Ein Blick in die Vergangenheit: Was hat sich verändert in Sachen Bauland, Löhne, Scheidungen? Foto: Maria Pichlmaier

Diskussionen zwischen Generationen finden immer statt. Ein Haus in der Toskana, zwei Autos: Wie können sich das die Baby-Boomer leisten? War früher alles besser? Ein Blick in die Daten.

„Früher war alles besser“ – das ist ein Satz, den man oft hört, wenn ältere Generationen übers Bauen, steigende Lebensmittelpreise oder die Arbeitsmoral sprechen. Und auch als junger Mensch ertappt man sich angesichts explodierender Immobilienpreise und der anhaltenden Inflation dabei, sich frühere Zeiten zurückzuwünschen.

 

Doch war früher wirklich alles besser? In Baupreisen, Gehältern oder Arbeitslosenzahlen steckt ein Teil der Antwort. Lässt sich dieser oft gehörte Satz statistisch belegen?

Bruttolöhne

Der monatliche Bruttoverdienst von Arbeitnehmenden ist in den letzten 25 Jahren fast kontinuierlich angestiegen. 2009 erlebte die deutsche Wirtschaft mit der Finanzkrise den stärksten Einbruch der Nachkriegszeit. Stark getroffen hat das vorübergehend den Kreis Böblingen – vor allem aufgrund der dort ansässigen Automobil- und Zulieferindustrie. Dass sich die Wirtschaft danach so schnell erholt hat, lag an Kurzarbeits- und Konjunkturprogrammen.

Im Jahr 2005 ergriff DaimlerChrysler in Böblingen mehrere Maßnahmen, die sich auf die Bruttolöhne der Beschäftigten auswirkten. Dazu gehörten der freiwillige Verzicht einer Lohnerhöhung und ein Stellenabbau unter anderem in Sindelfingen.

Oliver Sievering ist Professor an der Hochschule für öffentliche Finanzen in Ludwigsburg. Foto: Benjamin Stollenberg

2020 folgte ein zweiter Einbruch aufgrund der Corona-Pandemie. Und auch derzeit kämpfen die Automobilhersteller und -zulieferer in den Kreisen. Beispiele dafür sind der Stellenabbau von Bosch an den Standorten Leonberg, Renningen und Schwieberdingen oder die Schließung des Feintool-Werks in Sachsenheim. „Der hiesige Automobilmarkt befindet sich in einer ernsten Restrukturierungsphase. Ich glaube, dass die Unternehmen sich wieder erholen können; die goldenen Jahre, mit den sehr hohen Profiten und Stellenzuwächsen wie noch vor wenigen Jahren, sind aber erst einmal vorbei“, sagt Oliver Sievering, Professor an der Hochschule für öffentliche Finanzen Ludwigsburg. Gleichzeitig prognostiziert er, dass die Löhne künftig weiter steigen – weil Babyboomer den Arbeitsmarkt verlassen und sich das Arbeitsangebot verknappt.

Die Kaufkraft, also die Menge an Gütern, die sich Menschen mit einer bestimmten Menge Geld kaufen können, und die über Jahre mehr oder weniger kontinuierlich zugenommen hat, ist in den Jahren 2020 bis 2023 deutlich gesunken, steigt aber wieder an. „Die meisten Waren zwischen 1970 und heute sind für Verbraucher erschwinglicher geworden – besonders technische Produkte wie Waschmaschinen oder Kühlschränke – doch gerade Lebensmittel sind seit 2020 überdurchschnittlich teurer geworden, was insbesondere ärmere Haushalte belastet“, sagt Sievering.

Arbeitszeit sinkt

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Arbeitszeit gesunken ist. Geht man davon aus, dass Arbeitnehmende im Schnitt 25 Tage Urlaub haben, durchschnittlich etwa zehn Arbeitstage für Feiertage und fünf Tage wegen Krankheit wegfallen – dann wurde im Südwesten 2021 rund 32 Stunden pro Woche gearbeitet. Das zeigt eine Abnahme von etwa zwei Stunden pro Woche zum Anfang der 2000er. Dabei handelt es sich um Durchschnittswerte, die durch den hohen Anteil von Teilzeitkräften gesenkt werden – was auch damit erklärt werden kann, dass über die letzten Jahre hinweg mehr und mehr Frauen arbeiten gehen, die noch immer den Großteil der Minijobber darstellen.

Es zeigt sich auch: Im Kreis Böblingen war das Arbeitsvolumen schon immer deutlich höher als etwa im Enzkreis und auch der Landesschnitt.

Baupreise

„Die Preise für den Quadratmeter Bauland sind bundesweit um 121 Prozent angestiegen in den letzten zehn Jahren“, sagt Isabell Bilger von Haus und Grund Region Ludwigsburg. Dass Bauland heute sehr viel teurer sei als früher, zeige sich auch im Landkreis Ludwigsburg. Die Gründe dafür seien die hohe Nachfrage und die Knappheit von Bauland.

