Wie schädlich sind Dieselabgase? Foto: dpa

112 Lungenärzte zweifeln in einer Stellungnahme die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide an. Dies steht im Gegensatz zu einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP). Die Reaktionen auf die Kritik fallen unterschiedlich aus.

Stuttgart - Insgesamt 112 Lungenärzte haben eine Stellungnahme unterzeichnet, in der sie scharfe Kritik an den derzeit geltenden Grenzwerten für Stickoxid und Feinstaub üben. Das Schreiben richtet sich an die rund 4000 Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP). Initiator ist Professor Dieter Köhler, ehemaliger Präsident der DGP. Diese hatte sich im Dezember selbst in einem Positionspapier dazu geäußert und klar gemacht, dass mehr für den Gesundheitsschutz getan werden muss. Der Lungenfacharzt Köhler hatte sich in Sachen Luftreinhaltung schon häufiger zu Wort gemeldet und moniert, dass es für die Grenzwerte keine belastbare wissenschaftliche Basis gebe.

Warum ist das Positionspapier gerade jetzt öffentlich geworden?

Im gesamten Stadtgebiet Stuttgart gilt seit 1. Januar ein Fahrverbot für Euro-4-Diesel. In vielen anderen Städten drohen ebenfalls Fahrverbote, weil der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft überschritten wird. Diese Fahrverbote halten Köhler und die Mitunterzeichner seines Schreibens für vollkommen überflüssig. Seine Stellungnahme habe er „aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung“ erstellt, heißt es dort. Die kritisierten Grenzwerte gelten bei Stickstoffdioxid bereits seit neun, bei Feinstaub sogar seit 14 Jahren.

Worauf zielt die Kritik?

Köhler wendet sich unter anderem gegen Forschungsergebnisse des Helmholtz-Instituts in München und der Berliner Charité. Die Experten führen jährlich mehrere Tausend vorzeitige Todesfälle in Deutschland auf den Einfluss von Dieselabgasen zurück. Sie bringen nicht nur Lungenleiden, sondern auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes in Zusammenhang mit der Stickoxid-Belastung. Auf Basis solcher Studien schätzt etwa das Umweltbundesamt, dass 2014 etwa 6000 vorzeitige Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Krankheiten der Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zuzuschreiben seien. Köhler kritisiert dagegen, dass die Daten „extrem einseitig“ interpretiert worden seien – „immer mit der Zielvorstellung, das Feinstaub und Stickoxide schädlich sein müssen“. Köhler und seine Mitstreiter fordern deshalb eine Neubewertung der epidemiologischen Studien, mit denen die Grenzwerte unter anderem begründet werden.

Sehen Sie im Video eine Umfrage zur Fahrverbotsentscheidung in Stuttgart:

Was sagen Köhlers Fachkollegen?

Die DGP hatte erst Anfang Dezember in einem umfangreichen Positionspapier für noch stärker Anstrengungen zur Luftreinhaltung ausgesprochen. „Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen sind sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut belegt. Die Pneumologen berufen sich unter anderem auf epidemiologische Studien, in denen unterschiedlich stark mit einem Schadstoff belastete Personengruppen miteinander verglichen werden – etwa in Bezug auf das Auftreten bestimmter Krankheiten und damit verbundene Todesfälle.

Wo liegen die Grenzen der Studien?

Da die Daten unter realen Bedingungen erhoben werden, sind die Teilnehmer nicht nur einem Schadstoff ausgesetzt, sondern einem Gemisch. Hinzu kommen Unterschiede im Lebensstil (Ernährung, Bewegung, Rauchen). Die Forscher versuchen zwar, solche Störfaktoren herauszurechnen. Trotzdem ist es schwierig, bestimmte Effekte einem einzelnen Schadstoff wie Stickstoffdioxid zuzuordnen. Die meisten Umweltmediziner zweifeln trotzdem nicht an der grundsätzlichen Aussagekraft epidemiologischer Studien, zumal es auch Tierversuche und Untersuchungen an Menschen gebe. Sie räumen allerdings ein, dass es sich bei den genannten Zahlen um recht grobe Schätzungen handelt.

Woher kommen die Grenzwerte?

Die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid gehen auf Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zurück. Deren Experten hatten beobachtet, dass Schulkinder in Wohnungen mit Gasherden – die relativ viel Stickstoffdioxid emittieren – öfter an Atemwegserkrankungen litten als in Haushalten, in denen etwa mit Elektroherden gekocht wurde. Da es keine genauen Messwerte gab, konnte die genaue Konzentration aber nur geschätzt werden. Zudem monieren die Kritiker, dass sich der daraus abgeleitete Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft auf geschlossene Räume bezog. Dieser wird auch dann noch eingehalten, wenn draußen höhere Konzentrationen herrschen. Zudem verweisen die Gegner von Fahrverboten darauf, dass etwa in den für strenge Umweltweltgesetzte bekannten USA ein Grenzwert von 104 Mikrogramm gilt. Ein Dorn im Auge ist ihnen zudem die Aufstellung vieler Messstationen in unmittelbarer Nähe von Straßen wie etwa am Neckartor.

Wie sind die Reaktionen?

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält die Zweifel von Köhler und anderen Lungenärzten an den Gesundheitsgefahren durch Feinstaub und Stickoxide für gerechtfertigt. Die Initiative der 107 Fachmediziner sei ein wichtiger und überfälliger Schritt. Er helfe mit, „Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte zu bringen“. Die CDU-Europaabgeordneten Norbert Lins und Peter Liese haben Köhler bereits zuvor nach Brüssel eingeladen: „Er wird im Februar mit Verantwortlichen in Brüssel sprechen“ Die beiden Politiker seien mehr denn je der Überzeugung, dass Fahrverbote bei geringfügiger Überschreitung der Grenzwerte unverhältnismäßig sind. Landesverkehrsminister Winfried Hermann sieht das ein wenig anders: „Es gibt viele seriöse wissenschaftliche Belege dafür, dass die Belastung der Atemluft mit Feinstaub und Stickoxiden eine Gefahr für die menschliche Gesundheit darstellt.“ Er ergänzt: „Diese Grenzwerte sind geltendes Recht, an das sich Regierungen und Behörden zu halten haben.“ Für die Stadt Stuttgart sagte eine Sprecherin, die Stadt werde der Anordnung des Fahrverbots für Euro-4-Diesel nachkommen und die Ausnahmekonzeption umsetzen. Für das mögliche Euro-5-Fahrverbot werde man sich noch äußern.

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