Die Betrüger-Nachrichten wirken teils täuschend echt. Foto: Imago/Guido Schiefer

Was ist echt, was ist falsch – in der digitalen Welt ist das zunehmend schwer zu unterscheiden. Mit tiefgreifenden Folgen für die reale Welt. Es braucht Mut, da wieder herauszufinden.

Das Schicksal einer Rentnerin aus dem Landkreis Ludwigsburg, die rund 650.000 Euro an international agierende Betrüger verloren hat, hat diese Woche viele unserer Leserinnen und Leser bewegt. Und während die einen sich fragen: „Wie kann man auf so etwas hereinfallen?“, stellen sich die anderen, die ein Stück weit ehrlicher mit sich selbst sind, die Frage: „Hätte mir das auch passieren können?“

 

Realistischerweise muss man sagen: Zunehmende Digitalisierung und wachsender Einsatz künstlicher Intelligenz erleichtern uns nicht nur das Alltagsleben, sondern auch Kriminellen das Betrügen. Eine falsche Telefonnummer auf dem Display des Angerufenen erscheinen zu lassen? Kinderspiel. Prominente Persönlichkeiten oder deren mit KI erzeugte Avatare vor aller Augen und Ohren Dinge sagen zu lassen, die die echten Menschen so nie ausgesprochen haben? Kein Problem. Gefakte Videos und gefakte Fotos, welche Dinge zeigen, die nie passiert sind, begegnen Usern massenhaft im Netz. Und erzeugen ein echtes Problem: Wir können unseren Ohren nicht mehr trauen und unseren Augen auch nicht.

Zugegeben: Manche der Fakes sind leicht zu durchschauen – noch. Andere sind schon einen Schritt weiter, und es ist praktisch unmöglich festzustellen, was real ist und was am Computer generiert wurde. Man sollte sich da keinen Illusionen hingeben. Die Technik entwickelt sich immer weiter. Und man kann davon ausgehen, dass Kriminelle immer einen Schritt voraus sind. Auch deshalb, weil sie im Gegensatz zu Polizei oder Staatsanwaltschaft praktisch ungehindert und auf der ganzen Welt grenzenlos agieren können – frei von Vorgaben des Datenschutzes oder anderen rechtlichen Beschränkungen.

Was hingegen echt ist, ist der Betrug und seine Folgen. Und die gehen weit über den Geldverlust hinaus, wie hoch dieser auch im Einzelfall sein mag. Denn wie kann man anderen Menschen noch vertrauen; wie kann man, wie die Rentnerin aus dem Kreis Ludwigsburg, weiter hilfsbereit und großzügig sein, wenn Hilfsbereitschaft und Vertrauen so ausgenutzt wurden? Wie schafft man die richtige Balance zwischen gesundem und übertriebenem Misstrauen?

Hinzu kommt die Scham, auf den Betrug hereingefallen zu sein. Dabei sind die Einzigen, die sich schämen müssten, die Betrüger. Falsche Scham der Opfer ist der Grund dafür, dass die meisten Fälle gar nicht erst angezeigt werden. Doch das führt dazu, dass die Gauner weiterhin unerkannt und ungehindert agieren können und manche Opfer unwissentlich zu Mittätern werden, indem ihre Konten zur Geldwäsche genutzt werden.

Um so wichtiger ist es, als Opfer an die Öffentlichkeit zu gehen. So, wie es die Rentnerin aus dem Kreis Ludwigsburg gemacht hat. Als Warnung für andere, aber auch, um weiteren Betrug wenigstens ein Stück weit einzudämmen. Das erfordert Mut. Dieser Mut ist echt – und verdient Respekt.