Josephine R. erhebt Vorwürfe gegen die Familie. Ihre Eltern kommen ins Gefängnis. Doch die Geschichte stimmt nicht. Kann man falsche Erinnerungen entwickeln?
Eine junge Frau aus Goslar beschuldigt ihre Eltern des Missbrauchs – und Dutzende andere wie ihren Ehemann und ihre beste Freundin. Trotz vieler Widersprüche und fehlender Beweise sowie erhebliche Zweifeln der ermittelnden Polizeibeamten glauben ihr die Staatsanwältin und die Richterin – und verurteilen die Eltern und die Freundin zu langen Haftstrafen. Im März 2024 hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf. In einem neuen Verfahren stellt sich heraus: Josephine R. hat alles erfunden. Die Eltern saßen 684 Tagen unschuldig in Haft. „Braunschweiger Zeitung“ und das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichteten über den Fall und bezeichneten ihn als einen der größten Justizskandale Deutschlands.
Was treibt eine junge Frau zu solch schweren Falschbeschuldigungen? Einer der Gutachter, Psychologe Thorsten Schliemann, hielt Josephines Aussagen für außergewöhnlich glaubwürdig. Heute vermutet er, dass sie in der Psychiatrie durch ihren behandelnden Arzt zu den Erzählungen ermutigt wurde – sie habe offenbar Zuwendung und Anerkennung gesucht. Möglicherweise könnten dadurch sogenannte Scheinerinnerungen entstanden sein, sagt er. Dies sind falsche, aber lebhaft empfundene Erinnerungen, die sich für die Betroffenen echt anfühlen. Doch Schliemann schränkt ein: Ihre Geschichte sei „zu gut“ – möglicherweise war alles bewusst konstruiert, so erzählte er es im Nachhinein dem „Spiegel“.
Von außen betrachtet scheint eine Erinnerung etwas Festes zu sein. Ein Ereignis, das sich abgespeichert hat – ein inneres Video, das wir abspulen, wann immer wir es brauchen. Doch was, wenn dieses innere Video nie gedreht wurde? Wenn unser Gedächtnis uns Bilder zeigt, die nie existiert haben? Scheinerinnerungen, auch „false memories“ genannt, sind keine bloße Kuriosität der Gedächtnisforschung. Sie können wie real erlebt sein. Man versteht darunter ein Phänomen, bei dem Menschen falsche, aber lebhafte Erinnerungen entwickeln.
Es gibt keine Evidenz für verdrängte, traumatische Erlebnisse
Aileen Oeberst ist Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Potsdam. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen der falschen Erinnerungen – auch im Kontext von Psychotherapie und Strafverfahren. Für sie ist klar: Die Idee, dass Menschen traumatische Erlebnisse vollständig verdrängen und erst später in der Therapie wiederentdecken können, ist nicht wissenschaftlich fundiert. „Es gibt keine überzeugende empirische Evidenz für den Mechanismus der Verdrängung traumatischer Erinnerungen, im Gegenteil“, sagt Oeberst.
Vielmehr könnten sich Menschen an gravierende, traumatische Ereignisse meist besonders gut erinnern. Diese Erinnerungen sind für Betroffene quälend, weil sie unkontrolliert auftauchen und es schwer ist, diese loszuwerden oder zu ignorieren.
Die US-amerikanische Psychologin und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Loftus, eine der bedeutendsten Forscherinnen auf dem Gebiet der Gedächtnispsychologie, konnte in zahlreichen Experimenten zeigen, wie leicht sich das menschliche Gedächtnis tatsächlich manipulieren lässt. In ihrer berühmten „Lost in the Mall“-Studie zeigte Loftus, dass sich Menschen durch gezielte Suggestion an ein nie erlebtes Kindheitserlebnis „erinnern“ konnten.
Den Probanden wurde erzählt, sie seien in der Kindheit in einer Shopping-Mall verloren gegangen – rund ein Drittel glaubte, dies sei wirklich passiert. Ihre Forschung hatte weitreichende Auswirkungen, vor allem in juristischen Kontexten, da sie die Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen unter bestimmten Bedingungen infrage stellt.
Die deutsch-kanadische Rechtspsychologin Julia Shaw hat eine ähnliche Studie durchgeführt – einem Teil der Probanden wurde erzählt, sie hätten in der Jugend eine kriminelle Tat begangen und ihre Eltern hätten von dem Delikt gewusst, weil die Polizei sie kontaktiert hätte. Rund 70 Prozent von ihnen waren nach drei Sitzungen überzeugt, sie hätten diese Straftat wirklich begangen.
Erinnerungen aus der Kindheit können trügerisch sein. Ob die Bilder und diffusen Szenen aus dem autobiografischen Gedächtnis tatsächliche Erlebnisse repräsentieren oder sich anderswie eingeschlichen haben? Für viele Menschen ist dieser Gedanke sehr verstörend.
Die sogenannte „memory wars“ – also der Streit, ob es so etwas wie falsche Erinnerungen gibt und ob traumatische Erinnerungen wirklich lange verdrängt bleiben können oder eben nicht – hat die psychologische Forschung lange entzweit und ist laut Oeberst keineswegs beigelegt. Ganz im Gegenteil: „Die Debatte ist sehr erhitzt und Gedächtnisforschern, die auf die Möglichkeit von falschen Erinnerungen unter bestimmten Umständen hinweisen, wird häufig vorgeworfen, die Glaubwürdigkeit von Opfern generell infrage zu stellen.“ Sie habe, ebenso wie viele andere Gedächtnisforscher, keinerlei Zweifel daran, dass es sexuelle Übergriffe gibt – ebenso wie ein großes Dunkelfeld. Aber sie würde aufgrund gedächtnispsychologischen Erkenntnisse erwarten, dass sich Menschen an so etwas erinnern.