Isabell Bilger (rechts) ist seit 2020 die Geschäftsführerin von Haus und Grund Region Ludwigsburg. Foto: Andreas Essig

Damit sind die Preise für Bauland deutlich stärker angestiegen als die von Immobilien. Doch auch die sind über die Jahre deutlich kostspieliger geworden: Neue Immobilien sind doppelt so teuer geworden, bestehende Immobilien sogar um 60 Prozent teurer. „Das unterstreicht eine anhaltend hohe Nachfrage nach Wohnraum, egal ob Neubau oder Bestand“, erklärt Bilger. „Die Knappheit der Bauflächen ist also ein zentraler Preistreiber.“ Wie die Grafik zeigt, ist Bauland in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen über die Jahre hinweg doppelt so teuer gewesen wie im Landesschnitt. Für den Einbruch im Kreis Böblingen zwischen 2018 und 2021 finden Experten keine Erklärung.

Preislich gebe es einen großen Unterschied zwischen Städten und Land: „Haushalte werden zunehmend ins Umland verdrängt“, sagt Bilger. Wird der schwäbische Traum vom Häusle bauen dadurch unattraktiver? Zwei Drittel aller Wohngebäude seien im Landesschnitt Einfamilienhäuser. Im Kreis Böblingen und dem Enzkreis stehen mit 62 und 67 Prozent noch mehr Einfamilienhäuser. Bundesweit zeichne sich zwar ein negativer Trend bei der Eigentumsquote ab, aber in Baden-Württemberg ist diese Entwicklung nicht so drastisch, sagt Bilger. „Das Eigenheim hat hierzulande weiterhin einen hohen Stellenwert.“

Arbeitslosigkeit

Der Anteil der Arbeitslosen entwickelt sich in allen Landkreisen rückläufig – und bleibt weiter unter dem Landesschnitt. Die zwischenzeitliche Spitze im Jahr 2005 kam laut einer Sprecherin der Agentur für Arbeit Ludwigsburg durch eine Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zustande, sodass rechnerisch mehr Menschen zu den registrierten Arbeitslosen zählten als zuvor.

Die Anstiege der Arbeitslosenquote in den Jahren 2009 und 2020 kamen durch die Finanzkrise und Pandemie zustande. Dass der Anteil Arbeitsloser seit 2022 gestiegen ist, lässt sich mit schwachem Wirtschaftswachstum und der hohen Zuwanderung von Menschen aus dem Ausland erklären, die in die Statistik zählen, sich aber teilweise noch in Integrationskursen oder anderen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen befinden. Außerdem haben viele Arbeitgeber aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit bestehende Stellen gekürzt und weniger neue Stellen ausgeschrieben.

Pkw-Dichte

Über viele Jahre stieg die Zahl der Pkw in den Kreisen – und das obwohl die Politik die Emissionen im Verkehrssektor durch weniger motorisierten Individualverkehr und mehr nachhaltige Mobilität senken will. Die meisten Autos pro Kopf sind im Enzkreis zugelassen. Über die Jahre ist der Anteil angestiegen, wenn sich auch seit 2021 ein kleiner Rückgang zeigt.

Von 2007 auf 2008 ist die Anzahl an Autos stark abgesunken – zur Zeit der weltweiten Finanzkrise. Da Neuwagen oft finanziert werden, war das in der damaligen Wirtschaftslage für viele Bürger keine Option.

Unfälle

Während die Anzahl an Autos also steigt, sinkt die Zahl der Menschen, die bei Unfällen im Straßenverkehr verunglücken. Als verunglückt gilt dabei, wer verletzt wird oder stirbt. Wie oben zu sehen, sind im Kreis Böblingen mehr Autos unterwegs, was die höhere Zahl an Unfällen erklärt.

Während der weltweiten Finanzkrise, bei der weniger Autos verkauft wurden, sind damals auch weniger Unfälle passiert. Und auch zur Zeit der Corona-Pandemie haben sich weniger Menschen im Straßenverkehr verletzt – weil es wegen Ausgangsbeschränkungen und Lockdowns weniger Verkehr gab. Der Rückgang liegt laut Statistischem Bundesamt an mehreren Gründen: rechtliche Regelungen zur Geschwindigkeitsbegrenzung und zur Blutalkoholkonzentration, verbesserte Fahrzeugtechnik und straßenbauliche Maßnahmen.

