Krasser könnte ein Gegensatz nicht sein: Auf der einen Seite sorgen die Werke Richard Wagners für eine fast mystische Aura, auf der anderen aber liefern sich die Nachfahren des Komponisten ein munteres Hauen und Stechen.

Krasser könnte ein Gegensatz nicht sein: Auf der einen Seite sorgen die Werke Richard Wagners und das Festspielhaus Bayreuth als hehrer Sehnsuchtsort der Wagnerianer für eine fast mystische Aura, auf der anderen aber liefern sich die Nachfahren des Komponisten ein munteres Hauen und Stechen.

Seitdem die beiden Urenkelinnen Richard Wagners, Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier, im Herbst 2008 zu Festspielleiterinnen ernannt wurden, ist das Familientheater ein wenig zur Ruhe gekommen. Doch unterschwellig brodeln die Konflikte im Clan weiter - als wollte die Familie Wagner beweisen, dass die Zwietracht, die ihr großer Vorfahr unter den Figuren seiner Musikdramen säte, den Vergleich mit dem wahren Leben nicht zu scheuen braucht.

Mit Grund hat die Publizistin und Leiterin der Weimarer Festspiele, Nike Wagner, ihre Familie schon vor etwa 30 Jahren als "eigensüchtige, erbedünkelige, zinkennasige, kinnlastige Masse" bezeichnet. Auch ihr Cousin Gottfried schimpfte immer wieder über das "Post-Nazi-Herrenmenschentum" der Wagners, und seine Tante Friedelind verfasste schon 1941 ein Buch mit dem vielsagenden Titel "Nacht über Bayreuth". Auch wegen dieser Vorwürfe sind und bleiben die drei die schwarzen Schafe im Clan: Sie werden belächelt und ausgegrenzt, während die Theaterfamilie munter weiter ihr Familientheater veranstaltet.

Dabei dominieren in der Familie Wagner die starken Frauen. Die Erste von ihnen war Cosima, die zweite Frau des Komponisten: Hätte diese harte, willensstarke Frau nicht das Ziel gehabt, mit Wagners Werk als Grundstein und mit den Finanzen vor allem des bayerischen Königs Ludwig II. im Rücken eine Kulturdynastie zu gründen - das denkwürdige Konglomerat der Kernfamilie Wagner wäre womöglich schon in den 1870er Jahren explodiert.

Cosima ist die eigentliche Gründerin der Wagner-Festspiele. Ihr Sohn Siegfried wird nicht nur systematisch zum Festspielleiter erzogen, sondern (trotz seiner homosexuellen Neigungen) zu Ehe und Familie genötigt. Nach Richard Wagners Tod 1883 ist Cosima, von 1906 an Siegfried Festspielchef.

Die Tatsache, dass dessen Frau Winifred, die nach seinem frühen Tod 1930 die Festspielleitung übernimmt, nicht nur einen, sondern zwei Söhne gebärt, Wieland und Wolfgang, eröffnet das wohl härteste Kapitel im Wagner'schen Erbfolgekrieg, das noch dazu von der Nähe Winifreds zum Naziregime und von ihrer Freundschaft zu Hitler überschattet wird. Machtkämpfe zwischen Richard Wagners Enkeln ergeben sich früh: Erst kämpft Wieland mit Winifreds Hilfe gegen die eigenwillige Friedelind, dann steht Wolfgang auf gegen den Bruder. Wobei der Machtkampf der Brüder auf höherer Ebene ein Pendant findet: Joseph Goebbels will sich an Wielands Seite gegenüber Hermann Göring profilieren, der mit dem Intendanten der Berliner Staatsoper befreundet ist, wo Wolfgang Wagner ausgebildet wird. Dabei weiß der Propagandaminister durchaus, worauf er sich einlässt: "Bayreuth", schreibt er, "ist von jeher ein Klatsch- und Tratschnest gewesen, und wer diesen Schmutz anfasst, der besudelt sich damit."

Erst nach dem Krieg trägt Wieland, inzwischen offiziell von seiner nationalsozialistischen Vergangenheit entlastet, den Sieg davon. 1951, beim Wiederanfang in Bayreuth, wohnt Wieland mit seiner Frau Gertrud in der Villa Wahnfried, Wolfgang mit seiner (ersten) Ehefrau Ellen in einem Haus direkt daneben. Die Hierarchien sind klar: Wieland ist künstlerischer, Wolfgang (nur) kaufmännischer Leiter der Festspiele. Nach außen demonstriert man das Bild einer intakten Familie, doch die Fassade bröckelt. Wielands Ehe droht an seiner Beziehung zur Sängerin Anja Silja zu scheitern. Hüben wie drüben kann man sich nicht leiden. Wielands und Wolfgangs Kinder dürfen, obwohl Cousins und Cousinen und obendrein Nachbarn, nicht miteinander spielen.

Nach dem Tod Wielands wird Wolfgang Herrscher auf dem Grünen Hügel, an seiner Seite steht ab 1976 Gudrun, seine zweite Frau. Zunehmend wird sie zur stärksten Kraft im Festspielhaus. Als der 80-jährige Festspielchef im Jahr 2000 seine Nachfolge regeln will, bewerben sich sowohl Eva Wagner-Pasquier, seine Tochter aus erster Ehe, als auch Nike, Wielands Tochter. Die Richard-Wagner-Stiftung entscheidet sich für Eva - doch Wolfgang akzeptiert das Votum nicht, was ihm als Festspielleiter auf Lebenszeit auch zusteht. Denn eine weitere Bewerberin ist seine Frau Gudrun, und diese wiederum will nur eines: Zeit gewinnen, um die Tochter Katharina als Thronerbin installieren zu können. Erst 2007, nach Gudruns Tod, gibt Wolfgang grünes Licht für eine Lösung mit Eva und Katharina als Doppelspitze.

Derweil schleudert Cousine Nike weiter wütende Geistesgeschosse gen Oberfranken: Bayreuth, lässt sie verlauten, sei künstlerisch "allenfalls mittlere Kategorie". Es gibt viele, die ihr zustimmen: In den letzten Jahren verlor das Kulturunternehmen an Glanz, und das Familientheater stellte das Werk oft in den Schatten. Jetzt müssen sich die neuen Festspielleiterinnen an der schier unlösbaren Aufgabe abarbeiten, Exklusivität und Popularität zusammenzubringen. Ob das gelingt, wird auch davon abhängen, ob der derzeit waltende Waffenstillstand im Clan noch ein wenig anhält. Doch die Welt der Wagners ist ebenso verrückt wie unberechenbar - sicher ist nur, dass nichts sicher ist.

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