Am zweiten Prozesstag zum Vorwurf des versuchten Mordes in Tamm lag der Fokus auf der Zeit vor und nach den Schüssen. Die Angeklagten scheinen recht unvorsichtig gewesen zu sein.
Nach dem aufregenden Start in den Prozess um Schüsse in Tamm, ging es am zweiten Tag gesitteter zu. Die Staatsanwaltschaft wirft zwei Niederländern vor, gemeinschaftlich versucht zu haben, einen Mann in Tamm auf offener Straße zu töten.
Der Hauptangeklagte hatte am ersten Verhandlungstag die Tat eingeräumt, eine Tötungsabsicht aber verneint. Ob die vorlag, konnte der zweite Verhandlungstag auch nicht klären, aber es wurde durch Zeugen ein genaueres Bild von der Tat gezeichnet und davon, wie schockiert die Kleinstadt im Kreis Ludwigsburg von den Schüssen auf offener Straße im Wohngebiet war und immer noch ist.
Tamm wurde wohl eher zufällig Schauplatz eines größeren Konflikts von zwei Security-Firmen, bei dem vor Gewalt und Einschüchterungen nicht zurückgeschreckt wurde. Nur weil das Opfer aus Stuttgart bei seiner Schwester in Tamm Unterschlupf suchte, lauerten ihm wohl die niederländischen Beschuldigten G. (28 Jahre) und B. (27 Jahre) dort auf.
Am zweiten Prozesstag am Landgericht Heilbronn wurden am Freitag mehrere Polizeibeamte und zivile Zeugen gehört. Jeweils Teile der gesamten Tat wurden dabei genauer beleuchtet. Vom Anmieten des Tatautos in Aachen über die Reise nach Tamm bis hin zu den Schüssen und der Flucht.
Opfer verliert Unterschenkel
Das Gesamtbild der Zeugenaussagen: Zwei Männer und ein unbekanntes Auto waren in der Nachbarschaft in Tamm unterwegs. Am 11. Mai bedrohten sie ihr späteres Opfer mit einer Waffe, am 12. Mai kam es zu mehreren Schüssen, teilweise wohl aus nächster Nähe. Das Opfer wurde von vier Kugeln getroffen und so schwer verletzt, dass ein Unterschenkel amputiert werden musste.
Zwischen vier und acht Schüsse hatten am frühen Abend des 12. Mai mehrere Zeugen gehört. Die Angaben variieren jedoch. Bevor das Opfer aus nächster Nähe angeschossen wurde, versuchte es, dem Täter zu entkommen.
Zeugin schildert Flucht
Die Verfolgungsjagd hat eine Zeugin teilweise mitbekommen. Von ihrem Grundstück aus sah sie zwei Menschen sehr schnell vorbeilaufen. Ob eine Waffe im Spiel war oder wie sie genau aussahen, konnte sie aber nicht sagen: „Die sind so schnell entlang geflitzt“, sagte die 56-Jährige.
Andere Zeugen schilderten dann, wie nach den Schüssen ein dunkler VW Polo/Golf oder Seat Ibiza aus Tamm heraus raste, mit deutlich höherer Geschwindigkeit als den erlaubten 20 oder 30 Kilometern pro Stunde. Scharf bremsen mussten deswegen einige Autofahrer, die sich daran gut erinnern konnten.
Eine Zeugin war mit ihrem Rad unterwegs und wäre fast von dem mutmaßlichen Fluchtauto erwischt worden. „Ich habe deswegen lange unter Angst gelitten“, erzählte die 60-Jährige.
Da sich einige Zeugen Teile des Nummernschildes merken konnten, hatte die Polizei schnell die Spur einer Autovermietung in Aachen. Mittels Handyortung und Überwachungskameras kamen die Ermittler auf die beiden Angeklagten. Die hatten sich nämlich am 11. Mai ein Auto gemietet – mit ihren echten Personalien.
Sie wussten auch nicht, dass sie als Ausländer viel mehr für das Anmieten zahlen müssen, konnten die 1500 Euro aber in bar aufbringen. Dank Handydaten ließ sich ihr Weg nach Tamm und wieder zurück nach Aachen genau dokumentieren.
Die Überwachungskameras belegten auch, dass der zweite Angeklagte bei den Schüssen nicht vor Ort gewesen sein konnte – kurze Zeit zuvor hat ihn die Kamera bei der Autovermietung in Aachen gefilmt. Das deckt sich mit den Angaben der Angeklagten.
Die verfolgten den zweiten Prozesstag ohne selbst etwas zu sagen, ab und an wurden aber böse Blicke mit dem Opfer und Nebenkläger gewechselt. Im Zuschauerbereich blieb es diesmal ruhig.
Der „Frost“-Komplex
Anschlag
Der aktuelle Fall steht gemeinsam mit zwei anderen Taten am Anfang eines Konflikts zwischen zwei konkurrierenden Security-Unternehmen. Seit Ende April 2025 fallen immer wieder Schüsse, werden Autos angezündet, kommt es zu Gewalttaten. Die beiden Angeklagten sind die ersten Verhaftungen der Sonderkommission „Frost“. Die mutmaßlichen Auftraggeber hinter der Tat sitzen mittlerweile selbst im Gefängnis.
Korruption
Im November wurde aus dem Konflikt ein Korruptionsskandal: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn ermittelte gegen mehrere Mitarbeiter der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, die gegen Schmuck und Bargeld unbefugt Informationen weitergegeben haben sollen. Gegen zwei Angestellte ist wegen Verletzung von Dienstgeheimnissen und Bestechlichkeit mittlerweile Anklage erhoben worden.