Nur wenige Meter vom Gleis der Kulturbahn entfernt steht ein einsturzgefährdetes, aber historisches Gebäude. Eisenbahnfans wollen es retten. Aber wohin damit? Der Abriss droht.
Dinge gibt’s, die mag man kaum glauben: Etwa, dass jemand rund um die Uhr ein einsturzgefährdetes Gebäude bewacht.
Was kurios klingt, ist, wie der Schwarzwälder Bote berichtet, seit Anfang März in Calw der Fall. Involviert sind die Deutsche Bahn (DB), glühende Eisenbahnfans, weniger begeisterte Stadträte und der Denkmalschutz. Doch der Reihe nach.
Wenn die Kulturbahn die Hesse-Stadt Richtung Nagold verlässt, passiert sie am Stadtausgang den alten Bahnhof und das Post-Gelände. In Fahrtrichtung links steigen die Hänge des Nagoldtals steil auf. Zwischen Felswand und Gleisen steht ein kleines Gebäude: das einstige Stellwerk 2.
Neuerdings behalten es Mitarbeiter eines spezialisierten Sicherheitsunternehmens rund um die Uhr im Blick.
Das sagt die Bahn Der bauliche Zustand „macht es tatsächlich erforderlich, dass ein Wachdienst beauftragt ist“, bestätigt ein Bahnsprecher. Bei einer Routinekontrolle der Bahnanlagen sei Ende Februar „eine Neigung“ des zweistöckigen Gebäudes festgestellt worden. Das untere Geschoss besteht aus einem alten Metallgerüst. Der Einsturz droht – dabei trennen das historische Häuschen und das Gleis der Kulturbahn nur wenige Meter.
Zwei Stellwerke, eine Anlage
Das sagt der Eisenbahnfan Um das Alter des Stellwerks wissen Eisenbahnfans genau. Matthias Langen, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Württembergische Schwarzwaldbahn Calw (WSB), sagt, es stamme von 1880. Stellwerk 1 befindet sich auf der anderen Seite des Bahnhofs, Richtung Innenstadt. Der Verein hat es mit finanzieller Unterstützung der Stadt hergerichtet und betreibt dort sein Eisenbahnmuseum.
Beide Stellwerke sind rare Überbleibsel des alten Bahnhofs. „Technisch gesehen ist das eine Anlage“, erklärt Langen. Über Drahtzüge seien von dort aus die Weichen und Signale gestellt worden. Bis 1989.
Bereits vor vielen Jahren habe der WSB angefangen, Stellwerk 2 zu sanieren. Es habe ein neues Dach und im Obergeschoss eine neue Außenverkleidung erhalten. „Da ist schon viel Zeit, Vereinsarbeit und Geld rein geflossen.“ Dann kam gewissermaßen Stellwerk 1 dazwischen. Das zweite Stellwerk stehe trotzdem auf der „To-do-Liste“.
Wenn Matthias Langen erzählt, klingt heraus, dass er es unbedingt erhalten möchte. Bei den beiden Stellwerken handele es sich um die ältesten erhaltenen württembergischen Exemplare, die es noch gebe.
Ideen, wie das Stellwerk 2 erhalten bleiben könnte, haben der Verein WSB und Langen schon eine Weile. Auch mit der DB sei er bereits länger in Kontakt, zudem sei die Stadt involviert. Der Plan: Das Gebäude versetzen. „Man hat ja gegenüber die ganzen Parkplätze“, meint Langen. Tatsächlich befinden sich dort zahlreiche Park- und Wohnmobilstellflächen.
Statiker stellt fest, dass Gebäude einsturzgefährdet ist
Ursprünglich habe er den Gedanken gehabt, das gesamte Bauwerk dorthin zu setzen und womöglich sogar die einstigen Schuppen wieder aufzubauen. Platzbedarf: geschätzt 20 auf zehn Meter. Sein Eindruck bei einem Vor-Ort-Termin mit den Beteiligten: „Die Bahn war begeistert, auch die Stadt war ganz angetan.“
Die Entwicklungen Dann kam der Statiker, der feststellte, dass das Gebäude einsturzgefährdet ist. Zumindest das Obergeschoss des Gebäudes ließe sich aber erhalten, meint Langen.
Der Bahnsprecher bestätigt, dass es im Sinne der DB sei, wenn es der Verein bewahren würde. Er erklärt auch, dass die Bahn das Obergeschoss abheben und an den neuen Standort versetzen würde. Dafür sei aber die „behördliche Abstimmung“ nötig. Der Sprecher nennt die Stadt Calw und die Denkmalschutzbehörde – das Stellwerk 2 steht unter Denkmalschutz.
