Wenn ein alter Mensch stürzt, kann das dramatische Folgen haben. Bei einer 83-Jährigen ist es noch glimpflich ausgegangen. Sie hatte über den Hausnotruf Hilfe geholt. Die Zeit, bis jemand bei ihr war, kam ihr quälend lange vor.
Der Großteil der Wunde am Arm ist verheilt. Doch das eine ist der Körper, das andere die Seele. An einem Mittwoch im August ist Doris Söhner in ihrer Wohnung im Betreuten Wohnen gestürzt. Um 6 Uhr fand sie sich auf dem Küchenboden wieder. Hilflos dazuliegen, ist der Albtraum vieler. „Ein Albtraum“ war es auch für die Stuttgarterin. Sie hatte starke Schmerzen, sei aber nicht lebensgefährlich verletzt gewesen. Die Pflegebedürftige drückte um 6.17 Uhr den Notknopf am Handgelenk und war mit der Hausnotrufzentrale des ASB-Regionalverbands Stuttgart verbunden.
„Wir schicken Ihnen sofort Erste Hilfe“, habe es geheißen. Die Seniorin nahm an, jemand aus dem Pflegestützpunkt im Haus komme zu ihr und dass es nun schnell geht. Das Betreute Wohnen ihrer Seniorenresidenz ist vergleichsweise gut pflegerisch versorgt, fast rund um die Uhr. Ausnahme laut dem Träger der Einrichtung: die Zeit von 5.30 bis 7.30 Uhr. Weshalb sich an jenem Morgen jemand aus der Hausnotrufzentrale auf den Weg machte: von Feuerbach quer durch die Stadt nach Sillenbuch.
Wer ist besonders gefährdet zu stürzen?
Laut Bundesgesundheitsministerium stürzen etwa 30 von 100 Menschen über 65 Jahre, die zu Hause leben, einmal im Jahr. Bei Menschen in Pflegeeinrichtungen seien es 50 von 100 pro Jahr. Besonders gefährdet seien Personen, die sich wenig bewegen. Vor allem Knochenbrüche an der Hüfte oder am Oberschenkel können ernsthafte Komplikationen nach sich ziehen. Das macht Einrichtungen wie den Hausnotruf für Pflegebedürftige, aber auch Angehörige, attraktiv. Verschiedene Träger bieten diesen an. Das Versprechen: dass man sich weiter sicher fühlen könne zu Hause, weil man im Notfall Alarm schlagen kann. Doch was bedeutet eigentlich „schnellstmögliche Hilfe“, die zum Beispiel der ASB auf seiner Internetseite verspricht?
Was heißt „schnellstmögliche Hilfe“?
Zunächst einmal, dass der direkte Sprechkontakt zur Hausnotrufzentrale erfolgt, der den Hilfebedarf mündlich ermittelt. Doch ist das bei Stürzen so einfach möglich? Der Pflegeexperte Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat da Zweifel: „Jemand kann im Schock sein.“ Beim ASB versichert man, dass es gut funktioniere. Die Mitarbeitenden seien geschult, auch im Umgang mit Patienten unter Schock, so Andreas Freytag, Bereichsleiter Hausnotruf beim ASB. Wenn nötig, rufe man den Rettungsdienst. Doch für reine Hilfeleistung nach einem Sturz sei dieser nicht da. Das könne im Nachgang eine „saftige Rechnung“ für die gestürzte Person nach sich ziehen. Teils kontaktiere man zudem hinterlegte Personen, damit diese zu Hilfe eilen.
Wann kommt die Fahrbereitschaft?
Das kommt darauf an, wie viel der Kunde zahlt: ob er den Basistarif gebucht hat oder Zusatzleistungen. Der Bereitschaftsdienst ist eine Zusatzleistung. Im Paket der Bewohner der Seniorenresidenz in Sillenbuch ist die Fahrbereitschaft mit drin. Aber – und diese Erfahrung hat nun Helga Söhner gemacht: So schnell wie ein Rettungsfahrzeug kann diese nicht sein. Da gebe es teils falsche Erwartungen, so Freytag. „Wir sind an die Verkehrsregeln gebunden und dürfen keine Sondersignale einsetzen“, betont er, das gelte auch für die Mitbewerber. Es kommt auf die Verkehrslage an, wie schnell ein Helfer vor Ort sein kann. Bei Stau steckt auch er fest.
