Der Tod von Tugce vergangenen November hat eine Welle des Mitgefühls ausgelöst Foto: AP

Schock beim Tugce-Prozess: Ein Anästhesist berichtet von einer schlechten Notfallversorgung bei der jungen Frau. Hätten Ärzte ihren Tod verhindern können?

Darmstadt - Hätten Ärzte den Tod der Studentin Tugce A.bayrak verhindern können? Der Vorsitzende Richter Jens Aßling hat am Freitag im Prozess um den gewaltsamen Tod der 22-Jährigen mit einer unglücklichen Äußerung für Spekulationen gesorgt. Am Morgen des fünften Verhandlungstages teilte Aßling nur knapp mit, ein Anästhesist des Klinikums Offenbach habe bei der Polizei ausgesagt, bei der Notfallversorgung in der Tatnacht „sei nicht alles ganz ordnungsgemäß abgelaufen“.

Der Mediziner habe sich aus eigenem Antrieb in den vergangenen Tagen bei der Polizei gemeldet und darum gebeten, zu den Abläufen im Klinikum in der Tatnacht vernommen zu werden. Nach Aussage des Arztes hätte Tugce angesichts ihrer schweren Schädelverletzungen sofort künstlich beatmet werden müssen. Dies sei nicht unmittelbar geschehen, wie der Anästhesist kritisiert.

Auch bei besserer Versorgung wäre Tugce wohl gestorben

Dass der Arzt in seiner Aussage zu dem Schluss kommt, Tugce wäre wohl auch bei optimaler Notfallversorgung ihren schweren Schädelverletzungen erlegen, erwähnte der Richter nicht. Im Zuschauerraum des Darmstädter Landgerichts kamen daher schnell Fragen auf: Hätten die diensthabenden Mediziner in der Notaufnahme des Offenbacher Klinikums den Tod der Studentin durch gezielteres Handeln verhindern können? Ist Sanel M. (18), nach dessen Schlag Tugce stürzte und sich schwere Schädelverletzungen zuzog, noch zu Recht wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt?

Nach einer Unterbrechung der Verhandlung versuchte Aßling, die Spekulationen zu beenden. „Ich hatte das schon befürchtet“, sagte der Richter. „Die Vermutung, Tugce könnte noch leben, wird durch die Aussage des Anästhesisten nicht gedeckt.“ Laut Aßling betreffe die Aussage des Arztes nicht den Sachverhalt der Tat, über die verhandelt werde. Die Aufarbeitung der Geschehnisse in der Tatnacht des 15. November mutiert immer mehr zu einer historischen Rekonstruktion. Nach fünf Verhandlungstagen haben bereits mehr als zwei Dutzend Zeugen ihre Sicht der Dinge geschildert, wie es zwischen Tugce Albayrak und Sanel M. auf dem Parkplatz der Offenbacher McDonald’s-Filiale zum Streit kam.

Ein Schlag wie bei einem Autounfall

Minutiös lässt sich die Kammer ein ums andere Mal von Zeugen deren Erinnerung schildern, dabei ist die Kernhandlung längst klar und unbestritten. Insgesamt sieben Tatzeugen sprachen am Freitag allesamt von einer sehr unübersichtlichen Situation auf dem Parkplatz, von Beleidigungen aus Tugces und Sanel M.s Clique gleichermaßen. Sanel M.s Schlag hätte niemand von ihnen gesehen. Alle hätten sie aber den Aufprall von Tugces Kopf auf dem Asphalt gehört. „Das war ein Knall, wie wenn ein Auto gegen die Wand fährt“, schilderte ein 23-jähriger ­Student.

Befragt nach dem Wortgefecht unmittelbar vor der Eskalation des Streits, sagte der Zeuge: „Leider kann ich sagen, dass Tugce auf jeden Fall auch beleidigt hat.“ Laut einer Zeugin soll ein Freund von Sanel M. zuvor gesagt haben: „Guckt euch mal die Schlampen an. Wenn das Männer wären, hätte ich die schon längst geschlagen. Aber ich schlage keine Frauen.“ Wer genau den Streit angefangen oder angeheizt habe, das wird sich jedoch auch im weiteren Verfahren wohl nicht eindeutig klären lassen.

Der Angeklagte verfolgte den Prozess am Freitag erneut fast regungslos, immer mit Blick zur Richterbank und weg von den Eltern und den zwei Brüdern von Tugce, die wie bisher an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal saßen.