Gerüchte verbreiten sich schnell – bis die Polizei Einhalt gebieten muss Foto: dpa

Vielleicht kann man in Zuffenhausen jetzt wieder ruhig schlafen. Vorausgesetzt, die Nachricht von der falschen Nachricht hat auch wirklich alle erreicht. Ein angeblicher Amoklauf, der diese Woche im Stadtbezirk losbrechen sollte, findet nämlich nicht statt

Stuttgart - Vielleicht kann man in Zuffenhausen jetzt wieder ruhig schlafen. Vorausgesetzt, die Nachricht von der falschen Nachricht hat auch wirklich alle erreicht. Ein angeblicher Amoklauf, der diese Woche im Stadtbezirk losbrechen sollte, findet nämlich nicht statt. Aufregung gab es dennoch – vor allem bei der Polizei, die sich plötzlich mit zahlreichen Hinweisen auf einen Amokläufer konfrontiert sah. Und das nicht nur anonym, sondern auch aus eigentlich seriöser Quelle.

Große Sorge gab es in einer Kirchengemeinde im Stadtbezirk, wo sich die Nachricht von einem möglichen Amoklauf in Windeseile verbreitete. Der eine hörte es von einem Kind, der andere von einem Jungen. Sie alle hörten etwas von einer Person, die mit einer Waffe umherlaufen würde – und verbreiteten das Gehörte weiter. Schlechte Nachrichten, so heißt es, verbreiten sich achtmal so schnell wie gute. Doch niemand achtete auf das Bibelwort:

Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind. (1. Brief des Johannes, Kap. 4)

Immerhin meldeten sich mehrere Stimmen bei der Polizei, die telefonisch nachfragten, ob denn nun ein Amokläufer in Zuffenhausen unterwegs sei. Das überraschte Revier informierte das zuständige Kripo-Dezernat und versuchte, Näheres über den angeblichen Amoklauf zu erfahren. Denn auch ein Gastwirt hatte zwischenzeitlich angerufen und sich nach dem möglichen Amoklauf erkundigt.

Ermittlungen in Kreisen der Kirchengemeinde führten die Polizisten zum Ehemann einer Mitarbeiterin, der die Nachricht verbreitet hatte. Der Gatte wiederum gab an, dass er die Geschichte selbst auch nur gehört habe – und zwar vom Wirt einer Gaststätte, die er an diesem Tag aufgesucht hatte.

Alles, was der Herr gesagt hat, das wollen wir tun und darauf hören! (2. Buch Mose, Kapitel 14, Vers 11)

Die Ermittler nahmen sodann den Wirt der Gaststätte ins Gebet und erfuhren, dass er diese Geschichte auch nur von einem Bekannten gehört habe. Dieser Bekannte wurde telefonisch kontaktiert – und der erklärte, dass er die Nachricht über den Amoklauf auch nur von seiner Tochter gehört habe. Eine heiße Spur? Die Tochter wiederum berichtete, dass ihr Ehemann am Morgen im Radio erfahren habe, dass ein Amoklauf bevorstehe. Die Polizei nahm daraufhin mit diesem Ehemann telefonisch Kontakt auf.

Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. (Matthäus, Kapitel 9, Vers 36)

Der Mann erklärte den Beamten, dass er überhaupt nichts von einem Amoklauf erzählt habe. Vielmehr habe er im Radio gehört, dass ein Straftäter aus der Psychiatrie in Zwiefalten geflüchtet wäre und dieser Mann gefährlich sei. Nur darüber habe er seine Frau informiert. Und so wurde daraus ein Amoklauf in Zuffenhausen.

Bei dem Flüchtigen handelt es sich um einen 36-jährigen Stuttgarter, der wegen einer schweren räuberischen Erpressung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde und im Zentrum für Psychiatrie in Zwiefalten (Kreis Reutlingen) eine Entzugstherapie absolvieren sollte. Auf dem Weg zum Zahnarzt im benachbarten Hayingen gelang dem 36-Jährigen die Flucht. Trotz Fahndung mit Hubschrauber blieb er verschwunden. Auch alle weiteren Fahndungsmaßnahmen blieben erfolglos.

Mit Amoklauf hat das alles nichts zu tun. Die Kirchengemeinde in Zuffenhausen aber lernte aus dem Fall, dass ihr Jahresmotto, ein parodierter Vers aus dem Evangelium nach Markus, in allen Belangen tatsächlich zutrifft. Das Motto lautet wörtlich:

Wer’s glaubt, wird selig.

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