Die „memory wars“ sind noch nicht vorbei
In ihren eigenen Studien konnte auch Oeberst nachweisen, wie leicht sich falsche Erinnerungen erzeugen lassen. „Wir hatten von den Eltern jeweils zwei plausible, aber nicht erlebte Ereignisse erfragt, zu denen wir dann die Versuchspersonen befragt hatten“, sagt sie. Tatsächlich war das Ereignis frei erfunden – dennoch generierten viele Teilnehmer immer detailreichere, aber falsche Erinnerungen. Schon im dritten Interview erinnerten sich über die Hälfte der Befragten an kritische Details zu angeblichen Ereignissen.
Wenn Erinnerungen erstmals in einer Therapie auftauchen
Abseits von Laborstudien kann es geschehen, dass Patienten sich an angebliche traumatische Erfahrungen wie Gewalt oder Missbrauch innerhalb einer Therapie zu erinnern meinen. „Wenn ich höre, dass sich jemand erst ‚in der Therapie‘ an ein Trauma erinnert hat, gehen bei mir alle Alarmsignale an“, so Oeberst. Dabei gehe es nicht um Fälle, in denen Patienten erstmals in der Therapie über etwas gesprochen haben, sondern dass die Person sage, dass sie diese Erinnerung erst in der Therapie entwickelt habe.
In einer Studie von Jonas Schemmel, Iliyan Datschevski und Renate Volbert 2021 stimmten rund 20 Prozent der befragten Psychotherapeuten in Deutschland der Aussage zu, dass es Aufgabe der Therapie sei, unzugängliche Erinnerungen an traumatische Ereignisse aufzudecken. Einige gaben sogar an, versucht zu haben, Erinnerungen zu reaktivieren. Aus Sicht von Oeberst ist das erschreckend. Denn genau das aktive Suchen nach verdrängten Erinnerungen berge die Gefahr, falsche Erinnerungen zu erzeugen.
Für manche Betroffene, so Oeberst, kann die Diagnose, Opfer eines schweren Traumas zu sein, sogar vorteilhaft oder entlastend sein. Denn sie kann eine Erklärung für Leiden bieten oder für Brüche im Lebenslauf – und außerdem zu Aufmerksamkeit und Mitgefühl von anderen Menschen führen.
Scheinerinnerungen oder bewusste Lügen und Manipulation?
Falsche Erinnerungen sind nicht nur ein psychologisches Phänomen. Sie können auch juristische Tragweite entfalten, wie es bei Josephine R. gewesen sein könnte. War es nun ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis oder Scheinerinnerungen? Antworten darauf könne nur ein neues Verfahren geben, sagte die Richterin des zweiten Verfahrens.
Oeberst plädiert für einen nüchternen, wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema False Memories. Suggestive Techniken, egal ob in Therapie, bei Polizei oder in der Familie, seien unbedingt zu vermeiden. Aber es sei wichtig, Betroffene nicht zu stigmatisieren. Falsche Erinnerungen seien keine Lüge, sondern ein Irrtum. Die Erinnerung fühlt sich echt an – aber das macht sie nicht wahr.
„Lost in the Mall“ – die bekanntesten Studien zu False Memories
Replikationsstudie
Gillian Murphy vom University College Cork hat mit ihrem Team im Jahr 2023 die Replikationsstudie „Lost in the mall again: a preregistered replication and extension of Loftus & Pickrell“ durchgeführt. Die Forscher kamen zu einem ähnlichen Ergebnis wie Elizabeth F. Loftus. Suggestives Nachfragen, sozialer Druck und wiederholtes Imaginieren seien ausreichend, um falsche Erinnerungen zu erzeugen, so ein Fazit der Psychologin Gillian Murphy vom University College Cork.
Analyse
Die britischen Forscher Bernice Andrews und Chris R. Brewin unterzogen die Daten einer detaillierten Analyse in „Lost in the Mall? Interrogating Judgements of False Memory“ und stellten fest, dass viele der als „falsche Erinnerungen“ eingestuften Fälle nur wenige oder keine der sechs zentralen Details des erfundenen Ereignisses enthielten. Im Durchschnitt erinnerten sich die Teilnehmer an weniger als zwei dieser Details, und 30 Prozent konnten in ihrer Studie überhaupt keines benennen. Die Forscher argumentieren daher, dass die Einschätzungen der Untersuchungsleiter möglicherweise übertrieben waren und die tatsächliche Rate vollständig falscher Erinnerungen deutlich niedriger liege.
Kritik
Insbesondere die Forschung von Brewin und Kollegen beruht auch aus Sicht von einigen Kritikern und auch Aileen Oeberst auf zu engen Definitionskriterien. Man könne daraus nicht den Schluss ziehen, dass es keine falschen Erinnerungen gibt, sagt die Professorin aus Leipzig. In ihrer False Memory-Studie sei es darauf angekommen, dass die Person das Ereignis an sich akzeptiert und zusätzliche, ereignisspezifische Details erinnert hätten. Dies hätten aber nicht diese sechs definierten Kerndetails sein müssen, die in ihrer Analyse vorgegeben waren. (nay)