, die Gesamtsituation hinzubekommen: „Wir haben die Lage falsch beurteilt.“ Im Nachhinein gesehen sei dies ein Fehler gewesen, der ihm auch sehr leidtue. Es hätte schon früher die Reißleine gezogen werden müssen. Angesichts der Gesamtsituation und der sinkenden Teilnehmerzahlen habe die FBS jedoch nicht mehr wirtschaftlich weitergeführt werden können. Für mehr Personal sei kein Geld vorhanden gewesen. Die Schließung der Familienbildungsstätte sei aber nicht der Leitung oder dem Personal anzulasten, die sich voller Engagement ihrer Aufgabe gewidmet hätten. Für die FBS habe es keine dauerhafte Perspektive gegeben.

Eine Finanzierung aus dem Haushalt der Gesamtkirchengemeinde sei nicht möglich gewesen. Das Sammeln von Spenden hätte ein längerfristiges Überleben nach Weißenborns Einschätzung nicht sichern können. Für andere Projekte gesammelte Gelder, etwa für das Neue Blarer oder für eine Akustikanlage der Stadtkirche, seien zweckgebunden gegeben worden und könnten nicht für andere Zwecke verwendet werden.

Mit Blick auf die Trennung von Doris Ziebritzki habe er sich im Interview mit unserer Zeitung wohl ungenau ausgedrückt.

Die Ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen

FBS
Die Ökumenische Familienbildungsstätte Esslingen ist 1929 als evangelische Mütterschule gegründet worden. In einem jährlich erscheinenden Jahresprogramm wurden bisher Kurse zu Themen wie Gesundheit, Kochen, Kreativität, Familie und Erziehung angeboten.

Schließung
In einem Pressegespräch am 15. September hatten Vertreter der evangelischen Gesamtkirchengemeinde die Schließung der Einrichtung zum Jahresende bekannt gegeben. Die Kurse sollen bis Ende Dezember weiterlaufen. Ein neues Programm gibt es aber nicht.

Person
Die gebürtige Österreicherin Doris Ziebritzki (60) ist promovierte katholische Theologin und war 15 Jahre Dozentin und Vize-Schulleiterin an der katholischen Fachschule für Sozialpädagogik Rottweil. Die vierfache Mutter leitete von März bis Ende September die FBS Esslingen.