Kurzerhand beriet der Bau- und Umweltausschuss des Calwer Gemeinderats das Thema am 20. März nichtöffentlich.
Das Abstimmungsergebnis ist für Matthias Langen ein Schock. Einen Standort auf dem Parkplatz lehnen die Räte ab. „Da war ich schon am Boden zerstört.“ Er sagt auch: Es gebe bereits eine abgespeckte Variante, für die nur etwa fünf Plätze benötigt wurden. Doch das Gremium habe lediglich den ursprünglichen Plan vorliegen gehabt.
Das sagt der OB „Der Ausschuss ist nach Abwägung aller städtischen Interessen zu dem Entschluss gekommen, dass eine Umsetzung auf städtischem Gelände leider nicht möglich ist“, bestätigt Oberbürgermeister Florian Kling (Stand Mittwoch).
Der vom WSB vorgeschlagene Standort „dient nicht nur als Entlastungsfläche für die Innenstadt und die Sportveranstaltungen der Walter-Lindner-Halle, sondern ist perspektivisch auch als Park & Ride-Parkplatz im Zuge der Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn eingeplant.“
Laut Kling war im Ausschuss von 14 wegfallenden Plätzen die Rede. Doch selbst wenn es nur fünf bis sieben wären, „wäre die dauerhafte Reduktion dieser Fläche aus stadtplanerischer Sicht nicht zu verantworten“. Zumal der Bereich zwischen altem Bahnhof und ehemaligem Postfrachtzentrum langfristig frei zu halten sei, „da dort die Trasse für die geplante Südostumfahrung Calw verlaufen soll“.
Stadt bietet alternative Standorte an
Die Stadt habe dem Verein alternative Standorte angeboten. Unter anderem auf dem städtischen Grundstück, auf dem sich das Stellwerk 1 befindet. „Eine Umsetzung dort wäre möglich, wenn der Bahnwaggon versetzt würde. Dieser steht auf Rädern und könnte ohne großen Aufwand umgestellt oder an anderer Stelle präsentiert werden. Leider wurde diese Lösung vom Verein bisher nicht weiterverfolgt.“
Zugleich hebt der OB hervor, dass sich die Stadt für das „herausragende Engagement“ des WSB bedanke. Und: „Die Stadt bleibt gesprächsbereit.“ Zudem schreibt Kling (Stand Mittwoch), dass sich der Gemeinderat eventuell nochmals mit dem Thema befasst.
Und jetzt? Matthias Langen hat inzwischen ein Schreiben an alle Bauausschussmitglieder und den OB geschickt. Darin erklärt er etwa die abgespeckte Version mit nur einem halbhohen Sockel und dem Obergeschoss des Stellwerks darauf und warum es aus seiner Sicht keinen anderen Standort geben kann.
Und was sagt die Bahn zu einem möglichen Abriss? „So weit sind wir noch gar nicht“, erklärt der Sprecher. „Die beste Lösung wäre das Abheben des Gebäudes“ aus dem Gleisbereich heraus.
Am Donnerstag kommt es zu einem weiteren Termin mit der Bahn
Doch so lange es am Gleis der Kulturbahnstrecke steht, muss es rund um die Uhr kontrolliert werden. Sollte der Mitarbeiter des Fachunternehmens bemerken, dass das Gebäude einzustürzen droht, muss er sich sofort beim Zugverkehrssteuerer (früher Fahrdienstleiter) melden. Dann würde der Bahnverkehr sofort eingestellt. Die Kosten für die Überwachung des Stellwerks beziffert die Bahn auch auf Nachfrage nicht.
Am Donnerstag meldet sich Matthias Langen noch einmal, nach einem weiteren Termin mit der Bahn. Die Botschaft sei gewesen: Das Stellwerk 2 müsse schnell weg von seinem angestammten Platz. Langen erzählt, er solle am kommenden Montag Bescheid geben, ob der Verein es wolle oder nicht. „Zu 99 Prozent werde ich wohl weitergeben, dass das Gebäude abgerissen werden muss.“
Matthias Langen hat einen Film über das Stellwerk 2 gemacht. Zu finden ist sein Video auf dem Youtube-Kanal „WSB-Calw“ sowie unter https://wsb-calw.de/2025/03/die-zukunft-des-stellwerks-2/