Die Polizei sichert den Ort weiträumig ab, an dem die Leiche von Susanna gefunden wurde. Foto: dpa

Der mutmaßliche Täter, ein 20-jähriger Iraker, ist festgenommen worden. Doch der gewaltsame Tod der 14-jährigen Susanna ist eine Tragödie, die das Misstrauen gegenüber den Asylbewerbern und dem Rechtsstaat wachsen lässt, kommentiert Matthias Schiermeyer.

Stuttgart/Mainz - Im Alter von nur 14 Jahren ist Susanna aus Mainz Opfer eines Sexual- und Morddelikts geworden. Verdächtig, wenn auch nicht der Tat überführt, ist ein 20-jähriger Iraker, der nun glücklicherweise im Nordirak festgenommen wurde und hoffentlich bald nach Deutschland ausgeliefert wird. Es ist ein besonders berührendes Schicksal – und eine Tragödie, die das Misstrauen wachsen lässt: Schon der Gedanke, die eigene, nur zwei Jahre ältere Tochter könnte sich mit Asylbewerbern anfreunden, löst mittlerweile Unbehagen aus. Es ist ein inhumaner Gedanke, befördert von einer zutiefst unmenschlichen Tat.

Köln, Freiburg, Kandel und jetzt Wiesbaden – schon wieder so ein Fall, der die Volksseele gegen die Politik der offenen Grenzen aufbringt und der das Bild eines von der Zuwanderung überforderten Staatsapparats festigt. Es ist ein weiterer Tropfen, der das vom Bamf-Skandal bis an den Rand gefüllte Fass wieder einmal zum Überlaufen bringt. Besonders zu denken gibt, dass Flüchtlinge und Gewalt immer häufiger im Kontext gedacht werden. Doch wer so tickt, geht den Rechtspopulisten auf den Leim und tut der großen Zahl an fremden Menschen Unrecht, die in Deutschland nur ihren Frieden suchen.

Hohe Anfälligkeit für Kriminalität bei jungen Männern

Gewiss, die Zahl der tatverdächtigen Flüchtlinge bei Tötungsdelikten ist seit 2014 deutlich gestiegen. Zudem gibt es in diesem Kreis einen Zuwachs an Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Doch hat es zugleich einen großen Zuwachs an Zuwanderern in dieser Zeit gegeben. Junge Männer zwischen 14 und 30 Jahren sind den Statistiken zufolge generell anfälliger für Kriminalität – junge Asylbewerber ohne Bleibeperspektive wie der 20-jährige Iraker sind es erst recht. Hier muss der Staat ansetzen, indem er die Integrationswilligen fördert und die Unwilligen so konsequent wie möglich aussortiert.

Differenzieren ist das Gebot der Stunde. Man darf nichts relativieren, aber auch nicht Pauschalurteile fällen. Statt Instrumentalisierung muss Besonnenheit gelten. Auch die Volksvertreter sollten der Versuchung widerstehen, aus der grausigen Tat parteipolitische Vorteile ziehen zu wollen. „Typisch“ sei der Wiesbadener Fall für unsere Sicherheitsbehörden, sagt der sonst so vernünftige Liberale Alexander Graf Lambsdorff. Es gebe zu viele Lücken im System – „seit Langem verantwortet von der CDU“. Solche Urteile sind nicht nur vorschnell, sondern auch weltfremd – als ob irgendein FDP-Minister das Risiko einer solchen Bluttat verringern könnte.

Keine Scheu vor der Fehleranalyse

Nun stellen sich in der Tat bohrende Fragen an die Polizei: Hätte dem gewaltbereiten Iraker nicht schon vorher mehr Augenmerk geschenkt werden müssen? Hätte die Suche nach Susanna infolge der Vermisstenmeldung durch ihre Mutter nicht intensiver betrieben werden müssen? Warum konnte die achtköpfige Großfamilie des Irakers ohne Klärung ihrer Identitäten ein Flugzeug besteigen – ohne Abgleich von Ticketnamen und Aufenthaltsgenehmigung? Dies alles muss ohne Scheu vor der Fehleranalyse aufgeklärt werden.

Schwach steht der Rechtsstaat wieder einmal da, weil die Asylverfahren so lange dauern – weil sich Betroffene mit Gründen, die offensichtlich aus der Luft gegriffen sind, gegen eine Ablehnung wehren können. Denn wie konnte der Iraker argumentieren, ihn würde in der Heimat Folter erwarten – wenn er mit den Angehörigen dorthin ausgereist ist? Die Abschiebungsdebatte erhält damit weiteren Zündstoff.

Staat darf nicht wehrlos erscheinen

Eine offene demokratische Gesellschaft wie die unsrige darf jungen Flüchtlingen, die in patriarchalischen Strukturen und Polizeistaat-ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, nicht als wehrlos erscheinen. Dies würde ihren Spielraum für Gewaltbereitschaft erweitern. Mit Härte allein lässt sich das Bewusstsein aber auch nicht verändern. Den Eingliederungsbereiten muss die Politik bessere Angebote machen als nur die Ansage, dass sie in einem sogenannten Ankerzentrum auf ihre Ausweisung warten sollen.

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