Foto: Hess Natur

Früher gab es fair produzierte Kleidung nur in Weltläden. Heute ist sie richtig modisch.

Stuttgart - 98 Prozent ihrer Umsätze verdient die deutsche Bekleidungsbranche mit Produkten aus internationaler Herstellung. Diese Zahl nennt Jürgen Dispan in seiner Branchenanalyse "Bekleidungswirtschaft" aus dem Jahr 2009, erstellt im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Nicht nur Rohstoffe wie Baumwolle, Leinen, Zellulose und Seide stammen aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Seit den 1970er Jahren werden auch immer mehr der bis zu 100 Produktionsschritte hin zum fertigen Kleidungsstück ins außereuropäische Ausland verlagert und als Dienstleistung eingekauft. Kostenoptimierung heißt der Slogan.

Den Zuschlag der Textilkonzerne bekommt, wer billig ist. So billig, dass er Hungerlöhne zahlt und Arbeitskräfte ausbeutet. Nach Angaben der Organisation Clean Clothes Campaign (CCC) betragen die Lohnkosten für die Herstellung eines T-Shirts vom Endpreis ein Prozent. Bedenken, die Kleiderpreise würden sich durch eine faire Bezahlung der Arbeiter drastisch erhöhen, sind daher wohl kaum begründet.

Leidtragende dieses globalen Wettbewerbs, der sich durch das Auslaufen des Welttextilabkommens der Welthandelsorganisation (WTO) vor sechs Jahren und durch die Vernetzung via Internet massiv verschärfte, sind die Arbeitskräfte in Niedriglohnländern wie Marokko, China, Bangladesch und Indien. Kinderarbeit auf Baumwollfeldern, Vergiftungen durch Pestizide, sogar mit Todesfolge, eine Arbeitswoche von mehr als 60 Stunden in Nähfabriken ohne Sicherheitsvorkehrungen und Löhne, die nicht zum Leben reichen, sind die Schattenseiten der billigen Herstellung.

Die Nachfrage nach fair hergestellten Textilien steigt

Aufgeklärte Konsumenten wissen das. Doch wer denkt schon daran, wenn einem beim Schaufensterbummel eine Jeans, ein Mantel oder ein Paar Sneakers gefällt? Dabei gibt es auch Kleidung, die zu fairen Produktionsbedingungen entstanden ist. Bis vor wenigen Jahren fand man sie vor allem in sogenannten Weltläden, aber auch bei Handelsketten wie Hess-Natur, Waschbär oder Alnatura. Durch den Trend zu nachhaltigem Konsum und begünstigt durch die neuen Möglichkeiten durch den Online-Handel spezialisieren sich seit einiger Zeit zunehmend junge Firmen auf Kleidung, die nicht nur modisch ist, sondern auch guten Gewissens getragen werden kann.

So zum Beispiel Glücksstoff aus Kornwestheim. Daniela Lehle, an der privaten Modeschule Holzenbecher in Stuttgart ausgebildete Gründerin der Marke, lernte die Schattenseiten der glamourösen Modewelt bei ihrem früheren Arbeitgeber in München kennen. "Eine klassische Bekleidungsfirma, die in China fertigen ließ." Bald war für sie und ihren Partner, den Sozialpädagogen Björn Hens, klar: "Wir wollen junge Kleidung machen, so umweltfreundlich und so sozial wie möglich." Die Materialien, die für die Röcke, Shorts und Shirts von Glücksstoff verwendet werden, sind mit dem GOTS-Siegel zertifiziert. Es weist nicht nur nach, dass der Rohstoff biologisch und fair gewonnen wurde, es steht auch für gerechte Löhne bei der Weiterverarbeitung der Fasern im Sinne der GOTS-Richtlinien.

Generell steigt die Nachfrage für fair hergestellte Textilien. 2009 wurden in Deutschland immerhin zwei Millionen Kleidungsstücke aus Fairtrade-Baumwolle verkauft, mehr als doppelt so viel wie 2008. Allerdings: Oft wird der fair hergestellte Rohstoff in Firmen weiterverarbeitet, die wenig auf sozial verträgliche Arbeitsbedingungen geben. Deshalb verpflichtet zum Beispiel die 1999 gegründete Fairwear Foundation (FWT) ihre Mitglieder, die gesamte Produktionskette auf ethische Kriterien hin zu überprüfen. Zudem müssen sie mit unangekündigten FWT-Kontrollen rechnen. Ähnliches gilt für die Gütesiegel GOTS und IVN zertifiziert Naturtextil Best.

Während andere Fair-Firmen ihre Kollektionen im Ausland nähen lassen, hat sich das Glücksstoff-Duo auf die Textilindustrie der Schwäbischen Alb besonnen. "Wir kommen von dort und treten für einen Wirtschaftskreislauf ein, bei dem sich eine Näherin das T-Shirt, das sie näht, auch leisten kann", erklärt Hens und gibt als Preisspanne 40 bis 50 Euro an. Zum Vergleich: Fair produzierte T-Shirts aus Indien oder vergleichbaren außereuropäischen Ländern sind schon ab 20 Euro zu haben.

Auch Geschäfte in der Region bieten faire Mode an

Ihren hohen Anspruch macht Glücksstoff deutlich, indem die Firma ihre Stoffe ausschließlich mit Pflanzenfarben färben und bedrucken lässt. Denn gerade das synthetische Färben birgt gesundheitliche Risiken.

Während Glücksstoff wie die meisten kleineren Labels seine Kollektion vor allem online vertreibt, gibt es inzwischen auch auf faire Mode spezialisierte Geschäfte, die unterschiedliche Marken anbieten. Etwa Tribut in Ludwigsburg. "Wir haben den Anteil fair produzierter Kleidung Schritt für Schritt erhöht, so dass unser Sortiment heute fast ausschließlich aus fairer Mode besteht", sagt Marco Brose. "Noch sind wir damit einmalig in der Region."

Junge, faire Modemarken im Südwesten

Junge, faire Modemarken im Südwesten:

www.eco-carrots.de: Das Stuttgarter Label hat sich auf bedruckte T-Shirts für Mann, Frau und Kind spezialisiert.

www.gluecksstoff.de: Daniela Lehle aus Kornwestheim färbt ihre sympathische Kollektion nur mit Pflanzenfarben.

www.greenality.de: Markus Beck aus Aspach bietet T-Shirts an, deren Herstellungsprozess zurückverfolgt werden kann.

www.zuendstoff-clothing.de: Streetwear-Label aus Freiburg.

Spezialisierte Läden in der Region:

www.tribut-ludwigsburg.de: Stilvoller Laden mit überwiegend fairer Mode.

www.unique-nature.com: Stuttgarter Online-Shop für Hochwertiges.

www.copino.de: Eröffnet am 5. November einen Laden im Stuttgarter Westen.

www.weltlaeden.de: Zum Beispiel in Stuttgart, Backnang und anderswo.

Weiterführende Links:

www.oeko-mode.info

www.fair-zieht-an.de

www.gruenemode.com

www.kirstenbrodde.de

www.saubere-kleidung.de

www.korrekte-klamotten.de

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