Rund 200 Jahre lang gibt es die Bäckerei Schimpf in Schönaich. Am 3. August endet dieses Kapitel. Das Ehepaar Bernd und Christa Schimpf gibt das Geschäft auf – es geht einfach nicht mehr.
Ein freundlich-humorvolles Lächeln umspielt Christa Schimpfs Gesicht, als eine Kundin im Friseurmantel den Laden betritt. „Ich lasse mir gerade die Haare machen und habe Hunger gekriegt“, lacht die Frau und bestellt eine herzhafte Käselaugenstange und zum Nachtisch einen süßen „Bobbes“ mit Haselnuss. „Die kam vom Friseur direkt nebenan“, sagt die Bäckereichefin schmunzelnd, als die Kundin mit wehendem Umhang nach draußen verschwindet.
Diese Momente, dieser Austausch mit der Stammkundschaft, werden der 69-Jährigen fehlen. Mit den meisten ist sie „per du“, manche Kundenfamilien bedient sie bereits in der dritten Generation. Damit ist es bald vorbei. Am Samstag in drei Wochen wird sie ein letztes Mal Mehl und Körner vom Boden auffegen, ein letztes Mal die Kasse leeren, ein letztes Mal die Eingangstür abschließen. Danach ist der Ofen aus in der Bäckerei Schimpf in der Karlstraße. „Das tut schon weh“, sagt die Chefin, „da fehlt ein Stück von deinem Leben“. So werden das wohl auch die Kunden sehen, die das „König-Ludwig-Brot“, die handgeschlungenen Brezeln, das knusprig-süße Anisbrot und andere Lieblingsbackwaren sicher sehr vermissen werden.
Der 73-Jährige Chef fällt seit gut einem halben Jahr wegen Rückenproblemen aus
„Aufgrund unseres Alters und Gesundheitszustands sehen wir uns nicht mehr in der Lage, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir bedauern dies sehr und möchten uns ganz herzlich für Ihre zum Teil jahrzehntelange Treue bedanken“, steht auf einer Notiz an der Glasscheibe des Verkaufsraums. Daneben hängt der Hinweis, dass der 3. August der letzte Öffnungstag sein wird.
„Mein Mann ist gerade ziemlich malad“, erklärt Christa Schimpf. Der 73-Jährige habe Rückenprobleme und könne deshalb seit gut einem halben Jahr praktisch nicht mehr mitarbeiten. Also musste der 38-jährige Sohn in der Backstube übernehmen, wo er zusammen mit einer Aushilfe und einem bald 60 Jahre alten Bäckergesellen an sechs Tagen in der Woche jeweils ab 2.30 Uhr und am Wochenende sogar ab 0.30 Uhr Nacht für Nacht Hunderte oder wohl eher Tausende Backwaren von Hand fertigt. Tagsüber ist es Christa Schimpf, die wochentags von 5.30 Uhr bis meist 18.30 Uhr, im Laden steht oder sich um das Büro kümmert. In den zweieinhalb Stunden Mittagspause warten zuhause Herd, Haushalt und andere Aufgaben auf sie. „Wenn man mich im Verkauf ersetzen müsste, bräuchten wir mindestens drei Leute, die sich die Schichten aufteilen“, sagt die 69-Jährige, die mit ihrem Mann sogar sieben Jahre lang Siebentagewochen gestemmt hat – das war von 2005 bis 2012.
Neben dem Beruf war Christa Schimpf im Gemeinderat engagiert
Morgens helfe ihr eine Ukrainerin beim Herrichten, ansonsten sei sie unter der Woche aber komplett allein im Verkauf. Um den Ansturm am Samstag und Sonntag zu bewältigen, stehe sie dann mit jungen Aushilfskräften zu zweit oder zu dritt hinter dem Tresen. „Anders könnte ich das gar nicht mehr schaffen“, sagt Schimpf, die in den vergangenen fünf Jahren neben dem Beruf zudem für die Grünen im Schönaicher Gemeinderat gesessen hatte. Die wenige Freizeit, die ihr und ihrem Mann blieb, versuchte die Mutter von drei Kindern so gut wie möglich auf ihre fünf Enkelkindern zu verteilen.
46 Jahre lang haben Bernd und Christa Schimpf die Bäckerei geführt. Den eigentlichen Betrieb gibt es noch viel länger: Laut Schönaicher Kirchenbüchern war es der 1790 geborene Christian Schimpf, der vor gut 200 Jahren – ein genaues Gründungsdatum ist nicht bekannt – damals noch in der Großen Gasse 48 die Bäckertradition seiner Familie startete. Im Januar 1978, Bernd Schimpfs Vater Wilhelm war erst im Monat zuvor verstorben, übernahm der Sohn mit seiner Christa die Bäckerei.
„Wir waren da noch nicht einmal verheiratet“, blickt Christa Schimpf zurück. Sie ist in Nagold aufgewachsen und hatte Apothekenhelferin gelernt. Ihren Bernd hatte sie beim Segeln auf der Nagoldtalsperre kennen- und liebengelernt. „Mitgehangen, mitgefangen“, sagt sie lächelnd und zuckt mit den Schultern.
Für eine Bäckereikette wollen Schimpfs den Laden nicht hergeben
Dass ihre beiden Töchter sich für andere Berufe entschieden haben und der Sohn sich den Knochenjob auf Dauer nicht mehr antun will, kann Christa Schimpf verstehen. Dennoch werde man den Laden vorerst so belassen, wie er ist und nicht verkaufen oder vermieten. „Wir wollen sehen, ob wir vielleicht jemand bekommen, der hier reinpasst“, sagt die Chefin. Eins sei dabei aber klar: Für eine Bäckereikette wolle man den Laden nicht hergeben – zumal dies auch mit größeren Umbauarbeiten verbunden wäre.
Bei aller Abschiedsschmerz sieht Christa Schimpf in der Geschäftsaufgabe aber auch etwas Positives: „Wir haben wieder mehr gemeinsame Zeit und auch mehr Zeit für uns selbst“, sagt die Schönaicherin. Jetzt freue sie sich neben gemeinsamen Stunden mit den Enkeln darauf, wieder regelmäßig schwimmen gehen zu können, bei der Tanzschule Schad in Holzgerlinger mit Line Dance anzufangen und – wenn die Gesundheit es hoffentlich eines Tages wieder zulässt – mit ihrem Bernd wieder Radtouren zu machen oder gemeinsam tanzen zu gehen.