Unternehmensinsolvenzen

Insgesamt scheint sich die wirtschaftliche Lage von Unternehmen in den drei betrachteten Kreisen in den vergangenen 15 Jahren verbessert zu haben. Dass in den Jahren nach Beginn der weltweiten Finanzkrise die meisten Insolvenzen von Unternehmen zu sehen sind, ist wenig überraschend. So seien gerade kleinere oder mittlere Unternehmen, wie es sie im Südwesten häufig gibt, stärker von der Finanzkrise betroffen gewesen, sagt ein Unternehmensberater aus Böblingen. „Wenn kleinen oder mittelgroßen Unternehmen Lieferanten oder Dienstleister in wirtschaftlichen Krisenzeiten wegbrechen, trifft sie das viel stärker als Großkonzerne.“

Während der Corona-Pandemie sei die Zahl der Unternehmen, die Insolvenz angemeldet haben, nur deshalb leicht angestiegen, weil der Staat damals den Unternehmen Geld zur Verfügung stellte, um die laufenden Kosten weiterhin zu decken.

Im Enzkreis gebe es viele kleinere Gewerbegebiete und keine Großindustriegebiete mit entsprechend hohen wirtschaftlichen Beiträgen, erklärt der Wirtschaftsbeauftragte aus dem Enzkreis, Jochen Enke. Das Gewerbe konzentriere sich dabei eher auf das produzierende Gewerbe. „Statt der ursprünglich vorherrschenden Schmuckindustrie sind heute in Folge der Transformation viele Betriebe im Zuliefererbereich tätig.“ Und die husteten zuallererst, wenn Daimler, Bosch und Co Schnupfen bekämen, sagt Enke.

Stickstoffbelastung in landwirtschaftlichen Böden

Stickstoffüberschuss in landwirtschaftlichen Böden entsteht beim Düngen, sei es mit natürlichem oder künstlichem Dünger, erklärt Martin Bach, Agrarwissenschaftler der Universität Gießen. Mit seinem Team beschäftigt er sich seit 15 Jahren mit dem Stickstoffüberschuss im Boden. Überschüssiger Stickstoff lässt den Nitratgehalt im Grundwasser steigen. Zudem verändert der Stickstoffgehalt den Boden und führt zur Versauerung – also einem niedrigeren pH-Wert, der das Wachstum von Pflanzen beeinträchtigt.

Die hohen Werte in den Jahren 2003 und 2018 erklärt sich Bach mit der Trockenheit: „Wird gedüngt wie immer, aber weniger geerntet, bleibt mehr Stickstoff im Boden.“ Denn der Stickstoffüberschuss berechnet sich aus der Summe des Stickstoffs im Düngemittel und dem in der Ernte.

Der Agrarwissenschaftler Martin Bach. Foto: privat

„Die Unterschiede der Stickstoffmenge in den Kreisen sind oft auf ein höheres Vorkommen von Nutztieren zurückzuführen“, erklärt der Agrarwissenschaftler. Das sei eine rein wirtschaftliche Rechnung: Denn wer Tiere halte und Boden bewirtschafte, nutze als Dünger die Gülle der Tiere – und dünge demzufolge in der Regel stärker als jemand, der Dünger zukaufe. Der neue Landwirtschaftsminister Rainer plant das Düngegesetz zu überarbeiten und die Stoffstrombilanzverordnung zu streichen. Sie verpflichtet Landwirte zu dokumentieren, welche Nährstoffe – zum Beispiel Dünger – sie auf ihrem Hof einsetzen. Damit sollen die Nitratwerte im Grundwasser gesenkt werden. Bauern kritisieren die Vorgaben als praxisfern.

Scheidungsrate

Anders als man möglicherweise annehmen könnte, geht der Trend der Scheidungen in den letzten Jahrzehnten trotz lokaler Anstiege zurück. Während es im Landkreis Ludwigsburg 2003 beispielsweise knapp drei Scheidungen je 1000 Einwohner gab, sind es 2022 nur noch 1,78 gewesen.

Gründe für den Rückgang der Scheidungen sind laut Statistischem Landesamt insbesondere, dass sich die Einstellung zum Heiraten verändert hat. So ist die Ehe heute kein Muss mehr, sondern eine Möglichkeit. „Dass die Scheidungshäufigkeit vor allem in den ersten Ehejahren zurückgegangen ist, spricht auch dafür, dass in den letzten Jahren ‚bewusster’ geheiratet wurde“, so eine Sprecherin. Heute sind Paare deutlich älter, wenn sie heiraten – und mit höherem Heiratsalter nimmt das Scheidungsrisiko tendenziell ab.

Die Zahlen zeigen: Nicht alles war früher besser – aber auch nicht alles schlechter. Während die Preise für Bauland tatsächlich stark angestiegen sind und sich die Menschen in den letzten zehn Jahren weniger leisten können, gibt es genauso gute Nachrichten: So steigen auch die Löhne, weniger Menschen sind arbeitslos, den landwirtschaftlichen Böden geht es besser und es passieren weniger Unfälle mit Verletzten im Straßenverkehr.