Wie lange braucht der Fahrdienst?
Sie garantierten keine Reaktionszeiten, aber sie hätten interne Zielvorgaben, sagt Freytag. In 30 Minuten wollten sie den Kunden bei normaler Verkehrslage erreichen. Betroffene können auch diese Zeit als sehr lange empfinden: Doris Söhner hat an dem Morgen noch zweimal ihren Notknopf am Arm gedrückt. Sie rief zudem auf der Pflegestation im Haus an, doch der Pfleger am Apparat durfte die Station aus Besetzungsgründen nicht verlassen. „Gegen 7 Uhr“, so die Seniorin, um 6.53 Uhr laut Dokumentation, dann die Erlösung: Der Helfer war da, um die erschöpfte Frau in ihr Bett zu legen. 36 Minuten waren seit dem ersten Alarm vergangen. Das eigene Ziel sei also trotz der langen Strecke nur knapp verfehlt worden, so Freytag.
Was sollten Angehörige noch beachten?
Sie sollten nicht nur genau prüfen, was für welchen Tarif geboten wird, sondern auch vor der Installation ausführlich mit dem pflegebedürftigen Menschen sprechen. Denn wenn diese nicht mitziehen, bringt es nichts. Diese Erfahrung hat zum Beispiel eine 63-jährige Stuttgarterin gemacht, die diesen Sommer ein Gerät eines anderen Dienstleisters bei ihrer Mutter installieren ließ. Das Problem: Ihre Mutter trug das Armband nicht. Auch nicht, als sie stürzte. An die zwölf Stunden, schätzt die Tochter, habe ihre Mutter auf dem Boden gelegen, bis der Pflegedienst die unterkühlte, schwerst verletzte 93-Jährige fand. Das Notrufarmband fand die Tochter später im Bad.
Sorge vor Stigmatisierung
Andreas Freytag hört immer wieder von Interessenten, sie fühlten sich stigmatisiert durch das Armband. Manche empfänden sich selbst als „noch nicht so alt“, dass sie das bräuchten. Der Bereichsleiter Hausnotruf beim ASB empfiehlt Angehörigen, „wiederholt und geduldig“ mit dem oder der Pflegebedürftigen zu sprechen. Schließlich könne der Knopf am Arm Mut geben für Aktivitäten, die sich ältere Menschen sonst nicht mehr zutrauten.
Doris Söhner muss jedoch erst wieder Vertrauen fassen. Sie ist seit ihrem Sturz weniger aktiv. Sie wisse, dass sie sich bewegen müsse. Aber die Angst vor dem nächsten Sturz hindere sie daran, dies zu tun.
Die Pflegekasse gibt einen Zuschuss
Zuschuss
Es gibt auch in Stuttgart zahlreiche Träger, die Hausnotrufe anbieten, darunter auch das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter und die Malteser. Je nach Tarif gibt es unterschiedliche Leistungen. Pflegebedürftige erhalten von der Kasse 25,50 Euro im Monat als Zuschuss. Damit ist in der Regel der Basis-Tarif abgedeckt.
Zahlen
Allein in Stuttgart hat der ASB-Hausnotruf des Regionalverbands Stuttgart 1500 Kunden, landesweit sind es 7200 Anschlüsse. Pro Tag gingen innerhalb von 24 Stunden 200 Alarme aus ganz Baden-Württemberg ein. Die Wetterlage habe großen Einfluss, so Bereichsleiter Andreas Freytag. Besonders hoch seien die Alarmzahlen immer in der ersten Hitzewelle im Jahr. In Stuttgart rücke die Fahrbereitschaft im Schnitt zweimal am Tag aus.
Rückmeldung
Nennenswerte Beschwerden über den Hausnotruf sind weder bei der Verbraucherzentrale noch beim Stadtseniorenrat eingegangen, wie auf Anfrage jeweils berichtet wird. vv