Eine Familie aus Eislingen fühlt sich mit dem Befund Autismus in vielen Bereichen alleingelassen. Die Mutter von zwei Söhnen mit der Erkrankung und deren Schwester erzählen aus ihrem Alltag.
Am Anfang ging es ganz gut“, erinnert sich die Mutter an den Start ihres ältesten Sohnes, der Autismus hat, im Kindergarten und in der Grundschule. Auffällig waren vor allem Probleme mit der Motorik. „In der Schule war er gut“, erzählt die Eislingerin. Allerdings dauerte es noch, bis für den heute 19-Jährigen die Autismus-Diagnose gestellt wurde. Nach einer ersten Verdachtsdiagnose 2017 holte die Familie sich in Tübingen eine Zweitmeinung. „Dort wurde die Diagnose dann bestätigt“, erzählt die Mutter. Mir war es damals wichtig, „es wäre greifbar“, berichtete sie.
Bis heute prägt das Leben mit ihren beiden Söhnen, die Autismus haben, den Alltag der sechsköpfigen Familie, zu der auch die 17-jährige Mia gehört. „Ich kenne das nicht anders, ich bin da hineingeboren worden“, antwortet sie auf die Frage, wie sie ihre Situation empfindet. Ihre Mutter schildert ein Video, das sie von ihren vier Kindern gemacht hat, als diese noch klein waren: „Mein Ältester steht in der Mitte und liest in einem Buch, währen die anderen Kinder um ihn herumtoben.“
Zuhause kann sich der Jüngere häufig nicht mehr zusammenreißen
Während der ältere Bruder mit Strukturen und Zeitgefühl Probleme hat, ist für den Jüngeren eine klare Struktur und ein fester Ablauf extrem wichtig. „Wir haben schon oft den Zug verpasst, weil an der Kleidung etwas drückte und er deshalb nicht aus dem Haus konnte“, erzählt seine Schwester. „Auch, wenn es Gemeinsamkeiten gibt, ist doch jeder Autist wieder ganz anders“, berichtet die Mutter. Während der ältere Bruder gerne etwas Abstand zu anderen hält, ist der jüngere Bruder eher ein „Kuschler“, beschreibt Mia. Sie ist es auch, die mit seiner impulsiven Art besonders gut umgehen kann. Während er von seinem Umfeld eher als unauffällig wahrgenommen werde und die Menschen erstaunt seien, wenn sie erfahren, dass er Autismus habe, könne er daheim so richtig ausflippen, beschreibt die Mutter. „Er muss sich so viele Mühe geben, um sich den ganzen Tag anzupassen, dass er das zu Hause dann nicht mehr kann“, vermutet sie.
Grundsätzlich hat die Eislingerin seit der ersten Verdachtsdiagnose ihres ältesten Sohnes viel über das Verhalten ihrer Söhne gelernt. „Es ist aber manchmal schon sehr anstrengend und braucht viel Zeit“, erzählt sie. Dazu gehört es, jeden Nachmittag darauf zu achten, dass die Hausaufgaben gemacht werden. Aber auch der große Zeitbedarf, um zum Beispiel einen Platz für eine Verhaltenstherapie zu bekommen, eine Schulbegleitung genehmigt zu bekommen oder viele andere Hilfen zu beantragen, auf die Kinder und Jugendliche mit Autismus und ihre Familien Anspruch haben. „Ich würde mir wünsche, dass man nicht nur die Diagnose bekommt, sondern auch gesagt wird, wie es weitergehen kann und wo man Hilfe und Unterstützung bekommt.“
Im Umgang lernt man viel über Akzeptanz und Toleranz
Vor allem der weitere Lebensweg der beiden Söhne ist in vielen Aspekten offen. Zwar gibt es zum Beispiel in Göppingen inzwischen eine Wohngruppe für Menschen mit Autismus, die von dem Verein Viadukt betreut wird. „Sonst fehlt es aber an allen Ecken, das ist schon noch sehr ausbaufähig“, beschreibt die Mutter aus Eislingen die Probleme im Umgang mit der Erkankung.
Grundsätzlich empfindet sie das Leben mit ihren beiden Jungs aber als Bereicherung. „Die beiden sind ganz liebenswert. Im Umgang lernt man ganz viel über Akzeptanz und Toleranz“, ergänzt Mia.
Treff für Eltern und Angehörige
Selbsthilfe
Die Autismus-Initiative Göppingen ist ein Treff für Eltern und Angehörige, der ehrenamtlich von betroffenen Familien organisiert wird. Der Treff findet immer am letzten Mittwoch im Monat statt. Weitere Infos im Internet unter www.autisten-gp.de.
Toleranz
Mia wäre es wichtig, dass anderen Menschen, vor allem Erwachsene, mehr Verständnis für das manchmal unerwartete Verhalten ihrer Brüder haben. „Auch, wenn mein Bruder 19 Jahre alt ist, muss man ihm vieles noch sagen.“ Die Schwester nennt ein Beispiel: Es kann sein, dass der 19-Jährige nach der Schule nicht den Zug nach Hause nimmt, weil der Zug nicht kommt oder Verspätung hat, sondern in irgendeinen Zug steigt, der gerade hält. „So ist er auch schon in Tübingen und Heilbronn gelandet“, erzählt die Mutter.